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Kaum war Patricia verschwunden, um Matze zu wecken, sprang Thorwald auf und schrie »Sie kommen! Verdammt, sie kommen!«

Sofort betätigte Max einen versteckten Hebel hinter dem Geschirr, das in einem klobigen Regal aufgestellt war.

Daraufhin schob sich das Regal ganz langsam, wie von Geisterhand bewegt, zur Seite. Ein dunkler Gang kam zum Vorschein, in den alle Druiden zügig verschwanden.

»Los, komm!«, rief Max zu Mira und winkte ihr zu.

Darum ließ sich Mira nicht zweimal bitten und hetzte den alten Männer nach.

Kaum war sie in dem finsteren Gang verschwunden, schloss Max den Geheimgang wieder und rannte der Gruppe rasch hinterher Nach einigen dunklen Kurven und Windungen kamen sie zur Kanalisation, die zur Zeit leider ziemlich viel Wasser führte und dazu äußerst übel roch. Sie wateten durch die stinkende Abwasserbrühe. Nur die Angst vor ihren bewaffneten Verfolgern dämpfte etwas den ständigen Brechreiz und das permanente Würgegefühl.

Nach gut einer Stunde Flucht durch die Kanalisation, standen sie vor stählernen Leiterhaken, die an der bemoosten Wand entlang, noch oben führten. Unter großen Anstrengungen kletterten sie alle der Reihe nach, die Haken hoch und kamen auf diese Weise, wieder oben an der Oberfläche an, wo die alten Druiden bereits, wohl in weiser Voraussicht, einen dunklen Mercedes geparkt hatten. Hastig stieg die inzwischen selbst übel stinkende Gruppe in das edle Gefährt und startete den Motor. Die Flucht per Auto begann.

Sie folgten nur kurz der Landstraße, bis sie auf eine Autobahn auffuhren. Dieser folgten sie in Richtung Norden. Nach der Beschilderung zu urteilen, fuhren sie nach Hamburg. Nach langer und recht zügiger Fahrt, bogen sie wieder auf eine Landstraße ab, um diese kurz darauf, erneut in einen Waldweg biegend, zu verlassen. Der Mercedes wurde wieder gut versteckt abgestellt, und alle stiegen aus.

Eine allgemeine Nervosität unter ihnen beunruhigte Mira, die immer wieder zögerte, den seltsamen Männern zu folgen. Die Gruppe folgte zu Fuß dem Waldweg, bis sie zu einer kleinen Lichtung kam, auf der eine kleine Blockhütte stand. Diese war wohl ursprünglich als eine Art Ferienhaus konzipiert, schien nun aber sehr vernachlässigt und fast baufällig zu sein. Thorwald schloss die Tür dieser üblen Hütte auf und betrat sie, während die anderen auf eine Reaktion von ihm warteten. Als Thorwald schließlich wieder in der Tür erschien und ihnen aufmunternd zu winkte, folgten auch die anderen Druiden und Mira seinem Beispiel und verschwanden der Reihe nach in der Hütte. Die Hütte selbst war, wie war es anders zu erwarten, nur sehr spärlich ausgestattet. Ein Tisch, vier Stühle, eine kleine Behelfsküche, zwei Betten und ein Sofa konnte man als Hauptmobiliar ausmachen.

Mira war nicht gerade begeistert. Max setzte sich zu Thorwald an den Tisch, während sich die anderen Männer in der Hütte verteilten.

»Die haben uns schneller gefunden, als wir es erwartet hatten. Wahrscheinlich wurde ein Peilsender mit eingeschleppt. Wir können nur hoffen, dass wir hier für ein paar Stunden sicher sind.«, brummte Thorwald und sah verächtlich zu Max. Wahrscheinlich gab er ihm die Schuld dafür.

»Ob sie wohl Patricia und Matze erwischt haben?«, fragte Mira leise und sah mit traurigem Blick aus dem einzigen Fenster der Hütte.

»Ich denke nicht, dass sie Patricia erwischt haben, sondern hoffe sehnlichst, dass Patricia diese Typen nicht erwischt hat.«, gab Jürgen schmunzelnd zu bedenken. Jürgen hatte es sich auf dem alten Sofa bequem gemacht und war gerade damit beschäftigt, sich den fest getrockneten Schmutz von der Hose zu kratzen.

»Dennoch meine ich, wir sollten uns nicht beirren lassen und mit der Durchführung unseres Planes beginnen. Dieser Überfall hat uns die Entscheidung wohl ohnehin abgenommen.«, sagte Max.

Thorwald nickte nur zustimmend.

»Ich werde erst einmal versuchen, alle notwendigen Mittel für das Ritual zusammen zu suchen, da unsere guten, alten Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft wohl nicht ausreichen dürften.«, meinte Thorwald und stand auf, um sein altes Notizbuch aus der Hosentasche zu kramen. Als er es gefunden und herausgeholt hatte, ging er zu der Küchenzeile und begann murmelnd darin zu lesen.

Da es ihm scheinbar zu dunkel war, schaltete er die kleine Lampe über der Kaffeemaschine ein. Doch das Licht der matten 25 Watt Glühbirne war sehr schwach und begann zu flackern. Das Flackern wurde immer stärker, und das Licht veränderte seine Farbe. Es wurde schlagartig hellblau und dazu immer greller. Das Glas der Glühbirne zersplitterte mit einem lauten Knall. Doch das blaue Licht begann immer heller zu strahlen, bis sich ein regelrechter Blitz aus ihm heraus löste und in den Holzfußboden einschlug.

Danach war es wieder dunkel in der Hütte. Thorwald sagte lächelnd: »Nun hat sich die Frage um Patricia wohl auch beantwortet.«

Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, bogen sich drei der alten Holzdielen des Bodens an den Enden nach oben, und es formte sich aus ihnen ganz langsam ein Frauenkörper. Immer deutlicher zeichneten sich die Umrisse von Patricia ab. Mira staunte mit aufgerissenen Augen über dieses magische Schauspiel, selbst dann noch, als Patricia sich schon längst neben Jürgen auf das Sofa gesetzt hatte.

»Sie haben Matze erwischt.«, sagte sie und blickte Mira dabei ernst an.

»Aber ich glaube nicht, dass sie ihm in der nächsten Zeit etwas antun. Er ist einfach viel zu wichtig für sie. Aber wir sollten dennoch schleunigst mit unserem Ritual beginnen, Thorwald.«, riet sie uns weiter und warf Thorwald lässig eine neue Glühbirne zu, die sie gleich mitgebracht hatte und bereits die ganze Zeit über, in der Hand gehalten hatte.

Thorwald benötigte fast den ganzen Tag, um die vielen ungewöhnlichen Dinge für das Ritual zusammenzusuchen, die er aber erstaunlicher weise auch alle, im umliegenden Wald fand. Dazu gehörten unterschiedliche Baumrinden, Wurzeln, sowie alter Tierkot, seltsame Steine, Weißdorn, frische Rinde vom Faulbaum, aber auch Proben verschiedener Bodenarten. Als er endlich alles zusammengesucht hatte, warf er die gesammelten Zutaten achtlos auf den Tisch. Dann bat er uns, sogleich einen Kreis um den Tisch zu bilden.

Auch Mira stellte sich etwas scheu und ängstlich dazu und beobachtete aufmerksam, wie Thorwald einen ausgerissenen Fetzen meines Overalls auf den Tisch legte. Den hatte er sich wohl in der Nacht besorgt, während ich schlief. Das Ritual begann.

Erst befeuchtete sich Thorwald die Hände mit etwas Wasser und berührte danach die Zutaten der Reihe nach, wobei er sich ganz offensichtlich, stark konzentrierte. Die anderen Männer taten es ihm gleich und begannen ebenso, fremdartige Wörter in sich hinein zu murmeln. Mira wurde es plötzlich sehr unheimlich, da sich die einzelnen Erdproben, wie durch eine unsichtbare Hand geführt, mischten und die Baumrinden zu dampfen begannen. Thorwald sah nun zu Patricia und nickte ihr auffordernd zu. Daraufhin begann sich die machtvolle Schönheit in eine leuchtend blaue Energiemasse zu verwandeln, die sich rasch über den ganzen Tisch ausbreitete. Der Boden begann leicht zu zittern und Mira musste ihre Augen schließen, da das gleißende Licht für ihre Augen einfach viel zu hell wurde und sie richtig schmerzte. Doch bereits wenige Augenblicke später war schon alles wieder vorbei. Die Männer standen noch immer um den Tisch versammelt, auf dem sich jetzt nur noch gräuliche Asche häufte. Alle Zutaten, aber auch die blonde Patricia waren verschwunden. Verwirrt schauten sich alle gegenseitig an und Max fragte: »Hat es geklappt?«

»Ich weiß es auch nicht.«, antwortete Thorwald und setzte sich matt und erschöpft auf einen Stuhl.

Ich erwachte durch das Poltern der schweren Holztür, die einen Spalt weit geöffnet wurde. Man schob mir einen einfachen Plastikteller mit billiger Erbsensuppe aus der Dose hindurch und schloss dann wieder krachend die Tür. Über diese Mahlzeit war ich sehr erfreut, da ich durch das unbequeme Schlafen einen übel pelzigen Geschmack in meinem Mund wahrnahm, den ich mir mit der Suppe vertreiben wollte. Doch schon bald wusste ich wirklich nicht mehr, welchen Geschmack ich bevorzugen sollte, da die Erbsensuppe einfach abscheulich schmeckte.

Nachdem ich dann doch alles hinunter gewürgt hatte, begann ich mich aufmerksam in der Zelle umzusehen. Vielleicht bot sich irgendeine Möglichkeit, diesem finsteren Loch zu entfliehen, oder wenigstens meine Lage etwas zu verbessern.

Ich wurde jedoch enttäuscht. Außer maßlos viel Dreck und Schimmel, war innerhalb dieser vier, feuchten Wände nicht viel zu entdecken, und bald fand ich mich auf der Liege beim frustrierten Grübeln wieder.

Die Zeit in dem schummrigen Licht dieses Kellerlochs verging zäh und schleppend. Jedenfalls fühlte ich es so, da man mir meine billige Armbanduhr abgenommen hatte und ich nur noch schätzen konnte, welche Tageszeit es gerade war. Ich dachte daher viel über die Geschehnisse der letzten Tage nach und versuchte mir gedanklich ein, für mich sinnvolles Bild meiner prekären Situation zu zeichnen. Nur eine kleine Spinne, die ich an der Decke über mir ausgemacht hatte und die sich zwischen dem abbröckelnden Putz einen Weg zu bahnen versuchte, lenkte mich von dieser Grübelei ein wenig ab.

Von einem glucksenden Geräusch aus meinen Gedanken aufgeschreckt, welches aus der Richtung der Toilettenschüssel zu kommen schien, sprang ich auf, um mich vorsichtig dieser durch und durch abstoßend Einrichtung zu nähern. Das Geräusch wurde intensiver, und ich wagte angewidert einen Blick über den dunklen, mit Urinstein verklebten Schüsselrand. Doch da, ich traute meinen Augen kaum, entdeckte ich ein kleines, schwarzes Wesen mit einer Art Echsenkamm auf seinem hässlichen Köpfchen. Es hatte schwach gelbliche, sogar nahezu glühende Augen und war gerade mit offensichtlichem Genuss damit beschäftigt, sich die alten Kotreste meiner Vorgänger ab zu kratzen und schmatzend in sich hinein zu schlingen. Das Geschöpf bemerkte mich ärgerlicher weise sogleich und tauchte nach einem hellen, kreischenden Geschrei, im trüben Abflusswasser unter.

Erschrocken sprang ich nach hinten weg, und würgte verzweifelt. Ich musste mich beherrschen, mich nicht auf dem Kellerboden zu übergeben. Doch das gelang mir nicht. Ich schrie förmlich meinen Ekel mit dem Mageninhalt heraus. Entsetzt und noch völlig von dem Anblick geschockt, ließ ich mich auf den Rand der alten Liege nieder, um mich etwas von dem Schreck zu erholen und die Krämpfe in meinem Magen wieder in den Griff zu bekommen.

Doch noch ehe ich wieder zu etwas Sauerstoff und Ruhe gekommen war, musste ich mit ansehen, wie gleich mehrere dieser scheußlichen koprophagen Wesen hastig über den versifften Schüsselrand sprangen und sich rasch in der Zelle verteilten. Dabei kommunizierten sie wispernd und lebhaft in einer Art Sprache, die mir völlig fremd war. Es wurden immer mehr von diesen kleinen Biestern, die immer wieder am Schüsselrand auftauchten und in meine Zelle sprangen. Einige dieser Wesen machten sich sogleich über mein Erbrochenes her, das sie gierig und schmatzend vom Kellerboden aufleckten. Ihnen schien meine Erbsensuppe offenbar mehr zu munden, als mir selbst.

Doch mit einem Mal begann der Boden heftig zu beben, und ein unheimliches, nicht gerade angenehm krachendes Geräusch dröhnte durch den gesamten Keller. Unter gewaltigem Getöse durchbrach ein riesiges Maul, üppig besetzt mit gefährlich aussehenden, spitzen Zähnen, den steinernen Zellenboden. Die ekelerregende Kloschüssel wurde dabei mit brachialer Gewalt gegen die mit Schimmel besetzte Zellenwand geschleudert, an der die Keramik sogleich tosend in viele Scherben zerbrach. Das Maul drückte sich kraftvoll immer weiter durch den Boden, so dass man den Kopf einer riesigen Schlange, einer richtigen Art Hydra, erkennen konnte.

In der Zelle begann es nun furchtbar nach Verwesung zu stinken, und ich drängte mich in panischer Angst an die Wand, um nicht durch den Kopf dieses großen Monsters zerdrückt zu werden. Dabei musste ich jedoch mit ansehen, wie gleich mehrere dieser kleinen, gierigen Kreaturen in das Maul der Schlange hinein fielen und dann restlos in dem fauligen Schlund verschwanden, ohne auch nur mit einem einzigen Schluckreflex der Hydra gewürdigt zu werden.

Der Kopf von dem Ungeheuer gewann jedoch immer mehr Spielraum im Boden, und es war nur noch eine Frage der Zeit, dass auch ich in dieses Maul hinein fallen würde. Ich hatte meine Hosen restlos voll und klammerte mich mit weit aufgerissenen Augen an einem Vorsprung der Mauer fest. Dann gab diese riesige Schlange erneut einen ohrenbetäubenden Schrei von sich, dessen schriller Klang mir das Blut in meinen Adern nahezu gefrieren ließ. Der faulige Geruch dieser Bestie ließ mich erneut würgen.

Doch plötzlich entdeckte ich, wie sich durch die Bodenritze der Zellentür eine geheimnisvoll leuchtende Flüssigkeit ergoss und sich direkt vor der Tür zu einer kleinen Pfütze sammelte. In großer Geschwindigkeit bildete sich aus dieser seltsamen Pfütze ein ungemein hübscher Frauenkörper, der mich fast die akute Gefahr vergessen ließ. Ich konnte es kaum glauben.

Es war Patricia, die sich vor meinen Augen bildete. Ihre sagenhaften Proportionen und die Art ihres Auftretens ließen einfach keinen anderen Schluss zu. Nur wenige Augenblicke dauerte es noch, bis ihr langes Haar in diesem gasartigem Todeshauch der brutalen Verwüstung zu wehen begann.

Sie blickte mich mit ihren blauen Augen an, und ich verlor für einen winzigen Augenblick meine gesamte Furcht vor dem Riesenmaul, das inzwischen immer wieder nach mir schnappte und gierte. Ich sah jetzt nur noch meine Patricia vor mir. Diese Frau war für mich ein Wirklichkeit gewordener Traum. Sie drehte sich jedoch sogleich um, und von ihrem Körper ging wieder dieses helle Strahlen aus, so dass die ganze Zelle hell ausgeleuchtet wurde.

Für einen kleinen Augenblick schien die Schlange irritiert zu sein und stellte ihre gesamten Aktivitäten ein. Dabei starrte die Bestie sichtlich verwirrt auf Patricia. Diese nutzte diesen wahrhaft goldenen Augenblick der Verwirrung gut und schleuderte einen gleißend grellen Lichtball gegen diese schreckliche Wesenheit in den Kampf.

Dieser Energieball verwandelte sich in der Luft zu einem riesigen Greifvogel, der ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, seine scharfen Fänge in den Kopf des Wesens bohrte. Mit einem lauten, fauchenden Geräusch schleuderte die vermeintliche Hydra ihren dämonischen Schlangenkopf herum, so kraftvoll, dass der immens große Vogel gegen die Zellenwand geschleudert wurde. Dabei riss er jedoch der Hydra große, blutig aussehende Fleischstücke aus dem Schlangenkörper, die nun an den scharfen Vogelkrallen klebten. Der Greifvogel war nur kurz irritiert und griff sogleich erneut an und stürzte sich erneut furchtlos auf den geifernden Kopf der Hydra, um seinen mächtigen Hakenschnabel, wie einen Dolch, in eines der feisten Augen der Bestie zu stoßen.

Schmerzerfüllt fauchte die mächtige Wasserschlange auf und versuchte verzweifelt ihren gefiederten Peiniger abzuschütteln.

Der Vogel jedoch, er war nun auf diese Gegenwehr vorbereitet und krallte sich fest in das zähe Fleisch der inzwischen entstellten Fratze der Unterwelt. Er hackte nun immer wieder wild auf das Auge ein und riss sich dabei einzelne Stücke heraus, um sie gierig hinunter zu schlingen.

Patricia unterdessen, sie entsandte nun einen neuen magischen Lichtball, der sich umgehend in eine Art große Wasserratte, also ein Nutria erstaunlichen Ausmaßes, verwandelte. Diese Ratte verbiss sich gleich ebenso in den Schlangenkörper, wie es der Vogel bereits tat. Immer wieder schlug dieser fiese Nager seine messerscharfen und erstaunlich langen Schneidezähne in die große Schlange, die verzweifelt und sich stark windend versuchte, ihre überaus flinken Angreifer abzuschütteln. Dann aber ganz plötzlich, da kippte sie vorne über und bekam die Wasserratte mit ihren spitzen Giftzähnen zu fassen.

Augenblicklich zerteilten ihre geübten und kraftvollen Kiefer den Körper der riesigen Ratte, die sich daraufhin sofort wieder in einen Lichtball verwandelte, dessen enorme Hitze das stinkende Maul der Schlange unverzüglich gnadenlos verschmorte. Rauch stieg auf, und es stank nach verbranntem Fleisch.

Mit einem gewaltigen Getöse explodierte der malträtierte Kopf dieses Ungetüms, und die triefenden Fleischfetzen klatschten derbe an die feuchten Zellenwände. Der leblos gewordene Körper der Schlange sank kraftlos in das Bodenloch zurück, und der Adler flog wieder zurück zu Patricia, die ihren zierlichen Frauenarm empfangend ausstreckte.

»Matze! Matze, wir müssen schleunigst von hier verschwinden. Die Hydra wird sicherlich bald mit einem neuen und wahrscheinlich gefährlicheren Kopf auftauchen!«, rief Patricia mir zu und schleuderte einen hauchdünnen Lichtblitz gegen die schwere Zellentür, die durch diesen, mit einem lauten Krachen, in viele kleine Teile zerfetzte.

Ich ließ mich dazu nicht zweimal auffordern und rannte Patricia sofort und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern hinterher. Sie hatte sich bereits auf den Weg nach draußen gemacht. Hinter mir vernahm ich unterdessen, wie diese mächtige Bestie erneut unter enormen Getöse versuchte, aus dem zerstörten Zellenboden auszubrechen und war doch sehr froh, ihr nun entfliehen zu können. Eine weitere Begegnung wollte ich unbedingt vermeiden.

Im Flur nahmen wir nicht den Aufzug, sondern rannten die Fluchttreppen hinauf und standen bald in der vollkommen menschenleeren Empfangshalle des großen Gebäudes. Die Halle verließen wir sogleich durch eine Glastür und rannten die lange Straße hinunter.

Keine Menschenseele war auch hier zu entdecken. Keine Verfolger hetzten uns nach. Alles schien seltsam ruhig. Mitten auf den Straßen standen einige Autos, in denen jedoch kein Fahrer saß. Auch hörte man keinerlei Verkehrslärm, und kein Auto fuhr auf der Straße. Kein Hupen nervöser Autofahrer und kein Quietschen der Reifen war zu hören. Die Bürgersteige zeigten sich menschenleer, und die Geschäfte standen offen, ohne das auch nur ein Mensch zu sehen war. Alles war völlig verlassen. Auch konnte man nicht eine einzige Taube entdecken, oder etwa einen Vogel am Himmel. Dabei waren Tauben in den Städten eine regelrechte Plage geworden. Es war totenstill, und nur den Wind konnte man durch die leeren Straßen rauschen hören.

Wir rannten nun nicht mehr, und ich bat Patricia, auf mich zu warten, da ich von ihr wenigstens ein ganz klein wenig Erklärung für diese ganzen kuriosen Vorfälle erwartete. Sie musste doch bemerkt haben, was ich für sie empfand. Daher verstand ich es einfach nicht, dass sie mich völlig im Dunkeln ließ.

Doch Patricia schwieg beharrlich und setzte sich in einen leeren Bus, der mitten auf der Straße abgestellt war. Ich setzte mich direkt neben sie und sah die junge Frau immer wieder erwartungsvoll an.

»Matze, wie du selbst siehst, scheint unser Plan funktioniert zu haben. Es gibt keine lebendige Seele mehr, außer uns, auf dieser trostlosen Welt. Das Einzige was wir jetzt noch tun können ist, zu warten, bis die Druiden die gefährlichen Löcher gestopft haben und damit versuchen, den Schaden für das Sein zu begrenzen.«, sagte sie und lächelte mich dabei ein wenig an.

Ich mochte dieses Lächeln von ihr sehr und erkannte bei jedem neuen Lächeln neue Eigenschaften, die mich nur noch mehr reizten.

»Wenn wir wirklich allein sein sollten, so wie du es sagst, dann frage ich mich allerdings, was dieses Monster eben im Keller war?«, entgegnete ich und ließ verspielt einige Strähnen ihrer blonden Haare durch meine Finger gleiten.

»Das sind wohl die befürchteten Nebenwirkungen unserer Mission, vor denen uns Thorwald gewarnt hatte. Gegenstände und Wesen anderer, paralleler Welten können sich hier nun ausbreiten und natürlich auch beträchtlichen Schaden anrichten. Du hast es ja eben selbst gesehen. Es ist zwischen den Welten, durch den massiven Eingriff der Druiden, eine Art Vakuum entstanden. In diese Leere werden immer wieder Wesenheiten oder Objekte anderer Welten hinein gezogen. So ganz sicher dürfen wir uns also hier nicht fühlen, Matze.«, warnte Patricia mich und ergriff meine Hand, nur um sie ein wenig sanft zu streicheln.

Offenbar wollte sie mich damit beruhigen.

Wir beide wussten bereits nur zu gut, dass zwischen uns mehr zu entstehen begann, als wir es damals an der Raststätte auch nur annähernd ahnen konnten. Ihre weiblichen Berührungen lösten bei mir eine angenehme innere Wärme aus, die sich auf meinen ganzen Körper ausbreitete. Diese Frau, dieses sagenhafte und dennoch so mächtige Wesen, sie faszinierte mich enorm. Nein, mir wurde zunehmend bewusst, dass ich für Patricia viel mehr empfand, als nur einfache Zuneigung. Ich spürte eine junge Liebe in mir keimen und genoss jeden Augenblick ihrer Gegenwart. Sie nahm meine Hand nun ein wenig fester und zog mich aus dem Bus heraus.

»Wir müssen versuchen, die anderen zu finden. Sie werden mich brauchen, und ich kann dich hier unmöglich alleine zurücklassen. Es ist viel zu gefährlich, hier alleine herumzuirren.«, sagte sie, während wir fast gemütlich durch die menschenleeren und unnatürlich wirkenden Straßen schlenderten.

Wir kamen an einem Imbissstand vorbei, aus dem schwarze Rauchwolken aufstiegen. Ohne irgendeine Aufsicht durch einen Menschen, verkohlte hier natürlich jegliches Bratgut. Es war daher zu vermuten, dass weltweit inzwischen viele große Brände entstehen dürften, wenn wir nicht rasch wieder den ursprünglichen Zustand herstellten.

Mit zusammengekniffenen Augen rannte ich in den verrauchten Verkaufsraum. Dann zwängte ich mich hinter den Herd. Der Rauch brannte in meinen Augen. Ich kämpfte mich zu den verkohlten Bratwürsten, die unglaublich stark qualmten und daher wohl auch die Auslöser dieser ganzen Rauchentwicklung waren. Es stank erbärmlich, und ich schaltete den Herd aus, um dann sogleich wieder zu Patricia zu eilen, die dort auf mich wartete.

Ich war schließlich froh, als ich hustend wieder vor ihr stand und hoffte, dass alte Haus nun gerettet zu haben.

Patricia jedoch, sie schüttelte nur den Kopf und machte mir klar, dass wir uns jetzt nur noch mehr beeilen mussten.

Nach einiger Zeit trister Wanderei durch menschenleere Straßen, sahen wir nun gleich mehrere dunkle Rauchsäulen in den Himmel aufsteigen und ahnten, dass dort bereits große Brände wüteten. Etwas tröstlich war bei dieser Entdeckung nur, dass offenbar keine Menschenleben in Gefahr sein konnten. Alle Menschen waren und blieben verschwunden.

Vom Wind getrieben, wurden Papierfetzen auf den leeren Straßen umher gewirbelt, und vereinzelt konnte man Weißblechdosen klappern hören. Patricia wollte so schnell, wie es nur irgendwie möglich war, die Stadt verlassen. Es schien ihr einfach viel zu gefährlich zu sein. Da wir, um zu den Druiden zu gelangen, ohnehin hier weg mussten, folgte ich ihr, ohne mich über das Tempo zu beschweren. Ich wusste nur zu gut, dass sie nur wegen mir diese beschwerliche Form der Fortbewegung gewählt hatte. Sie hätte sich selbst ebenso gut mittels ihrer seltsamen Magie zu den Druiden bringen können. Aber sie blieb, nur um mir zu helfen und mich zu beschützen.

Wir setzten uns in eines der vielen Autos, die mitten auf der Straße standen und fanden auch gleich den Zündschlüssel, da der Wagen offenbar unerwartet und plötzlich verlassen wurde. Zügig fuhren wir durch die Straßen und achteten natürlich nicht mehr auf die Verkehrsregeln. Es gab schließlich keinen Verkehr mehr, auf den wir achten mussten und den es zu regeln gab.

Überall konnte man nun kleinere Brände entdecken, die sich schnell ausbreiteten. Vereinzelt hatten die herrenlos gewordenen Autos und Lastkraftwagen, heftige Unfälle und Schäden verursacht. Auch fuhren wir an einem großen Feuer vorbei, das durch einen abgestürzten Helikopter verursacht worden war, dessen langen Rotorblätter in den rauchenden Trümmern noch deutlich zu erkennen waren.

Aus einigen Häusern strömte Wasser, das sich in den Rinnsteinen der Straßen zu regelrechten Seen sammelte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass auch die Energieversorgung, die wohl nur noch über eine Automatik zu laufen schien, versagte. In einzelnen Stadtteilen schien genau das auch schon eingetreten zu sein, da hier nicht einmal mehr die Ampelanlagen funktionierten. Vereinzelt lagen Fahrräder und andere Hindernisse auf der Straße, dass ein zügiges Vorankommen immer schwieriger wurde. Auf den Fußgängerüberwegen lagen meist Unmengen an Taschen und Tüten herum, und Straßenkreuzungen wurden oft von menschenleeren Bussen und Straßenbahnen hoffnungslos verstopft.

Gerade als wir eine der großen Kreuzungen überqueren wollten, entdeckten wir eine kleine Gruppe merkwürdiger Kreaturen, die offenbar gerade dabei war, einen großen Blumenladen zu plündern.

Diese Wesen waren gedrungen, aber durchaus humanoid, hatten einen großen, schnautzenartigen Mund, der mit einer doppelten Zahnreihe kleiner, spitzer Zähne ausgestattet war. Sie glotzten aus kleinen, völlig verkrusteten Augen in eine Welt, die sie offenbar nicht kannten. Dabei erschienen sie vollkommen haarlos und nackt, sahen jedoch ansonsten sehr drahtig und trainiert aus. Es waren weibliche und männliche Wesen darunter, und auf der Straße warteten kleinere Versionen dieser Wesen, wohl ihre Nachkommen.

Eines dieser jungen Geschöpfe auf der Straße bemerkte uns und begann unangenehm schrill zu schreien, worauf mehrere der ausgewachsenen Kreaturen mit weit aufgerissener Schnauze auf uns zu rannten. Patricia zeigten nicht den kleinsten Willen zu bremsen, sondern beschleunigte unseren Wagen sogar noch, um an diesen hässlichen Gestalten vorbei zu kommen.

Diese stürzten sich aber nahezu furchtlos und polternd gegen unseren Wagen und wurden unter lautem Krachen auf den Boden geworfen. Dann ging ein Rucken durch das ganze Auto, das uns beiden bewusst werden ließ, dass wir wohl eines der Wesen überfahren hatten.

Die Windschutzscheibe zersplitterte, als ein weiterer Glatzkopf versuchte, auf die Kühlerhaube zu springen. Natürlich wurde er ebenfalls durch die Wucht des Wagens herunter geschleudert. Dabei wurde ihm offenbar einer seiner Mittelfinger abgerissen, der mir zuckend in den Schoß gefallen war. Angewidert nahm ich den blutigen Finger und schleuderte ihn durch das zersplitterte Fenster. Bald hatten wir glücklicherweise die Straßenkreuzung hinter uns gelassen und fuhren in eine Seitenstraße, um uns dort von unserem Schreck zu erholen. Wir stiegen aus und klopften uns die vielen, kleinen Scherben des Verbundglases ab, an denen ich mir wieder zahlreiche kleine Schnittwunden zugezogen hatte. In der Ferne konnten wir eine Menge merkwürdiger, grunzender Schreie hören, die wahrscheinlich von diesen Glatzköpfen aus gingen.

»Wir müssen uns ein anderes Auto nehmen. Vorne auf der Hauptstraße, dort standen doch reichlich davon herum.«, meinte Patricia, die sich von den Ereignissen recht unbeeindruckt zeigte. Schon machte sich auch schon auf den Weg, ihre Idee in die Tat umzusetzen.

Vorsichtig tasteten wir uns der Hauptstraße entgegen, bis Patricia plötzlich stehen blieb. Sie deutete mir energisch an, möglichst leise zu sein und zeigte mit dem Finger auf eine kleine Häusernische in der zwei von diesen grässlichen, nackten Schnautzenwesen standen. Sie waren offenbar gerade damit beschäftigt, auf ihre Weise wilden Sex zu haben, den sie ganz nach Hundeart vollzogen. Ein breites Grinsen konnte ich mir bei dem Anblick nicht verkneifen, hielt mich jedoch an die Anweisung von Patricia und blieb dabei ruhig. Ich dachte sogleich über den abgetrennten Finger nach, und dieser Gedanke war es dann schließlich auch, der mir half, ernst zu bleiben.

Wir schlichen vorsichtig zu einem Ford, in den wir eiligst einstiegen. Das seltsame Paar hatte uns glücklicherweise noch immer nicht bemerkt. Patricia und ich waren sichtlich erfreut, als auch in diesem unbeschädigten Fahrzeug der Zündschlüssel noch im Schloss steckte. Patricia startete sogleich den Wagen und fuhr rasant an.

Die beiden Sex gierigen Glatzköpfe erschraken mächtig und stürzten vor lauter Schreck auf die Seite. Nun musste auch Patricia lachen und kurbelte lässig ihr Seitenfenster herunter. Man konnte in dem Wagen deutlich riechen, dass wir in einem Raucherauto saßen, eine kleine Theorie, die durch den gelben Himmel und den vollen Aschenbecher im Wagen gestützt wurde. So zügig, wie es uns bei dieser Straßenlage möglich war, fuhren wir bis zur Stadtgrenze, die wir dann auch nach ganzen zwei anstrengenden Stunden erreichten. Patricia ließ ihren Plan, die Autobahn zu benutzen, rasch wieder fallen, da es vollkommen unmöglich war, den Zubringer zu befahren. Er war durch liegengebliebene Autos und Lastkraftwagen völlig verstopft. Also setzten wir unseren Schlängelkurs auf der schmalen Landstraße fort und verließen auf diese Weise auch endlich die tote Stadt.

Im Rückspiegel konnte ich gewaltige Rauchsäulen über der Stadt aufsteigen sehen und hoffte sehr, dass dieser böse Albtraum bald enden und ich in meinem Bett zu Hause erwachen würde.

Kurz nach dem Verlassen der Stadt kramte Patricia eine alte Militärpistole aus ihrer Windjacke und hielt sie mir anbietend entgegen.

»Hier, ich könnte mir denken, dass du sie vielleicht noch brauchen wirst. Jedoch habe ich nur diese eine Ladung Munition für dich, also gerade einmal sechs Schuss. Du musst also sehr sparsam sein. Vielleicht sollten wir zuerst einmal Ausschau nach weiterer und vor allem auch besserer Bewaffnung halten.«, sagte sie und konzentrierte sich dabei auf das anstrengende Fahren. Wir mussten immer wieder einigen verlassenen Autos ausweichen, die einfach mitten auf der Fahrbahn herumstanden.

»Weißt du denn überhaupt, wo wir den Druidenzirkel finden werden?«, fragte ich sie und legte die Waffe griffbereit zur Seite.

»Ich denke, es wäre ratsam, erst einmal zu jener Stelle zu fahren, an der wir dieses Ritual abgehalten haben. Von dort aus sind sie nach Norden gefahren. Nach den Berichten von Thorwald, liegt der Treffpunkt etwa 200 Kilometer nördlich von dem Ritualplatz entfernt, ebenfalls in einem Wald, auch wieder in so einer Art Ferienhaus. Dieses Haus muss an einem kleinen See liegen, an dessen Ufer sich ein stillgelegter Campingplatz befindet. Mehr weiß ich leider auch nicht. Ich hoffe aber, du kannst gut Landkarten lesen, Matzelein.«, spöttelte Patricia ein wenig herum und schmunzelte.

Unsere Fahrt wurde dann langsamer, da auf der Straße vor uns ein Milchtankwagen umgekippt war und sich durch die ausgelaufene Milch, ein riesiger Milchsee gebildet hatte. Langsam fuhren wir an der Unfallstelle vorbei und waren gerade auf der Höhe des verunglückten Tankwagens, als wir einen hellen Lichtball auf der Weide entdeckten, der mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit auf uns zu flog. Kurz vor unserem Fahrzeug blieb der unheimliche Lichtball ruckartig in der Luft stehen und begann dort heftig zu zittern. Es sah fast so aus, als sei er aufgeregt. Er hatte die Maße einer Bowling-Kugel und verursachte ein leises, surrendes Geräusch, das sich seltsam beruhigend auf mich auswirkte.

»Es scheint harmlos zu sein.«, sagte Patricia nach einer kurzen Weile erwartungsvollen Ausharrens und streckte vorsichtig ihre Hand nach der Kugel aus. Die Kugel zeigte keinerlei Reaktion und erst, als Patricia sie tatsächlich vorsichtig berührte, wich sie der Hand ein wenig aus.

»Sie ist weder extrem heiß, noch erwähnenswert kalt.«, sagte Patricia und nahm ihre Hand wieder zurück.

»Ich meine, wir sollten vorsichtig weiterfahren. Mal sehen, was das Ding unternimmt.«, gab ich zurück, und Patricia fuhr daraufhin erst einmal ganz langsam an. Im kleinen Kosmetikspiegel meiner Sonnenblende konnte ich beobachten, wie diese leuchtende Kugel, uns in einem immer gleich bleibenden Abstand folgte. Auch Patricia bemerkte es und beschleunigte das Fahrzeug dann so sehr, wie es ihr bei dieser Straßenlage möglich war. Die Kugel folgte uns jedoch problemlos weiter, und auch ihr Abstand zu uns blieb gleich. Ohne uns aufwendig um unseren neuen Begleiter zu kümmern, setzten wir unsere Fahrt zunächst einfach fort, da die Zeit drängte und die Kugel nicht sehr bedrohlich auf uns wirkte.

Wir kamen jedoch nur mäßig voran. Patricia hatte in der Zwischenzeit ihr Seitenfenster hoch gekurbelt, da es auch noch angefangen hatte, zu regnen. Ich hatte das Gebläse eingeschaltet und die Heizung etwas hoch gedreht, so dass sich nun eine angenehme Wärme ausbreitete.

»Der Regen ist gut gegen diese vielen Brände.«, meinte ich nachdenklich, und Patricia nickte nur leicht, während sie wieder einmal in den Spiegel sah. Das tat sie oft, um festzustellen, was unsere Verfolgerkugel so trieb und ob sie uns noch immer folgte. Sie war noch immer ein wenig misstrauisch. Seit fast einer Stunde fuhren wir nun mit dieser leuchtenden Begleitung und waren in der Zwischenzeit beide ziemlich überzeugt davon, dass dieses Phänomen uns gegenüber nicht feindselig war. Immerhin hätte es uns schon längst angreifen und attackieren können. Patricia unterbreitete dann den Vorschlag, dass wir ihm doch einen Namen geben sollte. Das war wieder einmal so typisch Frau. Frauen wollen immer gleich allem einen Namen geben.

»Wir sollten es einfach Milk nennen, da wir seine Bekanntschaft schließlich an diesem Milchsee gemacht hatten.«, schlug Patricia vor.

Ich stimmte mürrisch zu und beobachtete die mysteriöse Kugel, die nun einen Namen hatte. Während Milk uns weiter folgte, begann es langsam dunkel zu werden. Wir machten uns langsam ernsthaft Gedanken darüber, wo wir die Nacht zubringen sollten. Milk sah in der Dämmerung beinahe so aus, wie ein kleiner Vollmond und hatte in der Zwischenzeit ein paar Runden um unser Auto gedreht. Zuerst dachten wir, er würde uns doch noch angreifen, und ich hatte schon ganz nervös meine Waffe hervorgeholt. Aber dann stellten wir fest, dass es sich wohl mehr um eine Art von Ausgelassenheit bei dieser seltsamen Kugel handelte, eben um unseren Wagen zu kreisen. Ihm war es scheinbar zu langweilig, immer nur hinter uns her zu fliegen. Aber warum flog er denn nicht einfach weg? Was wollte er nur von uns?

Diese Fragen stellten wir uns immer wieder und hofften insgeheim, bald eine Antwort darauf zu bekommen.

Der Regen ließ nach einer Weile wieder etwas nach, und vereinzelt rissen die Wolken am Himmel auf, hinter denen man das blasse Rot der untergehenden Sonne deutlich erkennen konnte. Gerade als wir uns einer langgezogenen Waldgrenze näherten, hörten wir einen ohrenbetäubenden Knall, und unser Wagen geriet kräftig ins Schleudern. Nur mit großer Mühe konnte Patricia das Fahrzeug wieder in ihre Gewalt bringen. Wir hielten an dem Seitenstreifen an und stiegen aus, um nachzusehen was geschehen war. Der linke Vorderreifen war geplatzt und hing nur noch in Fetzen herunter.

»So ein Mist! Ich hoffe, wir haben einen Reservereifen hinten im Kofferraum, da wir sonst ziemlich schlecht in dieser Einöde aussehen.«, fluchte ich und wurde mir erst jetzt bewusst, dass wir durch das Platzen des Reifens unseren Begleiter Milk völlig vergessen hatten.

Milk jedoch, der schwebte wieder zitternd über unserem Auto. Plötzlich hörten wir dann den lauten Ruf eines Jagdhorns und erkannten trotz der Dämmerung, dass sich mindestens zwei Dutzend riesenhafte und massig wirkende Gestalten aus dem Wald, direkt auf uns zu bewegten.

»Patricia schau!«, rief ich und zeigte in die Richtung, aus der sich diese Gestalten näherten. Dann griff ich rasch in den Wagen, um meine Pistole zu holen. In diesem Augenblick schossen unsere Angreifer rote, pfeilförmige Lichtblitze in unsere Richtung. Diese schlugen in Folge hart in unser Auto ein und rissen in das Blech riesige Löcher. Augenblicklich setzte sich unser leuchtender Begleiter in Bewegung und raste mit einem enormen Tempo, direkt vor unserem Wagen, in den Erdboden hinein und verschwand völlig in einem kleinen Krater.

Wenige Augenblicke später preschte Milk direkt vor unseren Angreifern wieder aus dem Boden. Dabei flogen Unmengen an Gras und Erde mit einem krachenden Geräusch gut zwei Meter weit durch die Luft. Für einen kleinen Augenblick hielten die unbekannten Angreifer erschrocken inne, so überrascht waren sie von der Gegenwehr. Milk nutzte die Zeit, um sich in einen Lichtstab, oder vielmehr eine Art Lichtbogen, zu verwandeln, der nun auf die Angreifer zu raste. Mit einer erschreckenden Brutalität zerfetzte dieser energiegeladene Lichtbogen, die zwei Meter großen Hünen mühelos. Dabei schnitt der gleißende Lichtstab durch die massigen Körper, wie ein warmes Messer durch weiche Butter und hinterließ nur blutende Leichenteile, die noch ein wenig vor sich hin qualmten. Dieses alles geschah mit einer enormen und für unsere Augen kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit, so dass die Hälfte der Angreifer in nur wenigen Augenblicken wimmernd und sterbend auf dem Boden kauerten. Vereinzelt konnte man dann noch ausmachen, dass einige der Angreifer scheinbar den Rückzug antraten. Doch diese Einschätzung sollte sich schon bald, als ein Irrtum heraus stellen, da diese Krieger nur weiteren, kampfkräftigen Nachschub aus dem dichten Wald befahlen.

Aus dem Unterholz brachen schließlich unzählige dieser großen Hünen heraus, die teilweise auf Nashorn ähnlichen Kreaturen ritten und nun stampfend auf uns zu kamen. Auch hinter uns war es plötzlich lebendig geworden, und ich wurde von einem roten Lichtpfeil getroffen, dessen große Wucht mich spielend auf die Straße warf und dabei eine üble Wunde hinterließ. Auch hatte ich mir durch die Wucht des Aufpralls wohl einige Rippen gebrochen, was ziemlich schmerzte.

Patricia allerdings, sie hatte sich in der Zwischenzeit auch verändert. Sie hatte eine bläuliche Aura um sich herum gebildet, die inzwischen grell leuchtete. In diesem Augenblick traf sie genau so ein Lichtpfeil, wie er mich zuvor getroffen hatte. Dieser jedoch, wurde einfach von ihrer bläulichen Aura geschluckt, und Patricia ließ sich ihren Treffer nicht einmal anmerken. In der Ferne konnte ich die lauten Schmerzensschreie der massigen Reittiere hören, die wahrscheinlich in der Zwischenzeit durch unseren Begleiter Milk übel zugerichtet wurden.

Immer noch stand Patricia neben mir. Sie hatte ihre beiden zierlichen Arme in die Luft gehoben, und ich konnte einen dumpfes Grollen über mir im Himmel hören, das langsam immer lauter wurde und dabei schnell näher kam. In der Ferne erkannte ich in der Dämmerung einen mächtigen Schatten auf uns zu fliegen, dessen Ausmaße ich nur schwer schätzen konnte. Es bereitete mir zunehmend Mühe, mich wegen meiner Schmerzen zu konzentrieren.

Beim Näherkommen erkannte ich jedoch, dass es sich wohl um ein gewaltiges Drachenwesen handelte, dessen enorme Flügelspannweite ich auf gut einhundert Meter schätzte. Dieses ungemein majestätisch anmutende Geschöpf, das ich selbst nur aus Märchen und Sagen kannte, verringerte rasch seine Höhe und setzte zur Landung an. Die kriegerischen Wesen schleuderten sofort ihre Lichtspeere gegen die neue Bedrohung, welche allerdings den Drachen nicht beeindruckten. Als seine großen, Klauen artigen Füße auf den Asphalt der Straße setzten, begruben sie mindestens zehn unserer Angreifer, zusammen mit ihren Reittieren, unter sich.

Die kriegerischen Massen, die nun die ganze Lichtung ausfüllten, kreisten uns und den Drachen allmählich ein. Ich schätzte die Zahl dieser kriegerischen Kreaturen auf mindestens Eintausend und wollte zudem wirklich nicht wissen, wie viele von denen noch in dem Wald auf ihren Angriffsbefehl warteten.

Der Drache riss mit einem fürchterlichen Gebrüll seinen riesigen Schlund auf und biß immer wieder unkontrolliert in die Menge hinein, um damit mindestens jeweils zwanzig dieser Kreaturen zu verschlingen. Dabei riss er seinen riesigen Kopf immer wieder weit in die Höhe, um die Angreifer, die noch halb zwischen seinen Lefzen herunter hingen und dabei in Todesangst schrien, besser in seinen Schlund werfen zu können.

Mutig, aber dennoch völlig erfolglos, schleuderten die fremdartigen Angreifer dem Drachen unzählige dieser rote Speere entgegen, die jedoch alle völlig wirkungslos von der schuppigen Drachenhaut absorbiert wurden. Zudem wurden bei jeder Bewegung des Drachen weitere Angreifer gnadenlos von den gewaltigen Klauen zerquetscht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die angreifenden Krieger einfach erkennen mussten, dass der Kampf gegen dieses unheimliche Monster jeder Hinsicht nach, aussichtslos und nicht zu gewinnen war.

Aber wieder einmal sollte ich mich täuschen. Denn nachdem schon hunderte dieser Kreaturen verschlungen oder zerquetscht worden waren, öffnete sich die Masse der kämpfenden Leiber zu einem kleinen Korridor, durch den ein kleines, knochiges, aber menschenähnliches Wesen auf den Drachen zu schlenderte. Fast schon lässig und völlig unbeeindruckt stieg dieses Greisen artige Männchen immer wieder über die vielen toten Krieger hinweg und stützte sich dabei auf seinen langen Stock, den er bei sich trug.

Erst bemerkte unser Drache diese schwächlich wirkende Gestalt überhaupt nicht, sondern war immer noch zu sehr damit beschäftigt, seinen Hunger mit den angreifenden Kriegern zu stillen. Doch das tat er allerdings nur noch bis zu jenem Augenblick, in dem der Zwerg einen seltsamen, ungewohnt klingenden Schrei ausstieß, der tatsächlich so kräftig war, daß er den gesamten Lärm der Schlacht zu überdecken schien. Die Erde begann wieder einmal zu beben, und es öffnete sich unter dem gewaltigen Drachen eine riesige Erdspalte. Der Drache reagierte reflexartig. Durch das Bewegen seiner Flügel, wollte er sofort in die Luft aufsteigen, war aber schon einige Meter in die Leere der Erdspalte hinab gefallen, so dass er seine riesigen Flügel nicht mehr voll ausbreiten konnte. Zusammen mit vielen Kriegern, die sich nur zufällig in der Nähe des Drachen aufhielten, stürzte das Ungetüm unter lautem Brüllen in die Tiefe.

Einige von den Kriegern hielten sich verzweifelt an den schroffen Felswänden fest, um nicht mit hinab gerissen zu werden und erhofften sich eine Rettung durch ihre Kampfgefährten. Doch nach einem weiteren und ebenso lauten Schrei des Zwerges, begann sich der Riss im Boden allmählich wieder zu schließen, und die verunglückten Krieger wurden, zusammen mit dem gefangenen Drachen, von der Erde zerquetscht.

In dem Augenblick, in dem Patricia erneut ihre beiden zierlichen Arme heben wollte, wahrscheinlich um uns irgendwie wieder zu helfen, schoss dieser erstaunliche Zwerg mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf sie zu und schleuderte dabei, einen weißen Lichtblitz in ihre Richtung, der sie gezielt traf und sie, trotz ihrer blauen Schutzblase, ziemlich brutal auf den Boden schleuderte.

Das grelle Licht schloss ihren schönen Körper sofort vollkommen ein und schien sie völlig zu lähmen. Verzweifelt blickte sie zu mir und schien mir etwas zurufen zu wollen. Doch kein Ton von ihr kam bei mir an. Deutlich konnte ich durch das gleißende Licht ihre große Anstrengung erkennen und sah in ihren Augen plötzlich eine glühende und bei ihr noch niemals so deutlich wahrgenommene Panik. Der knochige Zwerg jedoch, der kam wackeligen Schrittes auf mich zu und wollte gerade seine runzelige Hand nach mir ausstrecken, als ich unseren Begleiter Milk auf ihn zuschießen sah. Der Zwerg bemerkte jedoch meinen Blick und drehte sich reflexartig um. Dann fing er Milk, der noch immer als leuchtender Kampfstab in der Luft herum schwirrte, mühelos mit seinen kleinen, knochigen Händen auf.

Prüfend betrachtete er Milk, der sich heftig zu wehren begann und nahm ihn schließlich in seine beiden Hände. Er versuchte ihn über seinem Kopf zu zerbrechen und ich sah, wie sich Milk unter dem enormen Druck des Zwerges zu verbiegen begann. Milk stieß dabei immer wieder laute und ganz schrille Schreie aus, und ich ahnte, es würde nicht mehr sehr lange dauern, bis er unter der gewaltigen Kraft des Zwerges zerbrach und vor meinen Augen starb.

Doch es geschah etwas ganz anderes, denn vor meine Augen verwandelte sich Milk plötzlich in einen jungen Mann mit hellblonden Haaren, der unter der erbarmungslosen Hand des Zwerges, schreckliche Qualen auszustehen schien. Plötzlich schleuderte der Zwerg den jungen Mann direkt vor meine Füße, wo er zu liegen kam und sich vor Schmerzen wand. Dann spürte ich nur noch einen dumpfen Schlag auf meinem Hinterkopf, und es wurde dunkel um mich herum.

Ich erwachte auf der Erde liegend, in einem Zelt, und meine Arme und Beine waren fest verschnürt. In der Mitte des Zeltes glimmte eine Feuerstelle vor sich hin. Man hatte meine Wunden verbunden, und mir brummte entsetzlich der Schädel. Auch war ich alleine, konnte aber die schemenhaften Konturen zweier großer Gestalten vor dem Zelt erkennen. Draußen war es bereits wieder Tag geworden, und die Sonne schien auf das Zelt. Vorsichtig versuchte ich mich aufzusetzen, was aber aufgrund meiner vielen Verletzungen und meinen verschnürten Armen und Beinen nicht so leicht zu bewerkstelligen war. Mein Mund fühlte sich trocken an, und ich hatte wahnsinnigen Durst. Behutsam versuchte ich meine Verletzungen zu erspüren und stellte dann fest, dass erfreulicherweise wohl doch keine meiner Rippen gebrochen, wohl aber einige geprellt waren. Mein Körper war zudem übersät mit kleinen Schnitten und Abschürfungen. Ich sah schrecklich aus.

Nach vielen, mir unendlich erscheinenden Minuten des Ausharrens, kam einer dieser großen Krieger in das Zelt und zerschnitt unsanft meine Armfesseln. Daraufhin reichte er mir einen großen Becher, der mit Wasser gefüllt war und in dem noch kleine Blätter herum schwammen. Es musste sich um Quellwasser aus der Umgebung handeln, da das Wasser eiskalt war.

Gierig trank ich das kalte Nass und spürte, wie es eisig meine Speiseröhre hinunter floss. Nachdem ich den Becher geleert hatte, fesselte mich dieser Hünen artige Mann wieder, ließ mich aber sitzen. Er beugte sich zu mir hinunter und öffnete meine Verbände. Wir stellten offenbar beide fest, dass die Wunden bereits erstaunlich gut verheilt waren. Sehr wahrscheinlich lag das an dieser stinkenden, grünen Paste, mit der meine Verbände üppig bestrichen waren. Der Krieger legte mir auch gleich wieder einen neuen Stinkverband an, wobei er nicht gerade sehr fein fühlend vor ging. Als er damit fertig war, warf er mich wieder grob auf den Boden und verschwand aus dem Zelt, ohne auch nur ein einziges Wort zu mir zu sagen.

Es verging dann wieder einige Zeit des Wartens und der Ungewissheit, ehe ich wieder Besuch bekam. Der kleine, knorrige Zwerg hatte nun Interesse an mir und kam in Begleitung, von drei besonders großen, recht drahtig wirkenden Hünen. Er befahl den Kriegern sogleich, meine Fesseln zu lösen. Endlich von den schmerzenden Seilen befreit, setzte ich mich wieder auf und sah den Zwerg forschend an.

»Was habt ihr mit Patricia gemacht?«, wollte ich wissen, bekam jedoch erst einmal keine Antwort auf meine Frage. Schweigen. Der Zwerg sagte schließlich einem Soldaten etwas, was ich nicht verstand. Dabei war sein Ton offenbar recht forsch, autoritär und in einer mir fremden Sprache. Daraufhin verließ der angesprochene Krieger eiligst das Zelt. So wie es aussah, hatte der Zwerg bei dieser Truppe offenbar das Sagen.

»Fremder, wir haben uns nur ein wenig, wie soll ich es anders ausdrücken, verlaufen... sozusagen. Du kannst uns doch bestimmt erklären, wo wir hier überhaupt sind und wie wir hier hergekommen sind.«, mutmaßte der Zwerg mit einer betont ruhigen Stimme und setzte sich dabei genau vor mich, auf den Boden. Ich war über die Frage sehr erstaunt, da ich nicht erwartet hatte, dass der Zwerg meine Sprache überhaupt sprechen konnte.

»Ich werde euch erst erklären wo ihr seid, wenn ihr mir erklärt habt, was mit meiner Freundin Patricia geschehen ist.«, entgegnete ich entschlossen und rechnete mit einer aggressiven Gegenreaktion des Zwerges.

»Deine derzeitige Position ist sicher nicht die beste, um solche Forderungen zu stellen. Deine hellhaarige Freundin ist immerhin eine Gefahr für meine Männer und hat mit ihrem abscheulichen Drachen etliche ihrer kostbaren Leben ausgelöscht. Warum also, sollte ich sie am Leben gelassen haben? Meine Männer fordern Rache und Genugtuung!«

Der Zwerg runzelte die ohnehin schon faltige Stirn und setzte dann unglaublich schmierig fort: »Aber mein junger, lieber Gefangener, ich würde doch nur gerne wissen, warum wir gestern noch auf dem Schlachtfeld unserer Heimat standen und uns dann, so ganz plötzlich und unvermutet, in dieser fremden Welt und an einem völlig fremden Ort wiederfinden und dazu noch mit diesen fremden, feindseligen Kreaturen. Das ist doch wirklich nur zu verständlich. Oder ist es das nicht, lieber Gefangener?«

Das Zelt wurde wieder geöffnet und Milk, der sich immer noch in der Gestalt eines jungen Mannes zeigte, wurde mit herein geschleift. An den Füßen hatte man ihm Fußketten angelegt, und die Hände waren auch fest verschnürt. Jedoch hatte man ihm zusätzlich die Augen verbunden. Ich vermutete, dass dieses mit seinen magischen Fähigkeiten zu tun hatte, da man die Augenbinde auch im Zelt nicht löste oder ganz abnahm.

»Da! Wie ihr seht, ist einer eurer gefährlichen Freunde noch sehr munter, obwohl er viele meiner treusten Krieger getötet hat. Für meinen Geschmack ist er viel zu munter. Nun entscheidet selbst, ob ein gutes Herz in meiner Brust schlägt, oder nicht.«, forderte der Zwerg auf und wies die Krieger an, den unheimlichen Milk neben mich zu setzen. Danach schickte er seine Krieger mit einem fremdsprachigen

Befehl aus dem Zelt und beobachtete uns, ohne auch nur ein Wort weiter von sich zu geben.

Ich fühlte mich wie ein Gefangener eines kriegerischen Beduinenvolkes, der mit dem wahnsinnigen Stammesführer dieser wilden Recken verhandeln sollte. Nach einer Weile quälenden Schweigens sah der Zwerg zu uns auf und bildete seine knochigen Hände zu der Form einer lebenden Schale um. Sofort füllte sich dieses Fingergefäß mit ganz blassem rötlichen Licht. In diesem roten Licht sah man einen winzigen, hellblauen Punkt flackern, der ganz offensichtlich von diesem Energiefeld kontrolliert wurde.

»Hier ist sie, eure Freundin! Sie lebt auch noch, wie ihr seht, und es geht ihr gut. Natürlich geht es ihr nur der Lage entsprechend gut. Immerhin seid ihr Gefangene. Jedoch war ich leider gezwungen, sie in diesem schmerzhaften Kraftfeld gefangen zu halten, da sie meinem Volk, dem stolzen und machtvollen Volk der Zyklanden, sehr gefährlich werden kann. Jedoch wenn ihr mir dabei helft, wieder in unsere Heimat zurück zu kehren, bin ich für meinen Teil gerne bereit, euch jämmerliche Gestalten frei zu lassen. Dieses nehmt, als ein Zeichen meiner unendlichen Güte.

Eure Freundin allerdings, sie nehme ich mit in meine Heimat, um sie ausgiebig studieren zu können. Sie wird mein persönlicher Gast sein, und es wird ihr dort an nichts fehlen. Das verspreche ich euch. Sie wird uns an ihrer Macht teilhaben lassen und uns lehren, sie selbst für uns zu gebrauchen. Mit ihrer Macht und ihrem Wissen werden wir unsere Feinde in der Heimat für immer vernichten können.«, sagte der Zwerg und ließ das rote Licht in seiner Hand wieder verschwinden.

»Wenn ihr sie nicht ebenso freigeben werdet, wie ihr uns freigeben wollt, werdet ihr von mir nie erfahren, wie ihr in eure ferne Heimat zurückkehren könnt.«, meinte ich unwirsch und sah zu Milk, der noch immer energisch versuchte, seine eng anliegenden Fesseln zu lösen. Der Zwerg stand daraufhin auf und meinte in einem unerwartet herrischen Ton: «Ich bin Kir, aus dem stolzen Volk der Zyklanden, und ihr werdet reden, das verspreche ich euch. Ihr werdet reden. Ich verhandle das nicht!«

Nachdem er das gesagt hatte, richtete er seinen kleinen Zeigefinger der rechten Hand genau auf mich. Im nächsten Augenblick schossen zwei dünne, Nadel artige Lichtblitze aus der Spitze des dünnen Fingers und schlugen durch die Haut meiner rechten Hand. Ganz langsam drangen sie in das lebende Fleisch vor und blieben schließlich, als sie meine Hand etwa bis zur Hälfte durchdrungen hatten, einfach im Gewebe stecken.

Ich schrie unter dem wahnsinnigen Schmerz laut auf und Milk, der doch noch immer nichts sehen konnte, zuckte erschrocken zusammen. Die beiden quälenden Nadeln begannen sich nun langsam um sich selbst zu drehen, zerrissen dabei brutal das lebende Gewebe meiner Hand. Die ausstrahlende Energie verbrannt das Fleisch, wobei das Blut jedoch sofort wieder an trocknete. Die Schmerzen schnitten sich regelrecht durch meinen Körper. Sie überfluteten mich so sehr, dass ich meinen Arm nicht mehr bewegen konnte. Schreiend starrte ich auf meine verletzte und inzwischen völlig gelähmte Hand und musste so mit ansehen, wie die Nadeln nun erneut damit begannen, sich in meine Hand zu bohren.

Als sie schließlich ganz in ihr verschwunden waren, konnte man deutlich erkennen, wie sie unter der Haut, ganz langsam den ganzen Arm hinauf wanderten. Kurz bevor ich meine Besinnung verlor, rief der widerwärtige Zwerg eines seiner fremd klingenden Kommandos, und die beiden fiesen Nadeln blitzten glühend aus meinen Fingerspitzen heraus. Anschließend schlugen sie in den sandigen Boden zu meinen Füßen ein. Dort waren sie sogleich verschwunden.

Geschockt und unter unmenschlichen Schmerzen leidend sah ich zu, wie sich die Wunden meiner Hand und ab meinem Arm durch eine magische Kraft rasch zu schließen begannen. Nach wenigen Augenblicken waren sie schließlich ganz verschwunden. Ich bewegte prüfend meine Hand, die nun auch nicht mehr gelähmt war, alles natürlich sehr behutsam, da ich der wundersame Heilung nicht traute. Doch ich konnte keine Spur einer Verletzung oder Folter mehr erkennen, und der Schmerz war inzwischen auch wieder völlig verschwunden.

»Nun, verehrter Herr, dieses war nur eine kleine Kostprobe der Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, um sie zum Kooperieren, wie soll ich es sagen, zu motivieren.«, fauchte der Zwerg mit einem hässlichen Grinsen in seinem feisten Gesicht. Als er dann rasch das Zelt verließ, konnte man ihn vor dem Zelt noch eine Weile laut Lachen hören, bis es schließlich wieder ganz ruhig wurde.

»Sie haben uns damit nur bewiesen, was für ein gutes Herz in ihrer Brust wirklich schlägt.«, rief ich ihm wütend nach und spuckte angewidert vor mir auf den Boden. Mir war allerdings klar, dass der Zwerg mich wahrscheinlich nicht mehr hören konnte. Doch die Wut und die Hilflosigkeit suchten sich einfach einen Weg nach draußen.

Dann ließ ich mich, glücklicherweise von den Schmerzen befreit, erschöpft zurückfallen und bemerkte erstaunt, dass man offenbar vergessen hatte, mir meine Handfesseln wieder anzulegen. Ich wälzte mich gleich zu Milk hinüber, der sich noch immer, unter seinen engen Fesseln, wand und nahm ihm die lästige Augenbinde ab.

»Danke.«, sagte er mit einer unnatürlich hellen und klaren, aber auch sehr gehetzt wirkenden Stimme und konzentrierte sich sofort auf die Glut des Lagerfeuers, die dadurch sogleich begann, ganz wild herum zu wirbeln. Schon bildete sich aus der Glut eine schnell rotierende, glühende Wolke, die sich langsam auf Milk zu bewegte, der sich inzwischen darauf zu konzentrieren schien, sie richtig zu kontrollieren. Kurz vor dem seltsamen Mann stoppte die glühende Wolke. Sie verformte sich dann zu einer Art glühenden, schnell rotierenden Scheibe, die begann, sich mühelos in Milks Fesseln zu schneiden. In der Zwischenzeit hatte auch ich meine Fußfesseln abgenommen und stand Milk bereits gegenüber. Immer noch ein wenig verwundert darüber, dass auch Milk meine Sprache beherrschte, sprach ich ihn an: »Ich bin Matze und wer, oder besser, was bist du eigentlich? Meine Freundin und ich haben dich einfach nur Milk getauft. Ich hoffe du verzeihst uns diese Unbotmäßigkeit.«

Dabei streckte ich ihm begrüßend meine Hand entgegen und beobachtete, wie Milk wohl ein wenig zu Lächeln begann.

»Das mit Milk ist schon in Ordnung, denke ich. Mein richtiger Name ist jedoch Xermitolistand. Also als Rufname ist das sicherlich auch etwas zu umständlich. Ich bin aber auch kein einzelnes Individuum, sondern vielmehr bin ich ein ganzes Volk, ein richtiges Kollektiv kleinster Wesen, das ebenso, wie auch die Zyklanden, aus seiner eigenen Welt gerissen wurde. Nur sind wir kein aggressives Kriegervolk, wie diese Zyklanden, sondern leben vielmehr ganz friedlich zusammen, mit den vielen anderen Völkern unserer Welt. Doch Matze, ich denke mir, wir sollten nun wirklich schleunigst von hier verschwinden. Mit diesem unberechenbaren Kir ist sicherlich nicht sehr zu Spaßen, und es sagt mir eine innere Stimme der Erfahrung, dass er uns ganz bestimmt nicht gehen lassen wird, haben wir ihm erst einmal geholfen.«, erklärte Milk und bereitete sich auch schon auf eine erneute Verformung vor.

»Was machen wir mit Patricia? Wir müssen ihr helfen, Milk. Das sind wir ihr schuldig. Ohne sie, werde ich nicht gehen. Sie ist meine Freundin.«, meinte ich mit ernster Sorge in meiner Stimme zu ihm, und er hielt vorerst mit seiner Verformung inne. Milk sagte mit nun deutlich ernsterem Ton: «Deiner Freundin können wir jetzt nicht helfen. So leid es mir auch tut. An sie kommen wir vorerst nicht heran. Du musst das akzeptieren, Matze. Denn wenn wir jetzt nicht sofort fliehen, werden wir später sicherlich nicht noch ein weiteres Mal, so eine gute Chance erhalten, um hier weg zu kommen.«

Milk setzte seine Verformungen weiter fort und wurde allmählich wieder zu der hellen, leuchtenden Kugel, als die wir ihn beim Milchlaster kennengelernt hatten.

»Du hast sicherlich recht. Immerhin verkörperst du ein ganzes Volk und schon rein demokratisch gesehen, dürfte ich damit ohnehin schlechte Karten haben. Es scheint mir sinnvoll, erst einmal uns selbst in Sicherheit zu bringen, um dann einen Plan zu entwickeln, wie wir Patricia aus den Händen dieser Barbaren befreien können.«, meinte ich etwas zynisch und staunte darüber, wie sich die Kugel Milk kraftvoll, aber fast völlig lautlos, in den staubigen Boden bohrte und einen schmalen, dunklen Gang hinter sich offen ließ.

Eiligst kroch ich Milk in diesem unterirdischen Gang hinterher. Es war sehr eng, reichte für mich aber gerade so aus, um langsam kriechend voran zu kommen. Die kriegerischen Wachen vor dem Zelt schienen unseren ungewöhnlichen Fluchtversuch noch nicht bemerkt zu haben, da man keine Alarmschreie oder Ähnliches aus dem Lager hören konnte. Dieses war gut so und verschaffte uns einen kleinen Vorsprung. Vor mir konnte ich noch schwach das Licht von Milk erkennen, der sich wohl ganz bewusst auch meinetwegen, sehr viel Zeit bei seiner Flucht ließ. Ich dankte ihm innerlich sehr dafür, da ich sonst in dieser Dunkelheit und dieser gnadenlosen Enge wahnsinnig geworden wäre.

Nach bestimmt dreihundert sehr beschwerlichen Metern engen Tunnels kam ich schließlich wieder an die Oberfläche und befand mich in der Mitte eines dornigen Gebüsches. Der feuchte Schmutz hing mir schwer an der Kleidung, und ich musste darin wirklich furchterregend ausgesehen haben. Milk hatte sich wieder in seine menschliche Gestalt verwandelt und hockte nun vor mir. Dabei beobachtete er das vor uns liegende Lager der Zyklanden. Er drehte sich bei meinem Auftauchen um und wies mich per eindeutigem Handzeichen zur Ruhe an.

»Sie haben noch immer nichts bemerkt.«, flüsterte er mir zu und gab mit einem weiteren Zeichen unmissverständlich zu verstehen, dass wir uns schleunigst aus dem Staub machen sollten.

Kaum hatten wir das widerwärtige Dornengebüsch hinter uns gelassen, hörten wir erschrocken den Alarmruf einer der Zyklandenwachen aus dem Lager.

Wir rannten quer durch den Wald. Dabei peitschten mir viele kleine Zweige schmerzhaft ins Gesicht, und ich stolperte auch immer wieder über Wurzeln und Äste, die auf dem Boden lagen. Zudem war der Boden, durch den Regen der letzten Tage, sehr aufgeweicht und das schnelle Fliehen wurde dadurch sehr Kraft aufwendig. Ich war diese Art der Anstrengung einfach nicht gewohnt. Schließlich saß ich sonst die meiste Zeit in meinem Büro, vor meinem Laptop und trank heißen Kaffee. Sicherlich waren uns schon viele zyklandische Verfolgertrupps auf der Spur und brachen, wahrscheinlich sogar mit ihren unförmigen Reittieren ausgestattet, hinter uns durch den dichten Wald.

Milk war immer einige Meter vor mir zu sehen und manövrierte sich geschickt zwischen den Bäumen hindurch. Dabei stellte er sich ungemein gut und wendig an, was mich schon ein wenig mit Neid erfüllte. Doch er wäre wahrscheinlich schon meilenweit weg, würde er keine Rücksicht auf mich genommen haben. Aber aus irgendeinem Grund blieb er bei mir, und ich rannte ihm einfach nach, da ich sonst vollkommen hilflos den Zyklandenkriegern ausgeliefert gewesen war. Dann blieb ich aber doch kurz stehen, um wieder ein wenig Atemluft zu bekommen und kreischte ihm zu, dass wir schnellstens eine Straße finden mussten, da wir mit einem motorisierte Untersatz deutlich schneller vorankommen würden.

Daraufhin veränderte Milk sofort seinen Kurs, und ich rannte ihm wieder, wie ein Wahnsinniger, nach. Im Unterholz hinter mir hörte ich dann plötzlich einige schwere Hölzer brechen. Die Verfolger waren uns also dicht auf der Spur, und ich betete darum, möglichst bald eine Straße zu entdecken, zumal auch meine Kräfte immer mehr zu schwinden begannen. Meine Beine fühlten sich bereits jetzt schon, wie frischer Pudding an. Krachend schlug plötzlich einer dieser roten Blitzspeere in einen der Bäume neben mir ein und riß mühelos die Hälfte des ganzen Stammes weg, so dass sich der ganze Baum langsam zur Seite neigte und mir den Weg zu versperren drohte. »Milk! Hilfe, Milk!«, schrie ich verzweifelt und begann immer kraftloser vor mich hin zu stolpern. Milk dreht unverzüglich um und raste augenblicklich auf die Angreifer zu. Es waren zwei besonders kräftig aussehende Zyklandenkrieger, die es auf mich abgesehen hatten. Milk zerschmetterte einem der beiden Angreifer mit einer einzigen Reaktion brutal den Kopf. Der andere Krieger bekam dabei einige blutige Fetzen seines Gefährten in das Gesicht und auch in seine Augen geschleudert. Er stoppte natürlich sofort seine Verfolgung, da er nichts mehr sah, konnte aber seine klobige Gestalt nur schwer zum Stehen bringen.

Milk erkannte die Schwäche des Kriegers und nutzte sie sofort aus. Er schleuderte sich gegen den orientierungslosen und blutverschmierten Krieger, um ihn brutal in Stücke zu reißen. Zwischenzeitlich hatte ich es geschafft, wieder auf die Beine zu kommen und betrachtete fassungslos die blutigen Leichenteile auf dem Boden, die teilweise noch ein wenig zuckten. Diese Brutalität und Gewalt schockte mich immer wieder. In meinem Büroleben war sonst nur der Gang zur Kantine, die einzige aufregende Abwechslung gewesen. Hier jedoch, hier war ich inmitten roher Gewalt, ständig in Lebensgefahr und mitten in üblem Gemetzel. Das war für mich nur schwer zu ertragen. Milk nahm inzwischen völlig unbeirrt und zügig seinen alten Kurs wieder auf, und mir blieb kaum etwas anderes übrig, ihm wieder keuchend nach zu rennen.

Nach weiteren, mir endlos erscheinenden Minuten wilder Hasterei durch den Wald, erreichten wir tatsächlich eine schmale Landstraße, der wir in westlicher Richtung folgten, da weit und breit kein stehengebliebenes Fahrzeug auszumachen war. Es dauerte glücklicherweise nicht sehr lange, bis wir dann doch auf einen alten Golf stießen. Auch der Zündschlüssel steckte noch, wie bei fast allen herrenlosen Autos, die ich bis jetzt in dieser menschenleeren Welt vorgefunden hatte.

Ich startete gleich den Motor und fuhr rasant an. Ohne auf weitere Schwierigkeiten zu stoßen, folgten wir der Straße gut 30 Kilometer. Insgeheim hoffte ich dabei sehr, dass die Zyklanden keine Autos bedienen konnten. Milk raste genau an meiner rechten Seite durch die Luft, und wir hielten kurz darauf an einer menschenleeren Tankstelle, um das Fahrzeug zu wechseln, da der Tank leer war. Ein Auftanken ohne notwendige Stromversorgung war hier nicht mehr möglich. Wir fanden auch gleich einen schönen, richtig schick gestylten Kadett, mit dem wir unsere Flucht, ohne weiter zu Zögern, fortsetzten. In der Zwischenzeit hatte Milk seine menschliche Gestalt wieder angenommen und saß dann auch neben mir auf dem Beifahrersitz.

»Diese Autos sind schon sehr merkwürdige Maschinen. Sie stinken erbärmlich, sind schrecklich langsam und sehr unflexibel. Aber die Sitze, die sind sehr bequem. Es sitzt sich sehr angenehm in diesen Sesseln.«, meinte Milk prüfend und seine Haltung erinnerte mich an den Habitus eines typischen Manta-Fahrers, weil er lässig seinen Arm aus dem geöffneten Beifahrerfenster hielt.

Da ich sehr hungrig war und dringend neue Kleider benötigte, hielt ich den Wagen an einem kleinen Gasthaus, das direkt an der Straße lag.

Wir betraten die natürlich menschenleere Gaststube. Es roch nach kaltem Zigarettenqualm und ziemlich säuerlich, was an den Unmengen lange abgestandenen Biers lag.

Während Milk sich an einen der vielen Tische setzte, durchstöberte ich die angrenzende Küche nach etwas Essbarem. Fast alle Frischeprodukte waren hoffnungslos verdorben, da die Kühlschränke ohne Strom natürlich auch nicht mehr funktionierten. Jedoch Magerine, Brot, Hartkäse und luftgetrocknete Salami fanden sich schnell. An der Theke organisierte ich eine Flasche Orangensaft und setzte mich zu Milk, oder sollte ich eher sagen, zu dem Volk Milk?

Ich bot Milk etwas von meiner umfangreichen Brotzeit an und wurde daraufhin lachend darüber aufgeklärt, dass er keine menschliche Nahrung vertrage. Milk erklärte weiter, dass er nur etwa einmal im Jahr seiner Zeitrechnung Nahrung, in Form von Sonnenenergie, zu sich nehmen musste. Ich fand diese Eigenart irgendwie abstrakt und belustigend, stellte mir diesen Milk dann als eine Art Freund der Öko-Bewegung mit Ziegenbart vor, während ich auf der harten Salami herum kaute.

Das Essen tat mir gut, obwohl ich seit meinem katastrophalen Tankstellenerlebnis keine Hartwurst mehr essen wollte, aber ich fühlte mich gleich nach dem Essen viel besser. Nachdem ich so richtig satt war, durchstöberte ich interessiert einige Schränke der Gästezimmer und fand sogleich etliche, sogar auch mir passende Kleidungsstücke. Beim Umziehen nahm ich die Verbände, die immer noch um meine Brust gewickelt waren, ab. Die Wunden waren erstaunlich gut verheilt. Diese Zyklanden und ihre widerliche Salbe hatten wirklich wahre Wunder an mir vollbracht.

Das Wasser kam leider nur sehr dürftig aus dem Wasserhahn, da wohl auch die Pumpen ohne Strom nicht funktionstüchtig waren. Aber für eine rasche Katzenwäsche reichte es aus, und ich stand nach kurzer Zeit erfrischt und mit neuer Kraft vor dem Volk Milk.

»Wir sollten nun ernsthaft Gedanken dafür entwickeln, wie wir Patricia aus ihrer Gefangenschaft befreien können.«, sagte ich sorgenvoll und setzte mich wieder seufzend an den Tisch.

»Matze, ich weiß sehr wohl, dass diese Welt hier deine Heimatwelt ist. Auch weiß ich, durch das Gespräch mit diesem finsteren Kir, dass du eventuell etwas darüber weißt, wie wir hier, in diese für uns fremde Welt gekommen sind. Diese Informationen sind ebenfalls sehr wichtig für mich, als wohl auch wichtig für alle anderen Kreaturen, die unfreiwillig eure Gäste auf dieser Welt geworden sind. Das sind sie natürlich auch für die Befreiung deiner Freundin Patricia. Auch scheinen alle Lebewesen dieser Welt, diese plötzlich und offenbar auch ganz unfreiwillig verlassen zu haben.

Das Ding oder die Wesenheit, welches eine so große Macht besitzt, parallele Welten derartig zu verschieben, wird wohl dann auch mächtig genug sein, Patricia aus den Händen von dem garstigen Kir und den kriegerischen Zyklanden zu befreien.«, stellte Milk ernst fest und sah mir bei seiner Rede forschend in die Augen. Mir war klar, daß Milk recht hatte und beschloss dann, ihm die Geschichte von den Druiden, den Löchern und dem Plan zu erzählen. Auch ich war nur unfreiwillig in diese Situation geraten und hatte ohne Milk und fremde Hilfe keinerlei Chance, Patricia zu befreien, oder zu den Druiden zu gelangen. Nachdem ich Milk meine ganze Geschichte erzählt und er mir dabei aufmerksam zugehört hatte, herrschte eine Weile betroffenes Schweigen. Milk dachte offenbar angestrengt nach und trommelte dabei mit seinem Zeigefinger auf die mit Bier verklebte Tischplatte. Immerhin arbeitete in ihm nun ein ganzes Volk an einer Lösung. Ein Gedanke, der mir sehr unwirklich und abstrakt erschien.

»Ich weiß nicht, ob ich dir und deinen Freunden nun dafür danken, oder euch alle verfluchen sollte. Aber wir sitzen nun an diesem Tisch und können die Vergangenheit nicht mehr verändern.«, sagte Milk mit einem Unterton, der nach Vorwurf klang. Wir debattierten dann noch lange über unsere weitere Vorgehensweise. Schließlich beschlossen wir, uns zuerst einmal auf die Suche nach dem Druidenzirkel zu machen. Die Druiden waren vielleicht die einzigen, die so viel Macht besaßen, den alten Zustand wieder herzustellen und Patricia aus den Händen Kirs zu befreien. So begannen wir gleich mit den Vorbereitungen für eine längere Reise.

Ich durchstöberte die Küche und den Gastraum nach weiteren Vorräten, um sie dann in dem Auto zu verstauen. In der Zwischenzeit hatte Milk mit dem abgesaugten Benzin anderer Fahrzeuge, den Tank unseres Wagens ein wenig mehr gefüllt. Milk war es bei dieser Aktion völlig egal, ob er etwas von dem Benzin verschluckte, da der Treibstoff für ihn nicht giftig war. Auch hatte er mehrere Land- und Straßenkarten in einem der Autos gefunden, die uns vielleicht bei der Suche von Nutzen sein konnten.

Wir arbeiteten hart, und es war später Nachmittag, als wir endlich zur Abfahrt bereit waren. Glücklicherweise waren wir von dem Lager der Zyklanden weit genug entfernt, so dass wir nicht so schnell mit den Kriegern und diesem Kir rechnen sollten. Aber man konnte ja nicht wissen, was dieser Kir noch so alles an Tricks zu bieten hatte. Wir beschlossen dann, vorerst nur auf der Landstraße zu bleiben und bei der nächsten Möglichkeit, einen nördlichen Kurs einzuschlagen.

Auf der Landkarte versuchte ich den See, den Patricia mir beschrieben hatte, ausfindig zu machen, musste aber recht schnell mit Verärgerung feststellen, dass es eine ganze Menge Seen in dieser Region gab. Das würde die Suche wohl nicht gerade unkompliziert verlaufen lassen. Nachdem ich dann schließlich alle Seen auf der Landkarte markiert hatte, die sich nach meiner Berechnung in dem etwaigen Radius des glücklicherweise schnell gefundenen Ritualplatzes befanden, strich ich alle die Gewässer wieder aus, an deren Ufer kein Campingplatz verzeichnet war. Es blieben drei Seen übrig, und an einem See war sogar ein kleines Haus verzeichnet. Dieses Haus sollte unser erster Versuch und unser erstes Ziel sein. Im Auto wies ich Milk grob in das Kartenlesen und die eigenwillige Karte ein, und schon ging es los.

Wir folgten der Landstraße bis zu einer Straßenkreuzung, die durch die liegengebliebenen Fahrzeuge für uns zu einem ersten Problem wurde. Doch nach kurzer Zeit gelang es uns, das Auto hindurch zu manövrieren und schlugen dann, wie es von uns vorgesehen war, den nördlichen Kurs ein. In fast jedem Dorf, das wir passierten, gab es erhebliche Schäden durch wilde Brände, Unmengen von Wasser oder durch die vielen, plötzlich führerlos gewordenen Automobile. Überall qualmten die jämmerlichen Überreste verbrannter Häuser und Bauernhöfe.

Vereinzelt lagen merkwürdig aussehende, tote Lebewesen auf den Straßen. Einige dieser Kreaturen waren, trotz ihrer Verstümmelung und dem vielen Blut, das sie verloren hatten, als Zyklandenkrieger zu erkennen. Scheinbar war auch dieser üble Zwerg Kir mit seiner Armee nach Norden aufgebrochen und hatte dabei alles getötet, was sich ihm und seinen Kriegern in den Weg stellte. Vielleicht suchte er auch nur nach uns oder hatte Patricia mit seinen üblen Foltermethoden zum Sprechen gebracht. Eines war jedoch sicher, solange er und sein Heer nach Norden zogen, stellte er eine ernste Gefahr für uns dar. Überall konnte man die schrecklichen Überreste kleinerer Kämpfe der Zyklandenarmee erkennen. Wir beschlossen daher aus taktischen Gründen, lieber etwas nach Westen auszuweichen, um den wild metzelnden Kriegern möglichst aus dem Weg zu gehen.

Nach einiger Zeit waren auch tatsächlich keinerlei Anzeichen der Zyklandenkrieger und ihrem Kir mehr zu erkennen, und wir schlugen wieder unseren alten Nordkurs ein. Immer wieder entdeckten wir in der Ferne die schemenhaften Konturen, uns völlig fremder Lebensformen, die bei unserem Auftauchen meistens hastig in den Wäldern verschwanden. Andere seltsame Kreaturen ästen gelassen auf den Weiden. Dem Aussehen nach war sie den Büffeln ähnlich und schenkten uns kaum Beachtung. Aber auch ganz bizarre Wesenheiten kreuzten immer wieder unseren Weg, deren Anblick teilweise schauerlich, manchmal aber auch faszinierend war.

Streckenweise kamen wir nur sehr langsam voran, da sehr viel Unrat und Schutt auf den Straßen lag und uns den Weg versperrte.

Milk saß neben mir und versuchte ständig die Karte zu entziffern, was sicherlich für ihn nicht einfach war, da er unsere Zeichen und die Schrift nicht kannte. Ich war stets mit meinen Gedanken bei Patricia und machte mir Sorgen. Es war für mich unerträglich, sie bei diesen fürchterlichen Barbaren zu wissen, für die das Quälen von Lebewesen ganz offensichtlich zu einer Art Volkssport kultiviert worden war. Was mochte dieser unberechenbare Zwerg Kir ihr nur angetan haben? Ohne Patricia hatten Mild und er doch wohl kaum eine Chance, zu den Druiden zu gelangen. Ich vermisste sie wirklich sehr und wünschte mir nichts mehr, als das ich sie möglichst bald gesund und munter wiedersehen konnte.

Milk und ich einigten uns darauf, dass ich ihn stets als Person und nicht als Kollektiv ansprechen sollte, was mir natürlich erheblich einfacher fiel. So ganz gefiel das den Xermitolistand jedoch nicht, da Milk mich bei meinem Vorschlag ziemlich mürrisch ansah. Aber er willigte dann doch ein.

Die Zeit verging, und die ständige Slalomtour kostete uns sehr viel Benzin und Konzentration. Unser Tank war schon zu zwei Dritteln leer. Ich selbst konnte auch eine Pause vertragen und brauchte dringend etwas Schlaf. So fuhr ich deshalb langsamer und suchte nach einem neuen Fahrzeug für uns. Bei einem ganz gut erhaltenen BMW hielt ich an und stieg aus um nachzuprüfen, ob der Schlüssel wieder hing und ob auch der Tank noch schön voll war. Der Schlüssel war zwar dort, wo ich ihn bei dem BMW vermutete, aber der Tank war fast leer. So stieg ich wieder in unser Auto, und die Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz ging weiter.

Nach einiger Zeit fanden wir wieder einen Golf, der glücklicherweise alle unsere Bedingungen erfüllte. Eiligst luden wir unsere paar Habseligkeiten um, und ich suchte mir etwas aus meinem Proviantbeutel heraus, um wenigstens meinen Hunger zu stillen. Das trockene Brot und den würzigen Parmesankäse spülte ich mit ekelhaft warmen Orangensaft herunter und fühlte mich auch schon gleich wieder munterer. Doch die kulinarische Zusammenstellung hatte mir völlig missfallen.

»Wir können von Glück reden, dass uns noch keine Zyklandenkrieger über den Weg gelaufen sind.«, meinte ich zu Milk, der gerade damit beschäftigt war, den elektrischen Zigarettenanzünder zu untersuchen. Für ihn war eben alles neu und unbekannt.

»Wozu benötigt ihr diese merkwürdige Vorrichtung?«, fragte er dann leise und tippte dabei immer wieder auf die heiße Fläche des Anzünders.

»Das ist ein Anzünder für Zigaretten. Das sind so kleine Röllchen, gefüllt mit Tabak, dessen Qualm einige Menschen inhalieren, weil sie meinen, dadurch Nervosität zu verlieren und an Selbstbewusstsein zu gewinnen. Jedoch das einzige was sie wirklich mit diesen Glimmstängeln verlieren, ist ihre Gesundheit. Viele sterben an den Folgen dieser Droge, und wenn man dann ihre Lungen aufschneidet, so sind diese innen meistens ganz schwarz vor lauter Dreck und Ruß.«, erklärte ich Milk und fühlte mich dabei wie mein alter Hausarzt, der solche ermahnenden Reden stets sehr geliebt hatte. Kopfschüttelnd und sichtlich angewidert steckte Milk den Anzünder wieder in die Halterung und meinte nur: »Ihr seid schon ein sehr merkwürdiges Volk, ihr Menschen.«

Schon bald setzten wir unsere Odyssee in dem neuen Gefährt fort, das uns sogleich auf die Ortsumgehung einer Stadt führte. Wir berieten uns. Sollten wir auf der Ortsumgehung bleiben, oder sollten wir in die Stadt hinein fahren? Milk meinte ein wenig sehnsüchtig, noch nie eine richtige Stadt auf dieser Welt gesehen zu haben. Ich riet ihm aber davon ab, da ich bereits schon schlechte Erfahrungen mit einer Stadt im derzeitigen Zustand gesammelt hatte. Außerdem musste ich dringend schlafen, so dass wir beschlossen, uns in einem kleinen Wäldchen niederzulassen, um dort zu rasten. Das Entzünden eines Lagerfeuers schien mir sehr gefährlich zu sein, da es schließlich auf dieser Welt nur so von fremdartigen Lebensformen zu wimmeln schien. Viele irrten bestimmt nicht in friedfertiger Absicht auf dieser leeren Welt umher. Ich beschloss, es mir im Auto bequem zu gestalten. Milk benötigte ohnehin keinen Schlaf, so dass er die gesamte Wache übernahm, was mir natürlich sehr gefiel. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, war ich auch schon kraftlos und völlig übermüdet eingeschlafen.

Es war ein tiefer, traumloser Schlaf, der sein plötzliches Ende durch einen kurzen Schrei von Milk fand. Milk stand am Rand des Wäldchens und winkte mir hektisch zu. Es dämmerte schon. Ich hatte den Nachmittag geschlafen, und schwach schleppte ich mich aus dem Auto, um so gut es eben in meinem verschlafenen Zustand ging, zu Milk zu eilen. Der winkte mir noch immer wild zu. Als ich schließlich bei ihm ankam, sah ich mit offenem Mund, was Milk so sehr aufgebracht hatte.

Die flache und große Ebene, die sich vor uns erstreckte, war buchstäblich überschwemmt mit unzähligen, affenähnlichen Kreaturen, die sich in einer exakten, militärischen Formation in Richtung Stadt bewegten. Diese Kreaturen waren augenscheinlich nur sehr unzulänglich mit Waffen ausgestattet, und man konnte ihre tiefen Kriegstrommeln in der Ferne hören. Viele hielten nur einen speerähnlichen Gegenstand in ihrer tierischen Hand. Mit gesenkten Köpfen bewegte sich diese Unzahl kleiner Leiber über die Ebene.

Der nachfolgende Strom dieser Gestalten, er riss einfach nicht ab. Am dämmerigen Horizont konnte man einen unheimlichen, rötlich leuchtenden Himmel über der Stadt ausmachen, der wohl den Schein endloser, unkontrollierter Feuer widerspiegelte. Wir hockten uns langsam ab, damit uns die riesige Armee nicht entdecken konnte, und Milk zeigte mir eine Gruppe von Affen, die auf einer Art Minipony am Rande der Formationen entlang ritt. Wir beobachteten das unheimliche Schauspiel schweigend, krochen dann aber langsam wieder zurück zu unserem Fahrzeug.

Dort angekommen meinte Milk, dass die Affen, sollten sie tatsächlich in diese Richtung weiter marschieren, bald auf die Zyklanden treffen würden. Eine neue und blutige Schlacht kündigte sich damit an. Milk gab zu Bedenken, dass selbst der garstige Kir erhebliche Schwierigkeiten bekommen dürfte, bei so einer riesigen Anzahl von Kriegern, den Überblick zu behalten. Er würde sicherlich alles dran setzen, sich den Kräften von Patricia zu bemächtigen, um diese gegen das Affenheer einzusetzen und es zu besiegen. Wir warteten einige Stunden ruhig ab, bis wir das Ende dieses, mir unwirklich erscheinenden Heeres erkennen konnten.

Dann machten wir uns langsam wieder auf den Weg nach Norden, ohne das Licht des Wagens einzuschalten. Wir mussten möglichst schnell die Druiden finden. Sie mussten von

den Armeen erfahren, die sich inzwischen auf unserer Welt ausbreiteten. Sie waren zudem meine einzige Hoffnung, diesem grausigen Spiel ein schnelles Ende setzen zu können. Als wir schließlich glaubten, endlich weit genug von den Affen entfernt zu sein, schalteten wir das Licht des Autos ein und kamen nun auch erheblich schneller voran.

Schon bald kamen wir an unserem ersten gewählten Ziel, dem See mit dem kleinen Häuschen, an.

Vorsichtig durchstöberten wir das kleine Anwesen, ohne auch nur eine Spur von Thorwald, den anderen Druiden, oder vielleicht der kessen Mira zu finden.

Sichtlich enttäuscht saßen Milk und ich kurz darauf wieder nebeneinander im Wagen. Ich schlug die Landkarte auf und suchte uns den nächsten Zielsee aus. Allerdings war bei diesem See kein Häuschen mehr verzeichnet, und wir würden es dort nicht so einfach haben, wie bisher. Dieser See war etwa acht Kilometer entfernt, und ich wollte gerade Milk die Landkarte reichen, als ein harter Ruck durch das Auto ging. Wir spürten, wie der rechte hintere Teil des Fahrzeuges nach unten gezogen wurde. Zu Tode erschreckt, sprangen wir aus dem Auto.

Kaum hatten wir das Auto verlassen, war auch schon das gesamte Heckteil des Fahrzeugs im Waldboden verschwunden. Das Auto schien in ein immer größer werdendes Loch im Boden gezogen zu werden. Glücklicherweise hatte ich die Landkarte noch in der Hand, da binnen weniger Augenblicke nur noch die beiden leuchtenden Scheinwerfer aus dem Boden heraus schauten. Milk und ich rannten zu dem Haus und versteckten uns hinter einem kleinen Geräteschuppen. Es war dunkel, und wir konnten kaum mehr etwas erkennen, als nur noch die schwachen Lichter unseres fast völlig versunkenen Wagens. Dieser Wagen schien verloren zu sein.

Nachdem wir eine Weile hinter dem Schuppen gewartet hatten, schlichen wir uns wieder an den Ort, an dem vorher unser Auto gestanden hatte. Dort war jedoch nur noch etwas aufgewühlte Erde zu entdecken. Das Auto war weg, spurlos verschwunden. Schleunigst machten wir uns ohne Fahrzeug auf den Weg zu dem nächsten Zielsee. Vielleicht würden wir bald einen neuen fahrbaren Untersatz finden, aber es schien nicht klug zu sein, länger an diesem merkwürdigen Ort zu verweilen.

Wir kamen gut voran, aber ein neues Auto konnten wir leider in dieser Wildnis nicht gleich ausmachen. Nach gut zwei Stunden strengem Marsch durch den Wald, kamen wir an einen Waldweg, auf dem ein Mercedes geparkt wurde. Unsere Freude, endlich ein neues Fahrzeug gefunden zu haben, wurde jedoch schnell getrübt, da merkwürdigerweise bei diesem Auto kein Zündschlüssel hinterlassen worden war. Das Einschlagen der Scheibe wurde zudem mit dem lauten Gekreische der Alarmanlage gewürdigt. Wir rannten den Weg hinunter, da die Alarmanlage eventuell Feinde auf uns aufmerksam gemacht haben konnte.

Auf einer Lichtung erkannten wir dann eine kleine Hütte, der wir uns sehr vorsichtig näherten. Ich trat gewaltsam die Tür auf, während Milk versuchte, mich nach hinten zu sichern.

Die Hütte war leer. Doch auf dem Tisch stand noch ein Metallbecher, der mit lauwarmem, Kaffee ähnlichem Gebräu gefüllt war. Also musste sich hier jemand, vor nicht allzu langer Zeit, aufgehalten haben.

Wir beschlossen die Umgebung zu untersuchen und wollten gerade die Hütte verlassen, als Milk plötzlich, wie von einer kräftigen, unsichtbarer Hand gepackt, gegen die Wand geschleudert wurde. Es erschienen dann vor Milk auch die Konturen einer richtigen Hand in der Luft, die sich sofort fest um seine Kehle legte und ihn mit enormer Kraft die Wand nach oben drückte. Milk begann sich sofort wieder in eine Lichtkugel zu verwandeln und entkam auf diese Weise der mörderischen Geisterhand. Doch mit einem lauten Knall schlug ein greller Blitz durch das Fenster in den Hüttenboden ein.

Vor unseren Augen formte sich ein kleiner Junge, der zielstrebig auf Milk zu schritt und ihn dabei anstarrte. Milk griff jetzt sofort an und versuchte die schimmernde Kindererscheinung zu zerschmettern. Doch geschickt wich das Kind aus, so dass Milk mit lautem Getöse, in den alten Schrank krachte. Der Junge drehte sich nun erneut Milk zu und streckte seine kleine Hand aus, die den armen Milk erbarmungslos anzuziehen schien, ganz so, als wäre sie ein starker Magnet. Milk gab unterdessen schreiende Geräusche von sich und versuchte sich dem auferlegten Bann zu entziehen.

Doch ohne auch nur die geringste Anstrengung in dem Gesicht des Kindes zu erkennen, lag die Kugel Milk schon bald, wie ein leuchtender Spielball, in der Hand des kleinen Jungen, der diesen völlig kontrollierte. Das Leuchten von Milk wurde immer schwächer, und der Junge alterte in wenigen Augenblicken zu einem reifen Mann heran, den ich nur zu gut kannte. Es war der alte Druide Thorwald.

»Thorwald, lass ihn sofort los! Die Kugel in deiner Hand ist nicht feindlich, sondern sie ist mein Freund Milk!«, rief ich fast hysterisch, weil ich bemerkte, dass Milk nur noch sehr wenig leuchtete und es anzunehmen war, dass er in wenigen Augenblicken vollkommen erloschen sein würde. Wahrscheinlich war Milk damit tot.

Thorwald nickte und ließ Milk aus seiner Hand gleiten, so dass er auf den Boden fiel und dort regungslos im Staub liegen blieb. Ich rannte sofort zu meinem Freund, der mir als Gefährte schon sehr ans Herz gewachsen war, und ich befürchtete, dass er vielleicht sterben würde. Thorwald hätte damit ein ganzes Volk, binnen weniger Sekunden und ganz ohne Anstrengungen, einfach so vernichtet.

Thorwald jedoch, er beobachtete uns interessiert und reagierte schließlich, indem er einen Haar feinen Blitz aus seinem Zeigefinger auf Milk warf, der diesen sofort absorbierte. Kurz darauf begann Milk wieder stärker zu leuchten. Ich blickte gehetzt zu Thorwald auf, der inzwischen seine leuchtende Aura wieder verloren hatte. Thorwald setzte sich auf einen der alten Holzstühle und nahm den Becher mit dem lauwarmen Kaffee in die Hand.

»Dein Freund wird sich schon bald vollständig erholt haben, Matze. Aber ich konnte zuvor nicht wissen, ob er Freund oder Feind ist und weiß es noch immer nicht. Aber ich habe dein Wort und dieses sollte dem Volk vorerst seine Existenz retten. Du hast hier nicht nur einen Freund mitgebracht, Matze, sondern ein ganzes Volk. Es nennt sich Xermitolistand und ist gewöhnlicherweise wesentlich wählerischer bei der Auswahl seiner Freunde. Alle Feinde von ihnen, sie werden meistens in Sekundenschnelle in ihre Einzelteile zerlegt.«, meinte Thorwald mit erstaunlicher ruhiger und gefasster Stimme. Dann setzte er den Becher an seine Lippen.

»Das weiß ich bereits, Thorwald. Aber Milk, so wie ich dieses Volk nenne, will doch nur wieder in seine eigene Welt zurückkehren.« entgegnete ich, immer noch mit sorgenvollem Blick auf meinen schwachen Freund gerichtet, der sich jedoch ganz offenbar wirklich rasch zu erholen schien und auch schon erheblich heller leuchtete.

Ich erzählte Thorwald von meinen Erlebnissen, von dem furchterregenden Kir, den Zyklanden und der Gefangenschaft von Patricia, die Thorwald sogleich aufhorchen ließ.

»Das ist ja entsetzlich!«, rief eine mir ebenfalls sehr bekannte, weibliche Stimme hinter mir. Als ich mich sogleich umdrehte, standen die anderen Druiden, zusammen mit der jungen Mira, die diese Worte gesprochen hatte, im Raum. Freudig begrüßte ich alle und umarmte sogar Mira. Ich hatte nicht mehr daran gedacht, sie hier wieder zu sehen. In der Zwischenzeit hatte Milk wieder menschliche Gestalt angenommen, und Thorwald beobachtete ihn aufmerksam. Der alte Druide schien einen großen Respekt vor Milk zu haben.

Doch dieser stand nun eher hilflos im Raum herum und blickte immer wieder ängstlich zu Thorwald. Jürgen und Mira brachen schließlich das harte Eis, indem sie zu Milk gingen und ihm begrüßend ihre Hand reichten. Nun konnte man auch wieder ein feines Lächeln in den Gesichtszügen von Milk erkennen, was mir gefiel. Selbst Thorwald reichte ihm nun, aber immerhin erst ganz zum Schluss, seine Hand, obwohl in seinen scharfen Augen noch immer sehr viel Misstrauen zu erkennen war.

Inhaltsverzeichnis

  • Die Geschichte zu Xermitolistand

    Bereits 1997 erschien Alexander Rossas Erstling »Xermitolistand« als kostenloses Dark Fantasy E-Book mit einem anderen Titel im Internet und fand in knapp zwei Jahren über 60000 Leser. Danach nahm er das E-Book wieder aus dem Netz, da er das Buch nicht mehr kostenlos und werbefrei zum Download...

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  • Xermitolistand - Erstes Kapitel

    Mein Name ist Matthias Matze. Meine Eltern meinten damals, so ein Name wäre etwas ganz Ausgefallenes, denn Matze ist der gerne benutzte Spitzname für Matthias. Also nennen mich heute eben alle Matze, obwohl ich schon sehr alt bin und eigentlich ein wenig Respekt verdient habe. Doch das wissen die...

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  • Xermitolistand - Zweites Kapitel

    Nachhdem Mira eine Kanne Kaffee aufgestellt hatte, schlenderte sie zu mir und setzte sich auf einen bequemen Bürostuhl und zog ihre Beine an. »Dies scheint eines dieser protziges Marketingbüro zu sein.«, flüsterte sie. Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber vom Schreibtisch und war froh, endlich...

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  • Xermitolistand - Drittes Kapitel

    Kaum war Patricia verschwunden, um Matze zu wecken, sprang Thorwald auf und schrie »Sie kommen! Verdammt, sie kommen!« Sofort betätigte Max einen versteckten Hebel hinter dem Geschirr, das in einem klobigen Regal aufgestellt war. Daraufhin schob sich das Regal ganz langsam, wie von Geisterhand bewegt,...

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  • Xermitolistand - Viertes Kapitel

    Kir war sehr verärgert, als man ihm die Nachricht überbrachte, dass zwei der Gefangenen entflohen waren. Auch die zahlreichen Suchtrupps, die er dann entsandt hatte, konnten die Entflohenen nicht ausfindig machen. So gab er schließlich missgelaunt den Befehl zum Aufbruch seiner Truppen, zumal man...

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  • Xermitolistand - Fünftes Kapitel

    Inzwischen hatten Milk und ich von Thorwald erfahren, dass die Beschädigungen des Damms erfolgreich von den Druiden repariert wurden. Die Löcher waren wieder geschlossen. Jedoch war das Ausmaß der Schäden in dieser Welt erheblich größer, als ursprünglich erwartet. Auch waren weitaus mehr...

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  • Xermitolistand - Sechstes Kapitel

    Fünf ältere Männer saßen zu dieser Zeit in einer alten Blockhütte im tiefen Wald, einen alten Holztisch herum. Ein weiterer Mann lag, umgeben von gelbem Licht, in der Mitte dieser Hütte, auf dem harten Boden. Die fünf Männer, die Druiden Thorwald, Max, Jürgen, Mark und Thom, unterhielten sich...

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  • Xermitolistand - Siebtes Kapitel

    Der frühe Morgen war über dem kleinen Heerlager angebrochen. Kühler und ungewohnt schwerer Nebel lag über den vielen Zelten. In der Jurte, in der Kir lag, waren die wenigen Heilkundigen der drei Völker die ganze Nacht damit beschäftigt gewesen, mit allen nur erdenklichen Mitteln zu versuchen,...

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