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Zweiter Sammeltag der Apfelzeit 1995

Die Sonne verschwindet langsam hinter in den Bäumen und taucht den ganzen Wald in ein unwirkliches Licht.
Ein ruhiger und eher besinnlicher Tag neigt sich seinem Ende.

Ich bin müde.

Gerade will ich mich ein wenig vor das Haus setzen, um die Ruhe und die nachlassende Spannung in der Luft zu geniessen, da sehe ich einen Mann zwischen den Bäumen, auf meine kleine Hütte zu kommen.

Ich habe ihn noch nie hier gesehen und frage mich, was er wohl von mir will.

Als er schliesslich vor mir steht, biete ich ihm den Platz neben mir, auf dem kleinen Bänkchen an und frage ihn, was er von mir will oder ich vielleicht für ihn tun kann. Es ist schon Abend und eine einsame, alte Frau im Wald zu dieser Stunde besuchen zu wollen, das ist wohl wirklich sehr ungewöhnlich, und vielleicht sollte es sogar auch ein wenig Besorgnis erregend sein.

Aber ich bin die alte Hexe Ursula Freibank. Man sollte sich schon gut überlegen, ob man einer alten Hexe, wie ich eine bin, etwas antun möchte.

Der Mann erklärt mir dann in leisem Ton und fast so, als wolle er sicherstellen, dass ihm auch wirklich keiner zuhören kann, dass er etwas sehr Seltsames erlebt hat. Es waren, wie er mir erzählte, immer wieder kehrende Träume und richtige Visionen gewesen, die ihn jeden Abend wieder und wieder verfolgen. Er habe dann von den Nachbarn gehört, dass ich zwar eine etwas sonderliche Frau wäre, die sich mit allerlei übersinnlichen Dingen beschäftigen würde. Aber ein Gespräch, das könnte vielleicht von Nutzen für mich sein.

Ich muss leise kichern und blicke, fast schon ein wenig verschämt, auf den Boden. Aber ich bin auch sehr neugierig geworden, was dieser schüchterne Mann mir alles zu erzählen hat. Er wirkt immerhin ehrlich und ungewohnt höflich auf mich, auch wenn er zu einer so späten Stunde nicht bei einer Dame reifen Alters einkehren sollte.

So beginnt er schliesslich etwas scheu, mir seine Geschichte zu erzählen, noch während die ersten schwarzen Amselhähne im Wald, mit ihren leuchtend gelben Schnäbeln, irgendwo im Unterholz ihren extrem selbstbewussten Abendgesang anstimmen.

»Eigentlich führe ich ein ganz normales, fast schon spiessiges Leben.

Jeden Tag gehe ich meiner Arbeit nach, in einer ganz normalen Stadt, mit ganz normalen Menschen, habe eine liebe Frau und entzückende Kinder. Doch vor einiger Zeit hat sich mein Leben völlig verändert.

Ich denke nicht, dass ich irgendwie krank bin, gar verwirrt, oder dass ich inzwischen völlig durch drehe.

Dennoch hat sich mein Leben derart in ein bizarres Konstrukt verändert, dem ich völlig erlegen bin und das nicht mehr nur meine Persönlichkeit fordert, sondern mein ganzes Ich.

Die meisten Menschen haben eine persönliche Definition für "Leben" gefunden, eine mehr oder weniger für sie befriedigende Sichtweise, mit der sie relativ unbeschwert leben können. Doch was geschieht mit einem Menschen, dem seine Definition, durch das Leben selbst, vollkommen abhanden gekommen ist?

Niemals hätte ich auch nur im Traum daran gedacht, jemals in so eine Lage zu geraten.

Es scheint fast so, als würde man plötzlich nicht nur seine sichernde Erklärung des Lebens verlieren, sondern es würde alles in dieser Welt in Frage gestellt werden. Alles in ihr gehört schliesslich irgendwie zu meinem Leben, ob ich es möchte, oder auch nicht, und wenn ich keine für mich schlüssige Erklärung für das Leben habe, irgendetwas, mit dem ich mich persönlich zufrieden geben kann, was habe ich dann noch...? Was bleibt dann übrig?

Nicht sonderlich viel!

Man schwimmt viel mehr wie Treibgut umher, hüpft verwirrt auf den Wellen der Ereignisse, stets den Gezeiten des Schicksals ausgesetzt.

So begann damals alles mit einen Traum.
Ich schlief damals ein, und irgendwann begann ich zu träumen.
Jeder Mensch träumt. Das ist nur wenig unfassbar.
Das Träumen hält einen Menschen gesund und ist wohl nichts Ungewöhnliches.
Doch dieser Traum, er war ein wirklich ungewöhnlicher und seltsamer Traum.

Während meine Frau ruhig neben mir schlief, wurde ich immer mehr von diesem merkwürdigen Traum gefesselt. Es schien fast so, als würde ich mit jeder Bewegung tiefer in den Traum hinein gezogen werden. Ohne etwas gegen diese Bewegung unternehmen zu können und mit dem Wissen, immer tiefer und tiefer in eine Szenerie ein zu tauchen, von der ich glaube, dass sie aus dem Innersten heraus entstanden war, liess ich die Ereignisse über mich ergehen.

So traf ich Menschen, Personen mit richtig normalen Gesichtern und Stimmen, sah verschiedene Lichter, Häuser und Strassen, hörte in der Ferne einen Hund bellen, und alles schien so real und wirklich zu sein, als wäre ich tatsächlich dort und direkt vor Ort gewesen.

Es war kalt: Die Strassen schimmerten feucht, und ich sah einen alten Mann die Strasse in meine Richtung hinunter schlendern. Er hatte einen ziemlich dunklen Hut auf, an dessen Rändern sich ein wenig von seinem grauen Haar abzeichnete. Sein linkes Bein zog er etwas nach. In seiner rechten Hand trug er eine einfache Plastiktüte.

Als er einige Meter gegangen war, erschienen drei finstere Gestalten in einem Hauseingang. Es waren drei Männer Sie bauten sich drohend vor dem Mann auf.
Sie waren noch jung, wirkten aber ungewöhnlich kräftig und sprachen einige Worte mit dem Mann. Einer von ihnen zog plötzlich ein Messer und rammte es dem Alten, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, in den Bauch.
Ich schrie in diesem Traum laut auf, war entsetzt und rannte zu dem alten Mann, der inzwischen auf dem Boden lag. Die drei Männer flüchteten die Strasse entlang. Der verletzte Körper auf dem Boden, er zuckte, und man hörte ein Stöhnen. Es war ein Traum, ganz sicher war er das, doch die Gefühle in mir kochten hoch. Ich war verzweifelt und voller Schmerz, als wäre ich es gewesen, der durch das Messer verletzt worden war.
So kniete ich vor dem blutenden Mann, dessen Stöhnen immer schwächer wurde.
Das Blut hatte schon seinen ganzen Mantel durchtränkt. Als ich seine Hand nahm, war sie kalt und zitterte ein wenig. Immer wieder rief ich um Hilfe, aber es waren weit und breit keine Menschen mehr zu sehen. Niemand schien mich zu hören.

Ich streichelte dem alten Mann über das Gesicht, während das Zittern in seiner Hand langsam nachliess. Es war offensichtlich, daß er starb.

Doch plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ein seltsames Gefühl durchströmte meinen Körper, und ich sah die Finger einer Frau. Sofort drehte ich mich ein wenig zur Seite, um zu sehen, wer mich berührte. Ein Reflex.

Es war eine junge Frau mit Schulter langem, ganz dunklem Haar, seltsamen und auffällig weichen Gesichtszügen und grossen Augen, die mich entwaffnend liebevoll ansahen. Ich glaubte sofort, diese Frau schon lange zu kennen. Sie hatte eine schwarze Jacke an, die ihr ein wenig zu gross gewesen war, und ihr wirklich wunderschönes Gesicht, es war von der weiten Kapuze der Jacke umrahmt und wirkte sehr sinnlich auf mich.

»Es ist nicht schlimm. Sei nicht traurig.«, sprach sie tröstend zu mir, während sich ihre Hand ein wenig hob und ihren Finger mir sanft über die Wangen strichen.

Ich starrte sie gebannt an und es schien, als wäre ich völlig betäubt und nicht fähig, zu reagieren. Ein regelrechtes Feuerwerk der Gefühle war in mir entfacht. Erklären konnte ich mir das alles nicht. Noch immer war es nur ein Traum, oder doch nicht?

»Wa...wa..was?«, stammelte ich ihr zu.

Sie lächelte. Offenbar war sie von dieser eigentlich schrecklichen Szene völlig unbeeindruckt. Ich spürte die Ahnung in mir wachsen, dass diese Frau nicht so wirklich in meinen Traum hinein gehörte. Sie war zwar hier in diesem Traum und bei diesem Geschehen, aber sie schien ebenso nur ein Gast gewesen zu sein, so wie ich selbst auch. Fast war es mir so, als würde man eine Art Geistwesen in einem Traum sehen und seine Entität erfahren.

»Es ist alles so, wie es sein soll. Alles geht seinen Gang, hörst Du?«, versuchte sie mir zu versichern und wirkte dabei völlig sortiert und ruhig auf mich. Sie half mir dann vorsichtig auf die Beine, während ich meinen Blick nicht eine Sekunde von ihr lassen konnte. Sie erschien mir übermenschlich zu sein, ein seltsames Wesen, in der Gestalt einer jungen Frau. Sie beherrschte meinen Traum und mich völlig, da ich ihrem unwiderstehlichen Anblick vollkommen erlegen war. Zudem strahlte sie ständig eine faszinierende Güte und eine ganz eigene und seltsame Art von Liebe aus, die mich völlig paralysierte und ein zu hüllen schien.

Ich fuhr aus meinem Schlaf auf, war ganz aufgeregt und setze mich auf den Bettrand.

Was war mit mir geschehen? Was war das? Es war wohl nur ein Traum?
Nein, ganz sicher nicht.
Noch niemals in meinem ganzen Leben habe ich so intensiv geträumt.
Es schien mir wirklich so, als würde ich real und leibhaftig an diesem Ort gewesen sein.
Ebenso war dieses unglaubliche Wesen, diese junge Frau, auch dort gewesen.
Die Emotionen in mir kochten noch, ihre Liebe war noch immer tief in mir zu spüren, obwohl ich bereits völlig erwacht war. Dieser Traum hatte mich sehr beeindruckt.
Dann schlich ich mich in das Wohnzimmer und setzte mich auf unser altes Sofa.
Ganz aufgeregt war ich. Mitten in der Nacht versuchte ich den Traum und das in ihm Erlebte zu ordnen, eine Erklärung für mich selbst zu finden, um schliesslich weiter schlafen zu können. So plante ich es, weil es so bei Täumen immer lief. Am nächsten Tag wartete immerhin meine Arbeit auf mich. So entschloss ich vorerst jedenfalls, dieses Erlebnis als einen ungewöhnlichen Traum zu betrachten und ging dann, nach einer Weile der Beruhigung, wieder in das Bett, um zu schlafen.

Am nächsten Morgen erzählte ich der Familie nichts von meinem bizarren Erlebnis. Doch war ich noch mindestens drei Tage lang so sehr beeindruckt von dem Erlebnis, dass es mir schwer fiel, am Abend ein zu schlafen. Das Erlebte liess mir keine Ruhe. So sehr berührt hatte mich diese jungen Frau, dieses wirklich seltsame und beeindruckende Wesen aus einer Welt der Unwirklichkeit.

Doch bereits zwei Wochen später ereignete sich wieder so ein Traum.

Eigentlich war dieser neue Traum sogar noch beeindruckender, als mein erster Traum dieser Art, da er mich noch tiefer in das Geschehen und noch weiter aus meinem schlichten Alltag entführte:

Überall um mich herum, da litten die Menschen. Ich fand mich urplötzlich an diesem Ort wieder. Es schien ein Krieg zu toben. Weit verstreut lagen verwundete Menschen auf den Strassen.

Die ganze Umgebung, sie erschien mir seltsam fremd. Sie war ganz anders, als meine gewohnte Umgebung, beispielsweise eine normalen Stadt in Deutschland.

Die Menschen hasteten auf den Straßen umher, und sie hatten Angst. In der Ferne waren Explosionen zu hören, und laute Schreie zerschnitten die Luft. Menschen starben überall. Ich war fassungslos. Dieser extreme und rasche Wechsel, ausgehend von meinem ruhigen Leben, bis in diese extreme Situation hinein, er war enorm für mich. Ich spürte mein Herz bis hinauf, in den Hals hinein, klopfen. Ein unangenehmes Gefühl.

So stand ich mitten auf der Strasse und blickte mich gehetzt und desorientiert um.

Dann hörte ich Schüsse, sah einige Menschen zu Boden fallen, und ich spürte plötzlich selbst einen deutlichen Ruck in meinem Bein, der mich fast stürzen liess.

Offenbar war ich getroffen und sah es auch. Ich war tatsächlich getroffen, aber spürte unerwartet nicht mehr, als nur eine gewisse, unangenehme Taubheit im Bein. Obwohl ich keinen Schmerz bemerkte, lähmte mich ein rasch aufsteigendes und heftiges Gefühl von Traurigkeit und grosser Verzweiflung.

Es war schrecklich.
Ich war hilflos, obwohl ich mich in einem Traum wusste.
So spürte ich deutlich die Umgebung und den anwesenden Krieg.
Ich sah Bilder mit meinen Augen und roch die Brände, das verbrannte Fleisch.
Aber mein tiefstes Innerstes, es arbeitete unter Hochdruck, schien die Situation immer wieder und wieder zu prüfen.

Schliesslich bewegte ich mich von der Strasse fort, in einen Hausflur hinein.
Mein Körper fühlte sich bleiern und richtig schwer an, mein verwundetes Bein zog ich nach, Jedoch schmerzte es nicht. Ein widerliches Gefühl.

So liess ich mich schliesslich stöhnend auf den knarrenden Stufen im Hausflur nieder.
Mein Stöhnen konnte ich selbst deutlich hören, obwohl ich meinen Kehlkopf dabei nicht spürte. Meine Verzweiflung wurde deutlich durch meine Angst gespeist, die sich langsam in mir aufbaute. Ein Traum ohne Schmerzen, jedoch voller Angst und Verzweiflung. Ich wollte nur noch weg. Nur wusste ich zwar nicht viel von dem Traum, in dem ich gefangen zu sein schien, ersehnte mir aber die Möglichkeit, dieser ganzen Situation zu entfliehen zu können, da es doch nur ein Traum war. Dessen war ich mir bewusst. Ich litt und wünschte mir sehnlichst, doch endlich aufzuwachen.

Ein leises Knarren war im Haus zu hören.
Dann vernahm ich Schritte auf Treppe, die sich von oben näherten.
Über mir am Treppenabsatz, dort erschien eine Frau.
Sie war mittleren Alters, trug ziemlich kurze Haare, hatte volle, sinnliche Lippen und dazu ein ziemlich hübsches Gesicht. Zudem hatte sie wieder diese unglaublich liebevolle und freundliche Anmutung.

Konnte das sein?

Während draussen die Menschen um Hilfe schrien und die Schüsse immer wieder bedrohlich krachten, fesselte jetzt diese Frau meinen Verstand. Sie war ganz ähnlich und vergleichbar wie jene Frau, die ich in meinem Traum zuvor erlebt hatte, auf dieser Strasse, bei dem sterbenden, alten Mann. Diese junge Frau, sie strahlte eine unglaubliche Ruhe, Güte und bedingungslose Liebe aus. Ihre Augen waren klar und voller Freude. Wieder war ich davon überzeugt, dass sie diesen üblen Traum offenbar wohl selbst mehr beherrschte, als ein Teil von ihm gewesen war.

Während sie die hölzerne Treppe zu mir hinunter schritt, meinte sie: »Hallo, Du brauchst Dich nicht fürchten. Alles ist gut, verstehst Du? Fürchte Dich nicht!«

Wie schon in dem Traum zuvor, so starrte ich sie einfach nur an. All meine Angst und Verzweiflung, sie waren augenblicklich vergessen, als wären sie einfach aus gelöscht. Mir war plötzlich alles egal, und ich glaubte dieser seltsamen Kreatur bedingungslos. Nur noch dieses unglaubliche Gefühl der Zuneigung, es überschwemmte mein Innerstes und beschäftigte meinen Verstand. Ein atemberaubendes Erlebnis, selbst in einem Traum, wenn es denn überhaupt ein Traum war, in dem ich verwundet und angeschossen auf der Treppe kauerte.

Sie nahm meine Hand und führte mich auf die Strasse, die zwar noch immer grau und schmutzig wirkte, aber inzwischen völlig Menschen leer war. Es war plötzlich kein Ton zu hören, völlige Stille. Nur noch das entfernte Zwitschern eines einsamen Vogels und das sanfte Rauschen des Windes waren zu hören, der sich seinen Weg zwischen den Häuserschluchten suchte.

Sie war kein Mensch.
Da war ich mir nun absolut sicher.
Wie ein kleiner Junge stapfte ich, schräg versetzt zu ihr und gut gläubig, wie ein alter Hund, hinter ihr her.
Ich war ihr völlig erlegen.
Ein Mensch und Krone der Schöpfung, wie wir Menschen uns doch heute so gerne selbst sehen, war ich in diesem Augenblick wohl eher nicht mehr. In der Gegenwart dieses Wesens, da war ich nur noch unter entwickelt, schwach und hilflos. Aber es gab auch keinen Grund zur Furcht für mich. Alles schien verziehen, meine Fehler unwichtig und meine Unsicherheit unbegründet.

»Was geschieht, ist völlig ohne Bedeutung. Alles ist gut, auch wenn es nicht so erscheint.«

Ihre ruhigen und klaren Worte drangen tief in meinen Geist. Sie wirkten fast schon hypnotisierend auf mich ein. Es war eine klare Botschaft.

Sie drehte sich zu mir um und lächelte wieder, während sie mit ihrer anderen Hand, auf die untergehende Sonne zeigte, die sich langsam über den flacheren Häusern abbildete.
Wir setzten uns gemeinsam auf die Strasse und betrachteten das Schauspiel.

Ich erwachte ganz plötzlich, wieder mit einem Aufschrei.

Die Bilder waren verschwunden.

Ich lag in meinem Bett, und meine arme Frau, sie war durch den Aufschrei erwacht. Sie blickte mich mit müden Augen an. Daraufhin erklärte ich ihr mein Erlebnis. Ich hatte den Eindruck, sie lachte innerlich über mich, oder noch schlimmer, sie würde mich womöglich sogar süss finden.

Ich fühlte mich wie der Trottel, der einen schlimmen Traum hatte.

Die ganze Nacht blieb ich wach.
Ganz aufgeregt war ich. Beide Träume beschäftigten mich, und ich konnte einfach keine rationale Erklärung für sie finden.
Es waren keine Träume.Träume waren ganz anders.
Was waren das für seltsame Wesen?
Waren sie nur ein Produkt meiner Phantasie, womöglich nur ein Hirngespinst?
Aber alles schien für mich unglaublich real gewesen zu sein. Noch immer hatte ich den Brandgeruch in der Nase, und ich hätte von den beiden Frauen ein Portrait malen können, so gut erinnerte ich mich an ihr hübsches Aussehen und ihre beeindruckende Ausstrahlung.

In den nächsten Tagen konnte ich diese beiden Traumerlebnisse nicht so richtig von mir  abschütteln und für mich selbst, befriedigend verarbeiten. Sie beschäftigten mich unentwegt. Auf meiner Arbeit konnte ich mich auch nicht mehr richtig konzentrieren. Stiess ich auf andere Menschen, so war ich gereizt, wirkte stets nervös.
Immer wieder versuchte ich das Gefühl dieser bedingungslosen Liebe in mir, zu reproduzieren, hatte eine regelrechte Sehnsucht danach. Fast schon schien sich eine Sucht danach aus zu prägen. Das Leben um mich herum, es erdrückte mich nahezu und war fast ebenso grau wie jene Welt in meinem Traum, wenn es denn nur ein Traum gewesen war.

Allerdings diese Frauen in meiner Erinnerung, sie schienen mir noch immer hell, bunt und freundlich zu sein. So gewöhnte ich mir an, jeden Abend mit einer gewissen inneren Theatralik Schlafen zu gehen, mit einem Gefühlsgemisch aus Furcht und Vorfreude darauf, womöglich wieder auf eine diese bizarren Traumwelten zu stossen.

Nach einigen Tagen begegnete ich diesen Wesen in der Tat erneut.

Es waren gleich mehrere Träume, einer tiefer und entfernter, als der andere, manche Situationen schrecklich, eingie entsprachen normalen Alltagssituationen.
Faszinierend war es, wie sehr sich meine Wahrnehmung in diesen Träumen veränderte, sich die Welten immer detaillierter zeigten und ich offenbar lernte, sie besser wahr zu nehmen.

Auch traf ich immer wieder auf diese seltsamen Kreaturen. Sehr oft erschienen sie mir weiblich, als wunderschöne Frauen, deren Schönheit nur noch, durch ihre Ausstrahlung raffiniert wurde. Manchmal waren auch Männer dabei, wirkten wie Bekannte und Freunde dieser Frauen, strahlen aber ebenso dieses Gefühl der Dominanz und Freundlichkeit aus, wie es die Frauen auch schon taten. Mit der Anzahl dieser Erlebnisse fiel es mir immer schwerer, diese Träume, als reine Träume zu akzeptieren. Ich verlor das natürliche Verlangen, aus ihnen zu erwachen.

Jeden Augenblick meiner Freizeit versuchte ich zu schlafen. Ich wollte wieder auf diese Wesen treffen, hastete ihrer aufrichtigen Liebe entgegen, beinahe auf der Flucht vor dem Leben in der wachen Welt. Mit der Zeit schienen die Grenzen zwischen Träumen und dem Wachsein zu verschwimmen, und die Welten dieser seltsamen Träume, sie schienen mir ebenso bedeutungsvoll zu sein wie jene, in meinem wirklichen, wachen Leben. Doch was war das wirkliche Leben?

Meine Frau war zutiefst besorgt um mich, da ich mich sehr veränderte.
Ich sprach von diesen Wesen, die sie zuerst noch toleriert hatte.
Später bekam sie Angst und meinte, dass sie mir dorthin, an diese Orte, einfach nicht folgen konnte. Sie hatte Angst um mich, um sich und um unser eingespieltes Leben. Vielleicht fürchtete sie auch nur vor Veränderungen, so dass sie mir wohl auch nicht folgen wollte. Es schien sich für Aussenstehende so dar zu stellen, als würde ich verrückt werden. Psychologen würden sicher von einer Art Schizophrenie sprechen.

Doch alle diese Menschen, sie konnten mich nicht erreichen. Die Wissenschaft war für mich zu einer reinen Farce verkommen. Ihr gesamtes Wissen basierte auf dem, was ihre Anhänger gelesen oder gehört hatten, was seit Jahrhunderten weiter gegeben wurde, was wieder andere Wissenschaftler vor ihnen, ebenso nur gehört haben. Alles war nur in eine logische Folge gebracht, als funktionale Kausalketten erklärt. So fanden sie alte Knochen, bauten grosse Maschinen um diese Knochen herum auf, und die Maschine sagte ihnen dann: »Das ist alt«.
Doch es lagen immerhin tausende und Millionen von Jahren zwischen der Zeit ihrer wissenschaftlichen Schlüsse und dem, was früher wirklich geschehen war. Dennoch besassen sie die unglaubliche Überheblichkeit, ihre Schlüsse zur allgemeingültigen Wahrheit zu ernennen.

Letztlich wussten sie auch nicht mehr und nicht weniger, als jeder einzelne Mensch von uns auch wusste. Sie wussten nur das, was sie selbst wirklich erlebt hatten. Fingen sie an, diese Erfahrung zu interpretieren, so entfernten sie sich bereits damit, auch schon wieder von ihr. Wissenschaft war der Entschluss, gemeinsam an etwas zu glauben, obwohl es nur eine endliche Anzahl von Belegen für dessen Inhalt gab. Zu gross war die Diskrepanz zwischen Körper und Geist.
So ordneten die Psychologen einen Menschen, der an seine Traumerfahrungen glaubte, als krank ein. Das taten sie, während sie jedoch andere Menschen, die an einen nicht bewiesenen, allmächtigen und unsterblichen Gott glaubten, dem sie jedoch nie selbst begegnet waren und nach dem sie ihr ganzes Leben ausrichteten, als gesunde, integere und spirituell intelligente Menschen akzeptierten. Was also sollte die ehrenwerte Wissenschaft denn nichts anderes sein, als nur eine einfache Farce?

Ich jedoch, ich erlebte alle diese ganzen Dinge. Sie waren ein Teil meiner Realität, und meine Realität war nicht besser und schlechter, als jene anderer Menschen. Letztlich war dieser ganze Aktionismus völlig sinnlos, da diese Träume ohnehin immer wieder von ganz alleine kamen. Ich konnte und wollte es nicht ändern. Mir wurde klar, dass es unbedingt noch weitere Dimensionen und parallele Welten geben musste. In diesen Welten konnte man auf eine merkwürdige Art und Weise zu Gast sein. Es gab dort sie, diese seltsamen Wesen, von denen die Menschen bereits seit Ewigkeiten und in nahezu allen Kulturen berichten und ihnen die verschiedensten Namen gegeben hatten.

Schon das reine Wissen um ihre Existenz, es relativierte bei mir alles Körperliche und nahm die Angst vor Vergänglichkeit und Tod. Immer wieder begegnete ich ihnen in den entlegensten Winkeln und Erkern meiner nächtlichen Visionen. Doch schien es, dass sie auf irgendeine Weise stets bei mir waren. Selbst wenn ich wach war und meinem alten Leben folgte, meine Aufgaben pflichtgemäss wahrnahm, so war ich mir sicher, dass sie in der aktuellen Szenerie und meinem Leben hätten jederzeit erscheinen können, wenn sie es denn gewollt hätten. Stets rechnete ich mit ihnen, wenn die Tür sich öffnete, ich berührt wurde oder mir eine freundliche Stimme auf der Strasse begegnete. Doch dem nicht genug. So geschah es, das sie immer mehr den Kontakt suchten.

Ich traf einen von ihnen in einer recht friedlich verlaufenden Vision. Es war ein junger Mann, der mich mit einer Frau zusammen führte.

Sie hatte dunkle Haare, Sommersprossen und braune Augen.
Aber sie selbst, sie war keines dieser seltsamen Wesen. Sie war eindeutig ein Teil dieser Vision, und sie stand auch nicht über dem Geschehen, wie es diese Wesen taten. Sie hatte aber dennoch die Fähigkeit, mich viel intensiver wahr zu nehmen, als es die anderen Menschen in diesen Traumwelten generell taten, was mir schon recht ungewöhnlich vor kam.

Dieser junge Mann, er war stets bei ihr, und beide folgten mir.
Letztlich sprachen wir mit einander und es schien, als würde ich diese junge Frau schon seit Ewigkeiten kennen.
Richtig vertraut war sie mir, so wie eine alte Freundin.
Sie schien jedoch nicht zu wissen, dass meine Zeit in dieser Vision begrenzt war. Die Frau gab sich ausgelassen und unbekümmert. So tollten wir in dieser nächtlichen Stadt umher, zwischen den bunten Lichtern und den etwas teilnahmslos wirkenden Menschen. Ich empfand deutlich mehr, als nur eine reine Zuneigung zu dieser Frau. Der junge Mann war weiterhin stets bei uns, wie eine Art Aufpasser. Er störte aber nicht, da er uns beide gleichermassen, mit seiner unglaublich positiven Ausstrahlung beeindruckte.
Das war ganz offensichtlich. Doch von Ablehnung und Skepsis war in mir nichts zu spüren. Vielmehr schien er uns beiden, wie ein lieber Freund oder ein Beschützer gewesen zu sein, ein Wesen, das über uns wacht. Als ich schliesslich recht deutlich spürte, dass diese Vision bald enden würde, dieser Traum zu seinem Ende kommen sollte, löste ich die junge Frau ein wenig aus dem Geschehen heraus und versuchte ihr die Situation zu erklären. Sie erschien mir plötzlich sehr ungerecht und richtig schrecklich.

Sie bekam Tränen in ihre Augen und verbarg ihr Gesicht, um zu weinen.
Es zerbrach mir das Herz.
Ich konnte sie nur hilflos ansehen.

Dann war ich plötzlich völlig perplex, dachte an meine Frau und meine Kinder, sah sie in Gefühlen betrogen. Doch konnte ich mich der Liebe zu dieser Frau, die weinend vor mir stand, nicht erwehren. Diese Frau war mir vertraut, eine seltsame Wesensverwandtschaft, die ich mir nicht erklären konnte. Es waren schreckliche Augenblicke in einer ganz anderen Welt.
Doch noch bevor ich sie tröstend in den Arm nehmen konnte, erwachte ich aus dieser Vision. Ich schreckte hoch, war hellwach und schrie tonlos und verzweifelt in mich hinein: »Ich liebe Dich! Hörst Du, ich liebe Dich!«
Gehetzt und reichlich verwirrt sah ich mich um, sah meine Frau, die fest neben mir schlief und wollte wieder zurück in meinen Traum. So konzentrierte ich mich intensiv auf die verloren gegangene Szene, auf sie, diese Frau, sah sie noch immer weinend vor mir und schrie immer wieder in meinen noch Schlaf trunkenen Geist hinein, dass ich sie lieben würde. Ich flehte und bettelte, wollte wieder bei ihr sein, bis ich dann wieder einschlief. Es war ein sehr schmerzhaftes, reales Stück Unwirklichkeit.

Ich träumte in dieser Nacht nicht mehr.
Diese Frau schien für mich verloren.
Sie war so unglaublich wirklich.
Es lag nicht in meiner Macht, sie wieder zu sehen.
Sie zu suchen schien mir, nach den Sternen zu greifen.
Ihr weinendes Gesicht, ich konnte es nicht vergessen.
Es fiel mir sehr schwer, meine Gefühle vor meiner Frau zu verbergen.
Hatte ich sie betrogen?
Ich liebte sie.
Aber ich empfand auch eine starke Liebe zu dieser Frau aus der Vision.
Konnte man zwei Frauen in zwei parallelen Welten zugleich lieben?
Ich war mir nicht einmal sicher, ob es eine andere Welt war.
Doch nur ein Traum, das war er auch nicht.

War diese Form der Liebe tatsächlich möglich, so waren wir dazu fähig, in der rechnerisch einen Hälfte der Unendlichkeit, jeweils verschiedene Menschen gleichzeitig zu lieben. Dabei ist eine Hälfte der Unendlichkeit selbst für sich, auch immer unendlich.

Diese ganzen Erlebnisse haben mein Leben geprägt. Nicht ganz sicher bin ich mir über ihre Bedeutung. Doch meine ich, dass uns diese Engel artigen Wesen etwas mitzuteilen haben, uns etwas lehren wollen. Sie deuten an, dass sich alles Endliche auflöst, wenn man lernt, ein wenig mehr Unendlichkeit zu begreifen. In unendlich vielen, parallelen Welten, unendlich viel aufrichtig und ehrlich zu lieben scheint real. Die Trauer um den Verlust von etwas Endlichem hingegen, sie scheint nicht real und eine Illusion zu sein.

So fühle ich nach diesen Erlebnissen. Fangen wir an, diesen seltsamen Wesen zu zu hören und ihnen zu folgen, dann sind sie offenbar plötzlich für uns da. Fast wie bei den spektakulären Experimenten zur Quantenmechanik, deren Ergebnisse abhängig vom Bewusstsein der Beobachter sind.

Noch heute habe ich diese Träume. Sie werden immer stärker und reichen immer tiefer und weiter in ein unwirkliches Universum. Jedoch habe ich gelernt, ihnen nur einen Teil meines körperlichen und scheinbar endlichen Lebens zur Verfügung zu stellen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Der andere Teil gehört den Menschen, die mir in dieser Dimension und Welt etwas bedeuten, die ich hier liebe und die mich hier brauchen.

So stehe ich erst am Anfang meiner Veränderung, und das habe ich für mich akzeptiert. Allerdings weiss ich heute bereits sicher, dass es neben dieser Realität, offenbar unendlich weitere Realitäten gibt, Dimensionen, parallele Welten, die sich alle irgendwie unterscheiden und die mit und ohne uns sind und sein können und zwischen denen einige Wesen offenbar reisen und deren Bewohner dominieren können. Doch die genaue Definition für Leben, die ist mir abhanden gekommen, ist so zu sagen auf der Strecke geblieben und erscheint mir auch nicht mehr ganz so sehr bedeutungsvoll, wie früher einmal. Das lockert meinen Platz in dieser Dimension erheblich und lässt mich wirr und torhaft erscheinen. Doch im Gegensatz zu früher, da bin ich mir meiner Alternativen bewusst, und in mir schwelt noch immer die Hoffnung, diese Frau irgendwann einmal wieder zu sehen.

Er beendet seine Geschichte. Wir schweigen gemeinsam eine Weile.
Seine Geschichte ist wahr.
Ich weiss das genau, und ich sage es ihm.

Nichts ist wohl wichtiger als die Gewissheit, nicht hoffnungslos alleine mit solchen Erfahrungen zu stehen, um dann schliesslich an seinem eigenen Verstand zu zweifeln.
Als Hexe Ursula Freibank sind mir seine Erlebnisse nicht fremd, zumal ich sie schon selbst, nur eben in anderer Form und Umgebung, kennen gelernt habe.

Viele Menschen nennen diese Wesen Engel, gute Geister, Boten der Götter oder wie auch immer. Doch sie meinen alle das gleiche Phänomen. Sie versuchen sich damit ein oder mehrere derartige Erlebnisse zu erklären, die sie hatten und die sie sehr beeindruckten. Solche Erlebnisse hatte auch dieser Mann, und ich hatte sie ebenfalls. Wir sind also tatsächlich Leidensgenossen.

Was soll ich ihm anderes sagen, als das es diese Wesen und diese Erlebnisse wirklich gibt, auch wenn wir sie uns nicht unmittelbar erklären können. Manchen Menschen offenbart sich die Zwischenwelt eben leichter, als anderen Menschen, und sie erscheint einigen Menschen sehr bedrohlich, anderen jedoch sogar fast paradiesisch. So ist das mit dem Bewusstsein der Menschen eben.

Ich stehe auf, hole mir einen Schluck warmen Kräutertee und biete ihm auch einen Becher voll davon an.

»Ist alles aus selbst gesammelten Kräutern, und man kann nie so genau wissen, ob man diesen Becher Tee überlebt. Ich bin eben nicht mehr die Jüngste, und da hat man sich beim Sammeln schnell einmal vergriffen. Also geniesse ihn, guter Mann. Es könnte dein letzter sein«, meine ich zu ihm und kann mir ein leises Kichern nicht verkneifen, als ich den Becher mit dem dampfenden Inhalt, vor dem Mann abstellte. »Warum kommst du mit deiner Geschichte zu mir und gehst damit nicht zu deinem Gemeindepfarrer«, frage ich ihn.

Er reagiert zuerst nicht, sondern nickt nur schwach mit seinem Kopf, während er in den Becher auf den Tee starrt. Doch dann erklärt er mir, dass er schon bei seinem Pfarrer war, sich sogar vorher einen Termin bei ihm geben liess.
Der Pfarrer sprach nur von einer Prüfung Gottes und von dem Bösen, das ihn in Versuchung führen wollte, eben über alle diese Dinge, die ein Christ wohl von einem Pfarrer erwartete, zu hören.
Doch der Mann erklärt auch, dass diese alten Geschichten ihm nicht wirklich viel bedeuten würden. Reumütig meint er zudem, zwar sein ganzes Leben lang fleissig Kirchensteuer gezahlt zu haben, auch schon mehrfach in der Kirche beim Gottesdienst gewesen zu sein, aber alles das, es hatte ihm nie wirklich geholfen und half ihm auch bei seinen aktuellen Visionen nicht sehr spürbar weiter.

Daher sitzt er nun hier und hofft, von mir nicht einfach abgewiesen zu werden. Der Pfarrer hatte ihn vor mir gewarnt. Aber auch wenn der Pfarrer ihn in Zukunft meiden wird, so hat er den Weg zu mir, einer alten Hexe, gewählt, um mehr über diese Visionen zu erfahren.

Ich blicke ihn an und meine dann etwas trocken und ein wenig zynisch zu ihm, dass es nicht gerade fein und von guter Kinderstube war, mich als alte Hexe zu bezeichnen. Die Weisheit und Lebensart anderer Menschen nicht zu verstehen und als lächerlich ab zu tun, das ist schon schlimm genug. Jedoch das alte Symbol der Hexe als ein Schimpfwort zu verunglimpfen, das ist als Übel aus den Köpfen der Menschen wohl nicht mehr heraus zu bekommen.

Dabei ist es heute doch ganz gross in Mode gekommen, eine Hexe zu sein, nach möglichst skurrilen, esoterischen Prinzipien zu leben, einen eigenen Kräutergarten sein Eigen nennen zu können und sich ein Menü aus den verschiedensten heidnischen Glauben zurecht zu legen, nur um sich von den anderen, zumeist als langweilig und schnöde empfundenen Menschen, ab zu grenzen.

Sozial schwierige Menschen ziehen sich gerne die Hexerei als Gewand an, um ihre Andersartigkeit damit zu symbolisieren und zu begründen. Dabei fehlt ihnen allen das grundlegende Verständnis, dass man eigentlich nicht anders sein muss, um eine Hexe zu sein. Ein Mensch zu sein, der in seinem Leben den alten Weg beschreitet, steht nicht gleich mit der Hexerei im Bunde. Auch sind die Hexen des Mittelalters eigentlich und ganz genau genommen, eigentlich keine Hexen gewesen, obwohl man sie wegen Hexerei, oft leider auch im Namen der Kirche, massenhaft gequält und ermordet hatte.

Sie waren zumeist Frauen, aber auch nicht wenige von ihnen Männer, die einfach nur eine andere Art hatten, ihr Leben zu leben. Sie waren Menschen, die dem alten Weg folgten, den es aus Sicht der Kirche, aus zu rotten und weg zu radieren galt.

Später spielten bei diesen kriminellen Machenschaften der Ankläger noch andere Macht erhaltende Gründe eine nicht unbedeutende Rolle. Aber Hexen, nein, richtige Hexen waren sie alle wohl eher nicht.

Im Prinzip kann jeder Mensch eine Hexe sein, ein Dämon zwischen den Welten, eben jener Dämon, der als Hagzissa auf dem Zaun zwischen den Welten ausharrt. Die Anlage dazu hast du, habe ich, hat eben jeder Mensch. Es stellt sich zuerst nur die Frage, was den erwähnten Dämon zwischen den Welten, zu einem Dämon werden lässt?

Es ist eigentlich nur das Begreifen von Wahrheiten.

Lebt ein Mensch zwischen den Welten, so verändert er sich, da er durch dieses Leben Erfahrungen durchlebt und sammelt, die andere Menschen nicht ihr Eigen nennen können. Diese Erfahrungen lassen ihn früher oder später, als übersinnlich und übermenschlich, womöglich sogar, wie ein Dämon oder bedrohlichen Hexenmeister erscheinen.
Die Menschen begreifen seine Art zu leben und seine Erfahrungen nicht. Erkenntnisse und gelebten Inhalte von ihm, sie kommen den Menschen wie Magie und unheimlicher Spuk vor.

Doch er ist und bleibt ein Mensch, auch wenn er sich sehr sicher in einem Terrain bewegen kann, das andere Menschen eventuell maximal nur in Schemen erahnen können. Jeder Mensch wählt sich seinen Weg selbst. Zieht es ein Mensch vor, sich in jene scheinbaren Gefilde der Zwischenwelt zu begeben, um sich weiter zu entwickeln und von ausserhalb des Kreisen in den Kreis zu ziehen, was ihm beliebt, so ist er deshalb noch lange kein Dämon oder eventuell nur psychisch krank.

Du wirst dir sicher die Frage stellen, warum ich dir das alles erzähle. Das hat einen verdammt guten Grund und hängt mit deiner eigenwilligen Geschichte zusammen. Du selbst hast dich mit deinen Visionen und dem Vertrauen zu diesen Wesen, die ich selbst für mich »Angelos« zu nennen pflege, auf eben jenes scheinbar unsichere Terrain begeben, das dich von den anderen Menschen unterscheidet. Es sind die verschiedenen Erfahrungen, die uns von den anderen Menschen trennen. Sie verändern und entwickeln dich. Doch eigentlich bleibst du immer nur ein Mensch mit Erfahrungen.

Letztlich ist es ganz alleine deine eigene Entscheidung, ob du diesen Weg der besonderen Erfahrungen und Wahrheiten weiter verfolgen willst oder ihn eben nicht verfolgen möchtest. Spürst du instinktiv für dich, das dieser Pfad dir etwas bringt und wichtig für dich ist und du dir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kannst, dann solltest du ihm auch weiter folgen. Aber dann wirst du dich immer weiter von deinen Mitmenschen entfernen, da sie dich mit der Zeit nicht mehr verstehen werden und zunehmender Tendenz auch nicht verstehen wollen. Sie ziehen ein Leben ohne diese Erfahrungen vor, und das ist ihr gutes Recht. Ihnen deine Erfahrungen und dein Wissen auf zwingen zu wollen, das wäre völlig falsch. Sie müssen immer selbst wollen und zu dir kommen, so wie auch du, zu mir gekommen bist.

Lehnst du jedoch diesen andersartigen Pfad ab und willst mit den anderen Menschen vorzugsweise ohne diese Erfahrungen und Erkenntnisse leben, so muss dieser Entschluss immer ganz tief aus deinem Herzen kommen. In diesen Dingen wird es dir nicht helfen, sich selbst üppig zu belügen, da es in der Zwischenwelt keine Lügen und üble Mogelpackungen gibt. Du musst einen ehrlichen und für dich selbst völlig reinen Entschluss fassen, und er wird dann auch von ganz alleine und unverzüglich in Erfüllung gehen.

Jedoch in meinem ganzen Leben habe ich noch niemals erlebt, dass sich die Angelos auch jenen Menschen zeigen, die diesen Entschluss nicht schon längst für sich gefällt haben, auch wenn sie noch so überrascht und verwundert auftreten mögen. Diese Wesen sind uns so weit überlegen und übersinnlich entwickelt, dass sie sich niemals unbedacht zeigen würden und wohl erst recht nicht verschiedene Pfade zu den Wahrheiten lehren, so wie sie es bei dir in deinen Visionen getan haben.

Den Angelos ist sehr daran gelegen, uns Menschen Wahrheiten begreiflich zu machen. Wir sind für sie fast so etwas, wie ihre Kinder, denen sie bei ihrer Entwicklung behutsam helfen wollen, in zwischenweltliche Gefilde aufzusteigen und diese auch zu verstehen.
Ihr Ziel ist es offenbar, die derzeitige körperliche, wie auch intellektuelle Begrenztheit der Menschen zu überwinden, um ihnen Erlebnisse zu ermöglichen, von denen sie heute nicht einmal zu träumen wagen.

Nur finden die Angelos in unserer jetzigen Zeit bei den Menschen zumeist nur alte Frauen, die gewillt sind, ihnen überhaupt zu zu hören und zu zu sehen, was sie uns mitzuteilen haben. Oder es ist nur eine alte Hexe, deren Name sich ihnen zuwendet, sich in jene scheinbare Unwirklichkeit verirrt, um als Hexe "Angelos Wahrheitslieb“ wieder geboren zu werden. Es ist das Leben, das mich zu dem formt, was ich heute bin.

So war ich erst vor einigen Augenblicken noch die alte Hexe Ursula Freibank, nur um jetzt eine ganz andere und neue Hexe, mit einem anderen und neuen Namen zu sein. Das ist gut so, weil es unsere Begegnung erfordert und ich mich meiner Vergangenheit mit den Angelos öffnen möchte. So spricht der Name die Geschichte über mein Leben als Hexe, der neuen Hexe Angelos Wahrheitslieb. Es sind die Angelos, nach denen ich mich sehne und nach denen ich verzweifelt rufe, denke ich an meinen Namen.

Der Mann blickt mich hilflos an. Er ist sich nicht sicher, was er von mir und meinem neuen Namen halten soll. Ebenso fühlt er sich nun den Lehren seiner Religion entrissen, in der die Engel etwas sehr Heiliges und nahezu Göttliches verkörperten. Ich habe ihm jedoch von Wesenheiten erzählt, die nicht göttlich sind, nur weiter entwickelt und eine andere Form leben, als wir Menschen.

So hört er mir nun zu, wie ich ihm versuche zu erklären, das es gute Wesen sind, die uns über das Erleiden von Erlebnissen weiter entwickeln wollen, wir es jedoch oftmals einfach nicht verstehen und sie als Bedrohung empfinden. Sie lassen uns Geschehen erleiden, und sie lehren uns das Fürchten, immer in einem strahlenden Licht der Güte und einer unendlichen Liebe stehend, mit dem Gesicht von wahrhaften Engeln. So wie der Mann, werden die Menschen hin und her gerissen sein, zwischen dem Leiden und dem machtvollen Guten, das die Angelos uns als Bild, in unseren Köpfen zeichnen.

Notwendiger Respekt wird von uns als Demut vor ihnen gelebt, so dass wir uns unterwürfig und jämmerlich verhalten, wenn wir ihnen begegnen oder von ihnen erzählen. Dabei suchen sie den Kontakt zu uns, um uns in eine Welt hinein zu helfen, die uns schläfrige Menschen mit gewaltigen Schritten voran bringen würde.

Als Angelos Wahrheitslieb fordere ich von dem Mann, auf Gebete und Huldigungen zu verzichten und den Angelos mit Freundschaft, Lernfreudigkeit und dem Respekt zu begegnen, dem ein Schüler seinen Lehrern zollen sollte. Gebete aus der Konserve, sie helfen in den Gefilden der Zwischenwelt nicht sehr viel weiter. Aufrichtige Freundschaft und gegenseitiger Respekt sind wohl die besten Gebete, die man stets beten sollte, hat man es erst einmal mit den Angelos und unserer aller Heimat, der Zwischenwelt, zu tun.

 

Inhaltsverzeichnis

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  • Vagabunda Nimmerruh (6)

    Zweiter Trockenbach im Schillermonat 1991Überall bin ich und sehe ich mich selbst.Einmal fühle ich mich kalt an, einmal bin ich warm.Eine schlichtes Behältnis bin ich, ein Gefäss für Gefühle, Hass und Liebe. Ich bin die Helligkeit und die Dunkelheit. Obwohl ich überall schon da bin, werde ich...

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    Dritter Sonnentag im Lebendwerd 1993Wolkenverhangen sind sie, die Berge, weit entfernt, am Horizont.Gleich gewaltiger Riesen und in weisse Watte gehüllt, so liegen sie dort.Als würden sie schlummern, träumen von einer vergangenen Zeit.Auch ich bin in meine Träume versunken, die Gedanken sind...

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  • Ursula Freibank (8)

    Zweiter Sammeltag der Apfelzeit 1995Die Sonne verschwindet langsam hinter in den Bäumen und taucht den ganzen Wald in ein unwirkliches Licht.Ein ruhiger und eher besinnlicher Tag neigt sich seinem Ende. Ich bin müde. Gerade will ich mich ein wenig vor das Haus setzen, um die Ruhe und die...

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  • Angelos Wahrheitslieb (9)

    Vierter Nebeltag im Graumantel 1996Überall Finsternis, Dunkelheit und unendliche Schwärze.Lichtlosigkeit ist voller Geheimnisse und wilder Dämonen. Unsichtbare Augen überall, beobachten mich, Fratzen gaffen.Besorgt wende ich mich um, überall Schwärze, keine Hoffnung.Ich habe Angst, fürchte...

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    Ich lebe schon seit Ewigkeiten mit einem nicht religiösen Weltbild und bin eigentlich sehr zufrieden damit. So habe ich viele wirkliche Wunder erleben dürfen, Wunder, die anderen Menschen oftmals völlig und auf ewig verborgen bleiben. Den religiösen Institutionen meines Landes habe ich mit...

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