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Zweiter Trockenbach im Schillermonat 1991

Überall bin ich und sehe ich mich selbst.
Einmal fühle ich mich kalt an, einmal bin ich warm.
Eine schlichtes Behältnis bin ich, ein Gefäss für Gefühle, Hass und Liebe. Ich bin die Helligkeit und die Dunkelheit. Obwohl ich überall schon da bin, werde ich immer wieder gebracht.
Doch nur selten bin ich willkommen.
Dabei erlöse ich vom Leid und vom Schmerz, bin mehr ein Freund, als ein Feind. Aber sie gehen mir aus dem Weg, als wären sie kleine Kinder, die ihren Vater meiden, um nicht ins Bett gehen zu müssen.
Dabei bin ich überall und war schon immer, ob im Bett, im finsteren Keller oder in jedem noch so fabelhaftem Versteck.
Ich bin ein wahrer Freund, der Sicherheit bringt, wohl oftmals die einzige im Leben und dennoch spricht man nur selten von mir.
Sie kämpfen mutig gegen mich, suchen einen Weg mich zu vertreiben, dabei bin ich ihnen näher, als ihre Eltern, und ich weiss mehr über sie, als jeder andere Freund und Mensch.
Es ist nicht Dankbarkeit, die ich mir wünsche, nein, vielmehr ist es mein Bestreben, das man lernt mich zu sehen und mich als Freund anzuerkennen.
Denn ich liebe sie aufrichtig, die Menschen.

Schweigende Menschen in einer schweigenden Stadt in einer schweigenden Welt, so, mein alter Freund, so erscheint mir meine Welt.
Sie erscheint mir immer so, wenn die Menschen auf dieser Welt nur noch entsetzlich brüllen und hysterisch schreien, die Städte schmerzhaft lärmen und widerlich stinken, und sie unter den vielen, lauten Menschen, gequält ächzt und entsetzlich stöhnt.
Wir haben uns lange nicht gesehen.
Doch nun sitzt Du hier bei mir, direkt vor mir.
Du bist bei der alten und hässlichen Hexe Vagabund Nimmerruh im Eichenwald, siehst mich angsterfüllt an und lauscht mit verklärter Andacht, meinen manchmal doch sehr wirren und zittrigen Worten.
Ja, das Leben hat mich zu dem gemacht, was Du vor dir siehst und gleich auch hören wirst. Doch vor allem hat es mich zu dem gemacht, was du in meiner Gegenwart fühlst und tief in dir spürst.

Wir waren einmal Freunde. Doch Du gehörst heute zu den verstörten und ängstlichen Gestalten dort draussen, und ich, ich gehöre einfach niemandem.
Ich lebe in einer Welt, so weit entfernt von deiner. Ein Leben an einem Platz, tief in meinem Herzen, der so einsam und unberührt ist, dass mein saftig frischer Geist sich immer wieder daran laben und ergötzen kann. So sehr weit entfernt von dem Geschrei der Menschen und dem Gestank ihrer Maschinen und Fabriken sind meine Plätze des Lebens entfernt, dass nur ich sie kenne.

Selbst jene angsterfüllte Menschen unter ihnen, die mir nahe zu stehen meinen, sie sind so weit von mir entfernt, dass ich wirklich ernsthaft Mühe habe, ihre Gegenwart zu spüren. Wollte ich sie denn wirklich auch spüren.
Doch wer will ewig nur diese Angst und diese Missgunst spüren?
Aber wenn du nun meinst, ich hätte mich im entfernten Jenseits oder in einem finsteren Schatten verkrochen, sei einfach nur fortgelaufen vor den Menschen, so weise ich diese Mutmassung entschieden von mir.
Sie ist grotesk und oberflächlich.
Ich bin dazwischen, nicht dort, aber auch nicht hier.
So bin ich mehr auf einer ganz feinen, aber dennoch reissfesten und dehnbaren Grenze stehend, einem seltsamen Zaun kauernd, fest entschlossen, dort auf der anderen Seite zu sein, wie auch hier, auf dieser. So soll es sein. Es ist ganz genau so, wie es mir eben gefällt und nicht wie jene es sich wünschen, die mich so wollen, wie es wohl nur ihnen selbst gefällt.
Du jedoch, du sitzt hier bei mir und starrst mich einfach nur an.
Du starrst mich an, weil Du nicht verstehst, nicht fühlst und dir nicht im Klaren darüber bist, wo der klägliche Rest in dir kauert. Du bist immer in Sorge, dass dieser Rest nicht von deinen Mitmenschen ganz aufgefressen wird.
Das ist wirklich jämmerlich, mein alter Freund. Hier zu sitzen, den nahen Tod vor Augen und die junge Erkenntnis im Arm, sein eigenes Ich vergeudet zu haben. Das eigene Ich vergeudet an andere, teilweise auch noch fremde Menschen. Sie haben dich brutal ausgenutzt.
Du bist ein Sklave der vielen lauten Brüller und gnadenlosen Gierschlünder geworden. Unfähig bist Du nun, zu leben, zu lieben und zu erkennen, was Harmonie und vollkommener Einklang bedeuten.
Voller Schrecken bist du nun plötzlich erwacht und findest dich ganz alleine und von allen verlassen wieder.
Du trägst ein sinnloses Dasein auf dem Rücken und erkennst eine schwarze, kalte Mauer vor deinen alten Augen.

Was erwartest du nun von mir?
Die Menschen, sie hassen mich.
Sie wenden sich ab und gehen mir aus dem Weg.
Diese Kreaturen tuscheln und flüstern, sehen in mir eine Hexe oder einen Dämon, eine garstige Frau, die mit dem Teufel im Bunde steht.
Im Angesicht des Todes, da erkennst du mich plötzlich im Nebel der vielen Verleumdungen und der üblen Missgunst wieder.
Hatte ich es dir nicht schon vor Jahren prophezeit? Hattest du damals nicht ebenso über mich gelacht, wie die anderen Kläffer auf der Strasse?
Ja, wie kleine, hysterische Hündchen, so springen sie an unseren knochigen, alten Hexenbeinen hoch. Sie versuchen uns zu zwicken und zu beissen, während sie vor Aufregung zittern und nervös urinieren.
Wohl wahr, das hast du gemacht, und du hast dich gut gefühlt dabei, während mir, vor deinen Augen, mein Herz zerbrach und die Tränen liefen.
Wir waren Freunde, du und ich, und du hast dich von mir abgewendet, weil diese Menschen das einfach so wollten.
Nie hast Du erwogen, das zu tun, was du willst.
Du hast dich geschämt für mich und meine Art, weil du es nicht verstanden hast. Ebenso nicht verstanden hast Du es, wie die anderen Brüller und Kläffer deiner Strasse.

Das Sterben, es ist wie ein Fluss, auf dem die Menschen, wie in alten Kähnen sitzend, treiben, jedoch niemals vor und niemals zurück, sondern immer nur so lange, bis das Holz langsam morsch wird und schliesslich unter ihnen zerbricht. Über jene Menschen zu lachen, die immer wieder in das Wasser springen, um eben Schwimmen zu lernen und sich darüber zu amüsieren, dass sie nass werden und verrückt aussehen, das scheint in den Augenblicken, in denen die eigenen Kähne unter ihren runzeligen Ärschen zu zerbrechen drohen, plötzlich verflogen zu sein. Obwohl sie schon ganz nasse Füsse bekommen haben, so kauern sie verkrampft in ihren morschen, undichten Kähnen und starren mich an. Ja, genau so, wie du mich jetzt anstarrst.

Spring hinein in das Wasser und halte dich mit einer Hand am Kahn fest. Lerne endlich im Wasser zu schwimmen, ehe es zu spät ist und das Wasser dich und deinen leblosen Körper fort treibt.
Ein noch so lautes Geschrei und Gebrüll der anderen, es wird dir nichts nützen, wenn du im Wasser ersäufst, als wärst Du ein junges Kalb in der späten Flut des Blattfalls.

Du bist eigentlich schon tot, mein alter Freund, lange vorher gestorben. Du bist von uns gegangen, ohne zu begreifen, das Sterben auch Leben ist und es im Sterben auch ungeahnte Freuden und wunderbare Hoffnung gibt.
Hier, nimm den Tee, er ist heiss und wird dir gut tun.
Mag durchaus sein, dass du nur einen Teil von ihm schmecken wirst. Du hast einfach in deinem Leben vergessen, wie ein solcher Tee schmecken muss, um einfach nur Tee zu sein.
Aber er wird dich sicher wärmen, und das ist gut.
Wenn du nun meinst, ich würde dich nur vergiften wollen, so wie es Hexen gerne anstellen und Dämonen nicht lassen können, arglistig, bösartig und falsch, dann friere nur weiter in deiner Einsamkeit und mit deiner blanken Angst. Wir sind uns dann nur noch viel näher, als wir es jetzt schon sind, weil ich dich dort erwarten werde.
Überall dort, wo es unangenehm wird, du voller Schmerz fühlst und hoffnungslos verspannst, wirst du mich finden und werde ich auf dich warten, da diese Orte der menschlichen Finsternis, zu meiner Heimat geworden sind.
Es ist schon ein wenig erbärmlich, das die Menschen nur ihren eigenen Fiktionen hinter her hasten und sich dann abwenden, wird es einmal schmerzhaft und quälend real.

Wenn du die Menschen nicht magst und sie dich anwidern. Wenn du sie hasst, weil sie alles Schöne auf dieser Welt zerstören, es brutal missbrauchen und zerleben. Wenn die Welt selbst jedoch, bereits voller Menschen ist, wohin sonst, sollen wohl Wesen wie ich, fliehen können, um ihr Leben so zu führen, wie sie es gerne führen möchten?

Ich wurde in einem endlichen Körper, in einer endlichen Umgebung, geboren, ohne zu wissen, was ein wahres Ende ist. Habe ich nicht ebenso das Recht auf ein Leben meiner Wahl, wie jeder andere Mensch auch?

Überall dort, wo sie nicht sein und brüllen wollen, es vermeiden sich aufzuhalten und die Menschen ihre Gedanken niemals verweilen lassen würden, dort werde ich sein und dir heissen Tee anbieten, auch wenn du ihn nicht nehmen magst.

In deiner Welt der Selbstgefälligkeit und allgegenwärtigen Arroganz, dort gibt es nur Dinge, die im hellen Licht ersaufen, eben die guten Dinge, wie auch schlechten. Jedoch alle guten und schlechten Dinge in dieser besagten Finsternis, die du niemals sehen wolltest und sie stets verleugnet hast, sie sind dennoch da, weil sie eben nicht sofort verschwinden, nur weil du sie nicht sehen magst. So wichtig bist du nicht, und so laut kann keiner dieser brüllende Menschen auf dieser wässrigen Kugel sein, um sie einfach weg zu schreien und fort zu pusten.
Was willst du also von mir?
Soll ich dir wirklich erzählen, was sein wird?
Du wirst sterben, mein Freund.
Wir alle werden sterben.
Nur der Zeitpunkt ist es, der deine lauten Freunde und dich selbst so brennend interessiert und der euch die nötige Würze im Leben verleiht.
Sei doch ehrlich mit dir selbst.
Du hast niemals den reinen Augenblick wirklich gelebt.
Niemals bist Du wirklich in die Vergangenheit gereist, um das wahre Jetzt zu finden. Alles was du denkst, es ist bereits Vergangenheit in genau jenem Augenblick, in dem du es denkst. Es ist geschehen und für dich nicht mehr erreichbar.

Der Versuch im Jetzt zu leben, auch wenn er heroisch und edel anmutet, er ist schier lächerlich, da wir Wesen in einem endlichen Körper niemals im Jetzt leben können. Wir leben immer in der Vergangenheit, auch wenn es nur einen winzigen Augenblick ausmacht. Alles ist bereits vergangen, wenn wir es denken.
Doch nur ein einziger Augenblick, er reicht aus, um die ganze Welt zu vernichten, um eine Entscheidung zu treffen, über alles nur erdenklich Mögliche, was einmal geschehen wird.
Das Jetzt ist eine Insel ohne Menschen, ein Ort, an dem sich alles Leben, aller Dimensionen und aller Welten trifft, ohne sich immer auch sinnlich und körperlich wahrnehmen zu können.
Es gibt nur den Weg der Intuition und des Gefühls einer nahen Erinnerung, das Jetzt wirklich zu erfahren.
Begreife doch endlich, mein alter Freund, um die Zukunft und das Leben zu verstehen, muss Vergangenes stets selbst durchlitten werden. Du kannst nicht an die Wurzel deines Leben gelangen, wenn du nicht bereit bist, dich jetzt und sofort dem Sterben und der Vergänglichkeit zu öffnen.
Denn das Leben, es ist das Sterben.
Schön und angenehm ist etwas immer nur, wenn man nur zu gut weiss, was es heisst, selbst Unangenehmes zu durchleben und Hässliches erfahren zu haben.
Der Genuss des Lebens, er trägt seine Wurzeln in der Erfahrung von Entbehrungen. Wenn du nun aber sagst, das Leben geniessen zu wollen und für dich nicht das Sterben wählst, dich von ihm abwendest, so wendest du dich damit auch vom Leben ab, deinem Leben, das du geniessen willst. Kein Wunder ist es also, dass es dir schlecht ergeht und du nun hier in meiner Hütte kauerst, mich mit deinen grossen Augen ansiehst, mit dem warmen Tee in der Hand und der quälenden Angst im Nacken, wohl bald sterben zu müssen.
Wir sind alle bald tot.
Ich sterbe auch gerade, vielleicht nicht ganz so vom Sterben überrascht und so sehr verbissen, wie du es bist. Doch ich sterbe ebenso.

Du wirst sehen, der Tee entspannt dich.
Du wirst sicher leichter sterben können, wenn du ihn getrunken hast.

Du scheinst zu schlafen.
Gut war der Tee, wie ich sehe.

Im Schlaf ist der Körper und seine Vergänglichkeit nicht mehr ganz so wichtig, und man kann sich den wirklich wichtigen Dingen widmen, wenn man sich damit ein wenig Mühe gibt.
Aber davon weisst du natürlich nicht sehr viel, mein alter Freund, da du deine kostbare Zeit bis jetzt nur dafür verwendet hast, mich und mein Leben zu verhöhnen, als sich besser selbst, um dein eigenes Leben zu kümmern.
Du bist wahrlich ein Tor, wenn auch ein eher harmloser.
Sich und seine ganze Lebenszeit nur seinem Körper zu widmen, seinen billigen Freuden und der Befriedigung seiner Bedürfnisse, bewertet ihn, als den schlichten Körper, völlig über. Er ist dadurch ein Sinnbild der Vergeudung geistiger Aufmerksamkeit, da er doch nur eine winzig kleine und nahezu unbedeutende Facette im Geflecht des Lebens ist.

Entdeckt haben diese Tatsache bis jetzt aber nur wenige Menschen.
Die meisten Menschen meiner Umgebung, sie enden wohl doch eher hier bei mir und trinken Tee, wenn ihnen bewusst wird, dass sie gerade dabei sind, zu sterben.

Sie sterben eigentlich schon immer. Doch das erwachte Bewusstsein dessen und der Beginn, dieses Bewusstsein aktiv zu leben, das verändert ihr Leben und beeinflusst ihren Alltag. Es bedeutet Veränderung. Wie unsagbar schrecklich ist das wohl für einen Menschen.
Sie sind schon wirklich ein wenig sehr verrückt, diese Menschen.
An ihr Leben krallen sie sich fest, ohne es wirklich leben zu wollen. Dabei verfolgen sie sogar mit Vehemenz jene, die den selbstlosen Willen haben, ihnen zeigen zu wollen und bekannt zu machen, wie man wirklich lebt.
Auf der anderen Seite jedoch, da schmeissen sie ihr Leben einfach fort, führen vernichtende Kriege, töten sich gegenseitig und quälen sich, ohne dazu auch nur eine einzige Frage zu diesem Umstand an sich zu stellen.

Fragen zu stellen, das scheint einfach nicht mehr so richtig beliebt und modern zu sein.
Wohl viel lieber scheint man heute gleich alles zu wissen, das Wissen ohne zu lernen, und man schätzt es, das Ansehen der anderen Menschen damit zu geniessen, ohne selbst dafür gelitten und geleistet zu haben.
Doch den guten Seemann, ihn erkennt man wohl immer nur bei schlechtem Wetter. So sagt man doch. Für uns alle wird sich irgendwann der Himmel zu ziehen, und ich bin mir nicht sicher, ob meine Tasse Tee dann alles das erreicht, was sie erreichen soll.

Ja, der gute, alte Tee, so warm und geschmeidig, aber auch ein wenig bitter und kratzig, eben genau so im Abgang, wie das Leben selbst. Tee ist Magie. Gebraut ist er stets unter der Verwendung aller Elemente unserer Mutter, um unseren Vater in uns zu erregen und seine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Mit ein wenig Glück nur, da wird in dieser sinnlichen Verbindung zwischen den Elementen des Seins ein Kind gezeugt, um neues, frisches Lebenslicht zu entfachen. Doch wenn der Vater dann doch ein wenig zögert und seine Augen verschliesst, wird es wohl kaum eine Verbindung geben. Da kann man dann nichts tun und nur noch zusehen, wie sich mit jedem Schluck Tee, die Tasse leert und wir uns einer alten, wie auch einer neuen Trockenheit nähern. Ist die Tasse trocken, wurde die Chance vertan.
Während du schläfst, werde ich an dich denken.

Einem Menschen ehrliche Gedanken zu schenken, das ist ungemein viel wert. Es erfordert ehrliche Hingabe. Ist es denn nicht reine Hingabe und Bezeugung von tiefem Respekt, still und ohne jegliche Aufmerksamkeit von sich ab zu verlangen, selbstlos an einen anderen Menschen zu denken und sich mit ihm auseinander zu setzen?

Mein alter Freund, so lange schon kenne ich dich, und nun sehe ich dich am Boden zerstört. Quälende Gedanken um das Ende deines Lebens und das Sterben quälen dich, dass nur der Schlaf sie zu betäuben vermag. Nur das Verstehen kann dich retten, das Begreifen der Vergänglichkeit.

Damit wäre ein Anfang gemacht, in dem du dich der reinen Leidenschaft gewidmet hast. Leidenschaftlich zu leben, das ist das Ziel so vieler Menschen, auch wenn sie alle, etwas anderes darunter zu verstehen scheinen.
Sinnlichkeit führt zur Leidenschaft.
So wie einige Worte schon in meinen Ohren klingen, auf die niemand sonst mehr zu hören scheint.
Sich seines Sterbens bewusst zu werden heisst, das Leiden mit dem Werkzeug der Sinnlichkeit an zu nehmen.
Stirbt ein Mensch, so vertraut er sein Leben der Natur an.
Er zollt ihr den Respekt einer warmherzigen Mutter, aus deren Schoss man gepresst wurde. Letztlich ist er sich dessen nur bewusst, um im Augenblick des Todes, sich wieder in ihn hinein, fallen zu lassen.
Man muss plötzlich vollkommen vertrauen.
Oh, nein, nicht etwa sich selbst, sondern einer höheren Gewalt.
Der gleichen Gewalt muss man vertrauen, die uns über alle Jahre hinweg sinnlich leben liess.
Ist unsere Mutter uns womöglich so sehr fremd geworden?
Ist sie uns selbstverständlich und damit egal geworden, eine fremde Frau ohne Gesicht und mit einer harten Hand, weil wir sie verdrängt haben?
So kann ich verstehen, dass ihr Menschen unserer Mutter nicht vertrauen könnt. Wie störrische Kinder auf dem Spielplatz, so lehnt ihr euch auf und windet euch, weil ihr nicht nach Hause kommen wollt. Kinder und Vernunft, sie beide gehen nur selten Hand in Hand.

Du bist erwacht und siehst hilflos aus.
Die Augen sind müde und gerötet, als wollten gleich die Tränen fließen.
Ich beachte dich kaum, weil es so sein muss, damit du es verstehst.
Nur du und dein Körper, zu einem Abschied zusammen gekommen.
Da habe ich mit meinem Mitleid kein Platz mehr.
Mir ist es egal, ob du mich an schreist und mich beleidigst, mich sogar an flehst, dir mein Mitleid zu schenken.
Schon einfaches Mitgefühl wäre wahrlich kein guter Freundschaftsdienst, während du gerade damit beschäftigt bist, aktiv zu begreifen, dass du stirbst.
Ja, zerschlage nur die leere Tasse und wüte laut herum.
Du hast die Pfade des Leidens »pathein« betreten, die dich mit alle dem hart und schroff konfrontieren, was du die ganzen Jahre zuvor sorgsam vermieden hast, begegnen zu müssen.
Du hast sie sorgsam gemieden, die kochenden Gefühlen und das quälende Leiden, alle ungünstig erscheinenden Emotionen, die dir zeigen, was es bedeutet, wirklich zu leben.
Tobe und schreie nur, weine, flehe und wirble herum, denn dazu hat jeder lebende Mensch wahrlich das Recht, jeder Mensch, der wirklich lebt.
Du bist noch ein Kind. Es war doch wirklich nicht deine Entscheidung, in diese Welt hinein und als Mensch geboren zu werden, nur, um zu sterben. Also nimm dir dein Recht und tobe, schreie und lache, nehme dir so viel davon, wie es dir beliebt.
Finde das Leben in dir, und lerne unserer lieben Mutter wieder zu vertrauen. Umarme die Bäume, rieche an den Blumen, und höre auf die Vögel.
Lasse dich vom harschen Wind treiben und rieche die feine Süsse in der Luft. Erforsche die tiefe Trauer, den bellenden Schmerz und das quirlige Glück, und du wirst endlich frei und ungefiltert zu Sehen beginnen.
Du wirst das wahre Leben in dir erkennen, das wahre Leben um dich herum. Du wirst unserer beider Mutter erkennen und unseren Vater in dir, von oben herab, aus der Freiheit. Auf dein altes Leben wirst du hinab sehen, wie in einen alten, finsteren Tümpel.

Du reisst gerade die Tür auf und rennst hinaus ins Freie.
Dort springst Du herum, hältst dann plötzlich inne.
Langsam fällst du auf die Knie, nach vorne in das frische und wunderbar duftende Gras.
Ich gehe zu dir und knie mich neben dich.
Du weinst nicht mehr, bist ganz ruhig und saugst tief den Duft des weichen Grases in dich hinein.
Die Vögel im Wald zwitschern wild durcheinander, als würden sie sich erzählen, dass hier ein Mensch kniet, der endlich begriffen hat, dass er stirbt.
Ich lege meine Hand auf deinen Kopf und streichle dir über dein graues Haar. Einige Minuten sind wir beide, unserer lieben Mutter ganz nahe, liegen im Gras, und deine Augen strahlen nun vor lauter Glück.
Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, bleiben wir beieinander und lauschen der Natur, dem Wind und allem, was unsere Mutter uns zu sagen hat.
Doch dann wird dein Atem langsam flacher.
Ein leichtes Zucken geht durch deinen Körper.
Ich spüre das junge Vertrauen in dir und lege mich ganz nahe neben dich.
Ein kleiner Igel tappt raschelnd durch das Gras.
Er wackelt ganz nahe an deinem Kopf vorbei.
Du siehst ihm müde nach und blinzelst noch ein wenig.

Dann bist du gestorben.

Du hast dich einfach hinein fallen lassen.
In den Schoß unserer Mutter bist du heimgekehrt.

Noch fast zwei ganze Stunden liege ich neben dir und lausche den Geräuschen des Waldes.
Ich bin sehr froh, dass du es geschafft hast.
Ganz ehrlich froh bin ich, mein alter Freund.
Zum Sterben bist du zu mir gekommen, und du hast bei mir das Leben für dich entdeckt.
Wen kümmert es schon, dass diese Brüller da draussen es nicht verstehen?
Was kann man sich mehr wünschen, als die Erkenntnis der wahren Bedeutung, zu leben.
Dann entdecke ich das kleine Lederband um deinen Hals und weiss sofort was es ist, was du dort um deinen Hals trägst.
Eilig ziehe ich an der Schnur, und es kommt ein kleines Ledersäckchen zum Vorschein. In ihm liegt ein kleiner, ungemein gut polierter Stein.
Seit du ein kleiner Junge warst, trägst du ihn, diesen seltsamen Stein der Schuld. Ich nehme ihn in die Hand und schliesse ihn in meine Finger. Der ganz eigenen Magie dieses kleinen Steines, ihr bin ich mir sehr wohl bewusst.

Dann kommen die Leute aus der Stadt.
Sie suchen dich.

Laut und fast schon hysterisch, wie man sie eben kennt, so stapfen sie durch den friedlichen Wald. Ihre Gesichter sehen stets zum Fürchten aus, wenn sie schreien und schimpfen, wenn ihre Münder dabei groteske Formen annehmen und ihre knolligen Köpfe in hässlichen Fratzen fest zu stecken scheinen.

Rasch stecke ich den kleinen Stein weg.
Er wäre bei den heran nahenden Schreiern verloren, untergegangen in ihrer finsteren Achtlosigkeit. Keine Sinn für die feine und wichtige Magie dieses steinernen Kleinods hätten sie, und würden ihn schon bald achtlos auf einen ihrer Müllberge werfen.

Sie beschimpfen mich und reissen mich weg von dir.
Weh tun sie mir.
Sie nehmen sich einfach das Recht dazu.
Ich darf dich nicht mehr sehen. Sie drohen mir mit Polizei und Gefängnis. Dabei habe ich dir nur das Leben gebracht. Ich war bei dir, als du mich brauchtest. Freunde sind für einander da.

Doch was wissen diese Leute schon, was Leben ist, wenn sie doch nur ihren tiefen Schlaf gewohnt sind?

Ich füge mich, ziehe mich in mein Haus zurück und schließe die Tür.
Alles geht seinen Gang eben wieder so, wie es immer schon gegangen ist.

Als sie alle fort sind, ist es wieder ruhig im Wald.
Vorsichtig öffne ich die Tür und gehe noch etwas vor die alte Hütte.
Ich bin nicht mehr die gleiche Hexe.
Nicht mehr so bin ich, wie ich es war, als ich in die Hütte hinein ging.
Eine ganz andere Frau bin ich geworden.
Ich weit entfernt von jener Hexe Vagabunda Nimmerruh, die ich beim Öffnen meiner Augen an diesem Morgen noch war.
Doch wer bin ich nun, nach dem Verlust eines Freundes und mit der Magie des glatten Steines an meiner Seite?
Lebenda Tränengras...
Ja, so will ich nun heissen und nach dem alten Freund suchen, dessen Körper ich heute aus dem Augen verloren habe.
Er wird dort im Wald irgendwo sein, da bin ich mir sicher.
Immer sind sie noch eine Weile in der Nähe, um zu begreifen, was geschehen ist, bevor sich das Fenster des Bewusstseins schliesst.
Ein Schliessen bedeutet auch immer ein Öffnen.
Doch was erst geschlossen ist, das vermag nur etwas zu durch dringen, was hexisch, dämonisch und gleichzeitig hermetisch ist.

Da muss Lebenda Tränengras lachen.

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