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Zweiter Trockenbach im Schillermonat 1990

Als ich noch ein Kind war, da erzählte mir meine Mutter einmal diese kleine Geschichte von einem kleinen Feuer.

Ja, dem prinzipiell leblosen Feuer, sofern man davon ausgeht, dass Feuer stets nur ein totes und heisses Element dieser Welt ist. Auch wenn ich meine Mutter damals nicht gleich verstanden hatte, so habe ich jedoch diese kleine Geschichte bis heute nicht vergessen können. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass man so etwas, wie das Spiegelbild der Geschichte, immer wieder und überall in der Welt sehen und beobachten kann.

Man betrachtet es sprachlos, und stets fehlen dem Betrachter die Worte. Dabei beginnt die Geschichte eigentlich ganz harmlos und eher niedlich, fast schon, wie ein Märchen mit Elfen und schönen Feen, so eine Geschichte, wie sie Kinder eben nun einmal gerne hören.

Doch von Elfen und Feen, da wird in dieser seltsamen Geschichte wahrlich nicht berichtet:


Alles ist ganz still und friedlich in diesem kleinen Tal.

Mit den ersten Strahlen der Morgensonne öffne ich mein Leben.
Kühle Nebel legen sich auf mein Gesicht.

Kalt ist der Boden. Er ist bedeckt von nur ganz wenig Gras.

Der gleissende Strahl der Morgensonne, er hat ein schwaches Glimmen in mir entzündet, dessen wohlige Wärme mein Ich ernährt.

Hier und da recken bunte Blumen ihre Köpfe dem Morgenlicht entgegen.
Auch Buntes kann trostlos sein, wie eine Welt ohne Freude.

Farben sind eine Illusion.

Vögel öffnen ihre Schnäbel, ohne das ihren kleinen Kehlen ein lieblicher Klang entweicht. Sie sehen aus, als würden sie nach Luft ringen, um nicht sterben zu müssen.

Das Plätschern des Baches zu meinen Füßen, es erinnert an das Kotzen und Würgen eines Hundes, kann man doch sonst nichts Besseres mit ihm, dem wässrigen Bach, verbinden.

Die Schönheit der Welt und das Wunder des Lebens sind eine Farce; beides wird zu einer Qual, hat man erst einmal vergessen wie es ist, auch nur ein Hauch glücklich zu sein.

So liegt mein Ich einfach entblösst, entzündet vom Morgen.
Nur eine kleine Flamme ist da, die wohl bis Mittag erloschen ist.
Sinnloses Dasein mit dem Drang, immer höher und heißer zu brennen, die Welt im fauchenden Flammenmeer zu erobern und zu besiegen.

Nun ist es geschehen. Eine kleine Flamme flackert munter knisternd seiner eigenen Vernichtung entgegen, euphorisch mit dem glühenden Wunsch, gleich die ganze Welt mit sich zu reissen. Das junge und ungestüme Ding.

Sie hat sich rasch mit der Sonne verbunden, dem runden General, dessen blanke Wut den Tau auf den Blättern ehrfürchtig verdunsten lässt. Das neue Bündnis, es hat ihn rasch und mutig aufsteigen lassen.

So steht er nun hoch in der Luft über dem fade anmutenden Bunt der Wiesen und dem kühlen Atem des Morgens, der sich inzwischen zu einer lauen Brise erwärmt hat.

Ein graues Geschöpf mit langen Ohren zieht es vor, dem Knistern der Flammen zu entfliehen. Mit aufgerissenen Augen springt es über den würgenden Bach, um der Hitze des Krieges zu entkommen.

Gierig habe ich begonnen, einen spitzen Halm, nach dem anderen, in mich hinein zu fressen und zu verschlingen.

Laut knistern die Gräser ihr Entsetzen heraus.
Doch es gibt in meinem Leben kein Erbarmen.

Blumenstile fallen reihenweise ihrem flammenden Verderben entgegen, als der runde General über ihren Köpfen erscheint. Seine heissen Strahlen zermürben Hölzer, Blumen, wie auch Gräser. Es ist für mich ein leichtes Spiel, sie alle zu vertilgen, harsch angetrieben von dem heissen Wind des Mittags.

Rauch steigt auf, ein Symbol meines Sieges und Zeichen des Verderbens alles miesen Bunten in diesem weiten Tal. Trocken und grau legt er sich mit beissendem Geruch auf die grüne Ödnis vor mir.

Widerlich ist das Glucksen und Gurgeln des Baches in meinem Rücken zu vernehmen, dem ich mit lautem Zischen kraftvoll entgegen halte.

Ich spüre es bereits deutlich, der Sieg wird unser sein! Alles werde ich vernichten, in mich hinein fressen und verschlingen, um letztlich über alles Verbleibende zu herrschen.

Das Knistern und Krachen ist überall zu hören.

Wie im Rausch, so falle ich über ein Heer der Blüten, nach dem anderen, her, um es brutal zu zerfetzen und zu zerschlagen. Heerscharen an Gräsern beugen sich meinem Willen und unterwerfen sich meiner gnadenlosen Glut. Der runde General jagt strahlend vor mir über den Himmel, begleitet vom glühenden Nachmittagswind.

Was für ein Feldzug!
Was für ein Triumph!

Schon bin ich mir meines Sieges gewiss, da bieten sich mir plötzlich, wie aus heiterem Himmel erscheinend, verlassene Hänge, gänzlich grau und ohne jeglichen Bewuchs.

Ich bin voller Zorn und bellender Wut, an dieser Stelle einer solchen üblen und hinterhältigen Feindeslist zu begegnen.

So presche ich mutig an diese Barriere heran, will sie überspringen, drücke kraftvoll gegen sie, ohne auch nur ein wenig Gewinn für die Schlacht.
In mir breitete sich das pure Entsetzen aus.

In meinem Rücken der würgende Feind, der feige die Schlacht, von seinem Bett aus führt, vor mir die trockenen Hänge, mit dem schändlichen Ziel, mich gnadenlos auszuhungern.

Wütend keife und fauche ich an den Seiten der Schlacht, während sich die Lichtstrahlen zwischen den Rauchsäulen plötzlich rot zu färben beginnen.

Der runde General, er ist in unbedachter Sorglosigkeit, zu weit vor geprescht und scheint nun verwundet zu sein.

Sein gleissendes Licht, es färbt sich rot.
Soll sich das Blatt der Schlacht nun doch noch wenden?

Ich werde deutlich schwächer, finde keine Nahrung mehr und ziehe mich zurück.

Der runde General ist offenbar schwer verwundet und wird in seinem Blut liegen.
Langsam scheint er vom Himmel zu fallen.

Beide werden wir immer schwächer.

Zitternd ziehe ich mich immer mehr zurück, um dem bunten Feind mein erobertes Land zu überlassen. Ich kann nicht anders handeln.

Dennoch bäume ich mich immer wieder auf, um mich verbissen zu wehren. Ich will es nicht wahr haben, kampflos das verkohlte Feld zu räumen, während der runde General, mit tiefem Rot besudelt, immer schwächer wird.

Doch schliesslich fällt er ausgelaugt zu Boden, um dort sein Licht dort sterben zu lassen.

So liege ich plötzlich alleine und verlassen in der Dunkelheit, kraftlos und matt, um mein eigenes Leben kämpfend.

Wie ein leichtes Glimmen, rötlich und mit grauer Asche bedeckt, ist mein Ich verkommen.

Ein kalter Luftzug fegt über den Boden, zaghaft kratzend, dem trostlosen Horizont entgegen.

Alles ist in fahles Mondlicht getaucht, trocken, und es scheint mir die ganze Welt, ohne jegliche Wärme und Leben zu sein. Zitternd ist die Glut, das Ich. Krampfhaft klammert es die schwindende Wärme.

Man sieht Schatten huschen, schwarze Gebilde, die nach Licht gieren und rastlos herum irren. Keinen Laut geben sie von sich, sind überall und offensichtlich ohne ein Ziel.

Das Licht meiner Nähe, es wehrt sie ab, lässt sie schwächeln.

Doch zucken die Schatten immer wieder vor, mutig und forsch.

Sie wollen mir nahe sein, sich an meiner Wärme laben, sie mir gierig entziehen und damit mein Ich vollkommen auslöschen. Meine schwache Glut, sie glimmt gegen die Zeit, dem Erlöschen entgegen.

Mein Ich wird zur Asche werden, weiss und federleicht. Es wird stets bereit sein, von einem Luftzug in die Ferne getragen zu werden. Die vielen Schatten, sie werde ich hinter mir lassen, strebe dem Licht eines neuen Morgen entgegen. Ich werde nur getragen, von einem sanften Lufthauch.

Was gibt es mehr zu wollen, als diese letzte Reise?

 Plötzlich plätschert der Bach lauter auf, als man es sonst vernimmt.
Ein Tropfen reinen Wassers, er fliegt durch die Luft.

Dann kann man nur noch ein kraftloses Zischen vernehmen.
Nur wenn man ganz genau hinhört, kann man diesen feinen Laut vernehmen.

 Danach ist wieder alles still und ganz friedlich in diesem kleinen Tal.

 

Heute bin ich schon lange kein kleines Mädchen mehr.
Ich bin eine alte Hexe mit dem wunderschönen Namen Krautfrei Glattstein.
Die Leute sagen immer, ich wäre eine bösartige Hexenfrau, und sie wissen nicht einmal, was sie da eigentlich behaupten. Kaum ein Mensch weiß heute noch, was eine Hexe wirklich ist und was sie wirklich den ganzen Tag über alles anstellt.

Viele Bilder aus vielen Kriegen habe ich in meinem Leben gesehen, viel zu viele Bilder, wenn es nach mir geht. Doch nach mir, danach geht es niemals, zumal es keinerlei Zufälle gibt. Das was einem so zufällt, während man sein Leben lebt, das hat man irgendwann einmal wohl selbst los getreten und aufgerührt, ob man sich daran erinnert, es überhaupt weiss und mitbekommen hat, oder eben auch nicht.

Der reine Gedanke daran, dass die Welt sich ewig und in jedem Augenblick ihrer Existenz mit der Menschheit im Krieg befindet und wir jeden Atemzug mit denen der Sterbenden eines Kampfes teilen, ist quälend und eine regelrechte Tortur.

Sogar bei jedem erneuten und wiederkehrendem Augenaufschlag von uns, da werden weitere Menschen gequält und ermordet, irgendwo auf dieser wunderschönen, leuchtend blauen Kugel im All. Woher nehmen sich die Menschen eigentlich das Recht?

Diese Gedanken haben mir schon so sehr viele schlaflose Nächte eingebracht.

Krieg ist ein deutliches Zeichen, ein ziemlich markantes Merkmal, dass die Menschen für das gewisse Mehr im Gefüge des Seins einfach noch nicht bereit und vor allem auch, nicht reif sind.

Nirgendwo und an keinem Ort seines Lebens lernt der Mensch schneller, intensiver und mehr, als in den schrecklichen und leidvollen Zeiten seiner durchlebten Krisen und seiner quälenden Kriege. Die erlebte Not, sie zwingt ihn, neue Pfade zu beschreiten und andere Wege einzuschlagen. Andere Wege zu betreten, als eben jene, die ihm bisher stets angenehm und beruhigend sicher erschienen.

So bizarr es auch für uns erscheinen mag, so kann man in den Kriegen der Menschen nicht nur das brennende Schwarzpulver sehen und riechen, sondern diese Kriege durchaus auch, als einen raffinierten und vorzüglich antreibenden Brennstoff für die menschliche Evolution begreifen. Damit spreche ich den üblen Kriegen keinesfalls ihre Grausamkeit und ihre ganz offensichtliche Sinnlosigkeit ab. Doch man sollte sich wirklich einmal überlegen, warum die Menschen immer wieder und wieder Kriege führen und offenbar niemals bereit sind, aus diesen schreckensreichen Ereignissen zu lernen.
Ihnen fehlt, ganz schlicht und einfach betrachtet, die intellektuelle und spirituelle Grundlage, andere, sinnvollere Wege und brauchbarere Möglichkeiten der Weiterentwicklung und der Lebensführung zu erkennen. Erst wenn die Menschen diese erkennen und begreifen können und nach dieser Erkenntnis ihr Handeln bestimmen, werden sich Kriege dauerhaft vermeiden lassen. Doch wenn sie nur stur den Pfaden der Endlichkeit und der Angst vor dieser folgen und sie zudem ihr Ich, als das höchste und für alle Ewigkeiten zu erhaltende Gut glorifizieren, dann werden sie ganz sicher niemals zur Ruhe kommen.

Es lodert wie ein Feuer in ihnen, stets das Optimalste und augenscheinlich Günstigste für ihre eigene Situation, selbst inmitten der Bedrohung durch die Endlichkeit, heraus zu holen und stets alle, diesem Drang entschlüpfende Bedürfnisse, zu befriedigen.
Ob materielle Begierden, spirituelle und religiöse Rechthaberei, oder nur die schnöde Sucht nach Macht, alles zeigt auf dieses ewig schwelende Feuer der Endlichkeit und der damit verbundenen Angst.

Sie sind fast wie Geschwister. Nicht ohne Grund wurden so ungemein viele Kriege wegen der Religionen und ihrer Götter geführt, Macht gefährdende Gegner umgebracht, als auch durch reine Missgunst und schnöde Gier, ganze Familien vernichtet.
Ist das Feuer der Angst bei den Menschenmassen erst einmal entfacht, wird dieser Feuersturm sich meistens nur durch eine allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit erfolgreich löschen lassen. Diese ist wohl zumeist nur das Ergebnis eines Krieges. Sie ist der notwendige Zunder, für den entfachenden Funken des Feuers, der Erkenntnis.

Für alle anderen Menschen, eben all jene, die für sich selbst erkannt haben, dass es Wichtigeres gibt, als die Bekämpfung und Erstickung der eigenen Angst vor der Vergänglichkeit, für sie stellt so ein Krieg ein reichlich sinnloses und durchaus vermeidbares Treiben unwissender Tore dar.

Doch immer geht alles seinen vorbestimmten Weg für die Menschen, wie auch für die Hexen, ist es so. Ein Mensch geht immer seinen Weg, auch wenn es ihm nicht unmittelbar immer gleich bewusst ist und er heute noch an Zufälle glaubt, die es eigentlich nicht gibt.

Hexen kennen Zufälle nicht.
Es kann mir nichts zufallen, einfach so und ohne Auslöser.
Der Mensch muss früher oder später einfach begreifen, dass er seinen Einsatz leisten kann, ohne dabei wirklich etwas vergeuden zu müssen, oder dabei auch nur in die Nähe der Gefahr zu geraten, etwas wirklich auch zu vergeuden.
Klingt simpel, ist es aber nicht. Diese an sich schon sehr tiefe Einsicht, sie führt nicht, wie man nun vielleicht meinen mag, dazu, dass man die Welt kurzerhand in ein Inferno und eine Anarchie stürzen kann, da es ja offenbar keine Vergeudung gibt.
Nein, vielmehr erkennt man, dass es völlig sinnlos ist, genau das zu tun, da es uns Menschen nicht wirklich weiter bringt. Das gilt für die Gewalt in den Strassen, die fliegenden Steine, die brennenden Autos und Mülltonnen, aber auch für das Ignorieren der Menschenrechte. Jede Gewichtung unseres Handelns, sie legen wir für uns selbst aus und erklären es dann zu unserer Wahrheit, obwohl sie es in den meisten Fällen nicht wirklich ist.
Menschen neigen im Allgemeinen dazu, an Ort und Stelle zu verharren. Es ist fast so, als wären sie einer geheimnisvollen Schrecklähmung zum Opfer gefallen. Daher erscheint es durchaus sinnvoll, nach kleinen Möglichkeiten und Schlupflöchern zu suchen, die uns Menschen zumindest ein wenig weiter voran bringen. Vielleicht kann man auf diese Weise auf eine Lawine hoffen, die durch unsr Bemühen los getreten werden kann.

Doch was ist es denn wirklich, was uns eventuell weiterbringen könnte?

Sicherlich sind es nicht die vielen endlichen Konstruktionen einer materiellen Welt, die uns umgeben und uns umhüllen und die daraus gewachsenen Sichtweisen, sondern es sind die Pfade der sinnlichen Erfahrung und der spirituellen Weiterentwicklung, die besonders bei uns Hexen, als Erfolg versprechend gelten.
Wenn wir uns mit der Endlichkeit beschäftigen, werden wir weiterhin bei der Endlichkeit bleiben. Wie sonst wird es uns irgendwann einmal möglich sein, Milliarden von Kilometern zu anderen Sonnensystemen zu überbrücken, um mit wirklich existierenden Wesen Kontakt aufzunehmen, die wir dann, mit unseren eigentlich wenigen, rein körperlichen Sinnen nicht wahrnehmen können? Wie kann es uns sonst gelingen, andere Dimensionen und parallele Welten zu begreifen und die Grenzen der Zeit zu verstehen?
Wenn nicht durch uns selbst und durch unseren Geist...

Eine Hexe sieht sich nicht in einer jenseitigen Welt und auch nicht in dieser Welt.
Sie sieht sich zwischen den Welten und sieht daher die Dinge und Geschehen dieser Welten mit einem gewissen Abstand. Dieser Abstand lässt sie und ihre Ansichten oft sonderbar und seltsam fremd erscheinen. Sie erscheint manchmal wie ein Wesen, aus einer anderen Welt, dann wieder wie ein Dämon zwischen den Welten. Viele Menschen haben bereits Schwierigkeiten im Dunkel der Nacht, den sicheren Weg zur Toilette zu finden. Wie sollen sie verstehen lernen können, dass das eigentliche Sehen, mit ihren Augen, nur sehr wenig zutun hat?

Das ganze Universum liegt den Menschen zu Füssen, wenn sie es doch nur endlich begreifen wollten. Würden sie doch nur einen ersten Anfang wagen, täten sie endlich den ersten Schritt, um wie vieles anders und reifer wäre sie, unsere Sicht auf die Welt um uns herum und die Welt in uns.

Leider sind wir eben viel zu sehr mit unserer Angst und unserer körperlichen Begrenztheit beschäftigt, einer wohl ganz eigenen und besonders heimtückischen Form von Selbstmitleid. Wir Menschen sind damit so aufwendig beschäftigt, dass wir nicht sehen können, vor welchen kaum fassbaren Wunderwerken des Seins wir uns befinden.

Ein einfaches Hexenwesen, so wie ich es bin, das kennt keinen Krieg in seinem Herzen, weil es nichts von den Dingen begehrt, welche die Menschen im Allgemeinen begehren.

So sehe ich nur das Wort Krieg und sehe dazu ein bockiges und störrisches Kind, welches laut herum schreit, um von seiner Mutter etwas Süsses zu bekommen.
Was für ein seltsamer Umstand ist es doch, das »Krieg« und »kriegen« so sehr ähnlich sind?
Eine Hexe mag durchaus denken und darüber ewig sinnieren, das Krieg einfach die Steigerung von »kriegen« sein muss, wohl wie ein deutlicher Befehl, endlich etwas zu bekommen, wonach es einem Volk gelüstet. »Los, Krieg!«, das wäre wohl die eindeutige Kurzform einer Kriegserklärung, dem offenbaren Beweis der Erlegenheit des Menschen einer gewissen Gier nach etwas. Man giert nach etwas, was man auf einfachem Weg nicht bekommen kann, was immer es auch sein mag. So steckt also auch die Gier des Menschen im Schatten eines jeden Krieges, wie man sogar an dem Wort selbst schon erkennen kann, besitzt man ein wenig Phantasie.

Wahrscheinlich ist der Ort des Krieges eben auch jener Ort, der von dem Ort der Vernunft am weitesten entfernt zu sein scheint. Etwas um jeden Preis bekommen zu wollen, selbst zu dem Preis, es komplett zu vernichten, so dass es schliesslich niemand mehr bekommen und nutzen kann, das ist ein Beleg für unreifen Trotz, den man sonst nur bei den ganz kleinen Kindern finden wird. Ist dann später alles vernichtet, sind die Schreie der Sterbenden verebbt und das Blut auf dem Schlachtfeld getrocknet, dann stellt sich den ausgemergelten und durch Pein gezeichneten Überlebenden wohl nur noch die traurige Frage: »Was haben wir nur getan?«

Der Hauch des Todes fegt über die trostlose Ebene.

Bleiern und kraftlos, im Schatten der verzweifelten Schreie, so folgt er dem Leben, wie ein Todeszug mit gesenktem Haupt. Vertrocknete Halme, vereinzelt haben sie den staubigen Boden durchlöchert, sie zittern erbärmlich. Kleine Feuer flackern weit verteilt, knisternd die Glut, um die blutende Erde endlich zu trocknen. Mattes Licht überall, die Sonne ist verborgen hinter dichten Schleiern der Verzweiflung.

Dort picken Krähen in der Ferne an verkohlten Fetzen.

Endlose Ödnis, entzündet das Auge und ist bittere Tragik für den gelähmten Geist.

Schroffer Boden kratzt unter nacktem Knie.

Das Gesicht verstaubt, zerfurcht ist es, durch schmutzige Täler vertrockneter Tränen.

Gedankenlos offenbart ein starrer Blick in die karge Ferne. Das Feuer im Herzen, es ist erloschen.

Gebrochen ist der Wille zu leben, stets wartend und ausharrend, auf den erlösenden Tod.

Einsamkeit und Verzweiflung schaben an der Seele, sind gnadenlos und gierig.

Doch ohne Gespür ist er, kniend vor sich selbst.
Taub und ohne jegliche Regung ist er, inmitten der spröden Trostlosigkeit, den leblosen Blick in die zerschundene Ferne gerichtet,nach dem frischen Grün der Vergangenheit suchend. Vergeblich.

 Kein Halm regt sich. Keine Blume duftet. Kein Vogel singt, nah, wie auch in der Ferne.

Kinderlachen hallt schon lange nicht mehr.

Duftende Auen sind dem beissenden Geruch der Vergänglichkeit gewichen.

Jeder Lidschlag wird zur brennenden Qual. Erinnerungen scheinen zu verblassen. Langsam, doch beständig und ohne Gnade schreitet der Prozess voran. Die Hitze brennender Körper, alle bunten Seelenfarben lst sie für Ewigkeiten ergrauen. Kein Tränenmeer vermag sie zu löschen, keine noch so wallende Hoffnung wird sie ersticken, die vielen Feuer. Sie sind die flackernden Zeugen überall.

Auf den finsteren Tag, folgt die schwarze Nacht.

Eine vergangene Welt dreht sich vom Schmerz, in die Verzweiflung hinein.

Zitternde Beinchen schaukeln zwischen verkohlten Stümpfen.

Ein sterbendes Rehlein, so zart, so empfindsam ist es, kümmerliche Reste der Zukunft auf seinem kleinen Rücken. Die Mutter war im Glühen verloren, so legt es sich hier ab, um kraftlos zu sterben.

Saure Lebenstropfen fallen überall. Sie lassen weisse Ascheflöckchen lustig tanzen, zu der Erinnerung, einer längst verstummten Musik.

Rauchschwaden verschlingen sich über den Feuern, zu bizarren Gebilden. Sie lassen einen Walzer der Vernichtung vermuten, ein Tanz in einem Ballhaus der Hölle.

So bläst ihm der Tod, seinen stinkenden Atem in das vertrocknete Gesicht.

Der Hauch des Todes, er fegt über die trostlose Ebene - jenseits der Vernunft.

Ich kann über so viel gedankenlose Torheit wohl nur lachen.
Oder sollte ich weinen?
Das ist ungezogen und verächtlich, über ein so trauriges Thema zu lachen.
Doch ich bin eine alte Frau, wie ich schon mehrfach erwähnt habe.
Wer hört schon auf eine alte Frau?
Daher frage ich euch: »Müssen sich Hochkulturen dadurch auszeichnen, dass sie in erster Linie hoch dumm und ganz hoch töricht zu sein scheinen?«
Als die alte Frau zwischen den Welten, so sehe ich wahrhaft viel mehr vom Krieg, als es die meisten anderen Menschen zu sehen bekommen. Ich erfahre jeden Krieg dieser Welt in meinem Herzen und in meinem Geist, während andere nur von ihm lesen.
Die erfahrbare Welt einer Hexe, sie ist um so vieles reichhaltiger als jene Welt, der spirituell schlummernden Menschen. Sie ist so vollgesogen mit Gefühl und Hingabe, als wäre sie ein nasser Schwamm im Regenschauer. Kein Mensch versteht es, den Krieg so zu erfahren, wie ihn eine Hexe erfährt.

Sie erlebt ihn genau so, wie ein Mensch ihn erfährt, der den Krieg in einer Dimension erlebt, die für die meisten Menschen nicht einmal existent und denkbar ist: Krieg kommt einer gewaltigen Schockwelle nahe, die durch die Zwischenwelt rast und eine verheerende emotionale Springflut verursacht, die alles mit sich reisst, was ihr nicht gewachsen ist. Unendliches Leid, Verzweiflung und bellender Schmerz ergiessen sich in grosser Geschwindigkeit und mit voller Kraft in das Umfeld menschlichen Seins und weckt das Interesse und Begehrlichkeiten vieler Wesenheiten jenseits unserer normalen, menschlichen Erreichbarkeit.  Alles scheint wirr und hoffnungslos verstopft. Überall dringt das Übersinnliche in den Bereich des Sinnlichen ein, wie kleine Rinnsale und rauschende Sturzbäche durch einen aufgeweichten Deich zu dringen pflegen. Wie ein überdimensionaler und kraftvoller Sender, so schreien wir unser Leid und unsere Verzweiflung durch das Sein, auch wenn menschliche Ohren diese Schreie schon längst nicht mehr hören können. Auch wenn alles still erscheint, so hallen diese Schreie in endlos erscheinenden Echos wider. Sie brechen sich an den Klüften und Kanten der Emotionsströme im Sein und scheinen niemals wieder verhallen zu wollen.

Übersinnlich aktive Menschen ohne viel Erfahrung, mit dieser Begabung ausgestattet, sie verfallen in eine regelrechte Schreckstarre und verlieren nicht selten, zumindest für die Zeit eines Krieges, ihre Fähigkeiten. Aber es kann auch sein, dass sie dieser, für uns allen zugänglichen Welt, für immer verloren gehen, da sie in ihrer Not gezwungen sind, auf die andere Seite zu fliehen und dort bleiben. Zurück bleiben dann ihre menschlichen Hüllen.

Aber ich denke mir nun, dass ich von diesen Dingen nicht so sehr viel erzählen werde, da es schon spät ist und ich noch ein wenig Holz für die Nacht, von draussen aus dem Wald, herein holen muss. Mir hilft ja nie jemand, obwohl meine Knochen immer sehr schmerzen.

Es wird früh kalt in diesem Jahr. Wenn es früh kalt wird, bekomme ich zwischendurch immer viel Besuch von Fremden. Aber nur wenig bieten mir ihre Hilfe an. Sie sind stets viel zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Wohlergehen beschäftigt. Die Menschen werden sehr schnell einsam, verstimmt und nachdenklich, wenn es Kälte und Finsternis um sie herum sind. Das ist ein Zeichen für ihre menschliche Augenneigung.

Menschen definieren fast alles in ihrem Leben durch das Sehen und durch bildhafte Eindrücke. Das ewige Licht der Gotteshäuser und Kirchen ist heute offenbar ein eher weniger begehrtes Kleinod, an dem es sich Anzukuscheln lohnt. Das knisternde Feuer einer alten Hexe im Winter ist da schon eher wohlige Wärme, sicherndes Licht und motivierende Hoffnung. So erscheint es mir persönlich jedenfalls. Dann erinnern sich die Menschen aus der Stadt auch rasch wieder an mich, und ich soll sie beraten, ihnen helfen und gut zureden. Warum sie nicht in ihre Glaubenshäuser gehen, das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass sie zu mir kommen und ihr Herz ausschütten wollen.

Die meisten Menschen wollen oft wirklich nur sprechen, wenn sie zu mir kommen. Jene die mich hassen oder sich vor mir fürchten, sie kommen weiterhin nur selten. Diese Menschen sind verbohrt, schreiben mir Briefe, schicken mir sogar eher noch einen Boten, oder sie senden sogar Pakete.

Früher hatte ich einmal einen Hund, den haben sie mir vergiftet. Er trug ein schwarzes Fell, das war sein grosses Verderben. Also musste er einfach ein Diener des Bösen sein, so war ihre kuriose Begründung. Eines Morgens lag er tot vor der Tür. Heute habe ich daher nur noch eine Katze, und die darf nicht aus dem Haus, was ich schrecklich finde. Katzen sind klug, wenn nicht sogar um vieles klüger, als es Menschen sind, da sie sich nur selten vergiften lassen. Katzen werden heute wohl eher überfahren, in Säcken mit Steinen im Wasser versenkt, von Türmen geworfen oder sogar eher noch erschossen, als dass man sie vergiftet.

Katzen haben im Gegensatz zu Hunden und vielen Menschen ein deutliches Gespür für Zwischenweltliches. Früher glaubte man sogar, dass einige Teile der Katzen sogar die Kraft hätten, Menschen unsichtbar werden lassen könnten. Doch ich selbst, ich liebe diese Tiere nicht wegen dieser ganzen abergläubischen Dinge. Ich mag sie, weil sie mit ihren wunderbaren Augen, direkt in die Seele des Menschen zu blicken scheinen und einen griffigen Charakter haben. Vielleicht sollte so manches Staatsoberhaupt dieser Welt eine Katze einfach mit zu den wichtigen Verhandlungsgesprächen nehmen, um mit Hilfe der Katzen besser abschätzen zu können, ob ihr Gegenüber es ehrlich und aufrichtig mit ihnen meint.

Ich jedenfalls, ich muss jetzt aufrichtig und mit tiefem Bedauern feststellen, dass das Holz vor der Hütte zurzeit leider noch viel zu feucht ist. Doch was soll man tun, wenn man nicht frieren mag? Ich werde es nahe an den Kamin legen, so dass es noch ein wenig trocknen kann.
Gleich wird es endlich wieder warm bei mir, in meiner guten, alten Stube.
Ich höre schon das Knistern des Feuers, das gierig an den neuen Scheiten knabbert und setze mich zuerst einmal in meinen alten Sessel.
Diese elende Holzschlepperei fällt mir jedes Jahr schwerer.
Früher haben sich die Hexen ihre Häuser und Hütten stets nur mit dem eingerichtet, was sie für ihre Dienste am Menschen, von den Tieren und Pflanzen um sich herum, bekommen haben. Sie lehnten es strikt ab, sich womöglich etwas mit Geld zu kaufen oder etwas ein zu tauschen, da es ihren Prinzipien widersprach.
Niemals hatten sich Hexen etwas selbst kaufen müssen.
Das war undenkbar.
Eine Hexe war lieber selbst verhungert und erfroren, als sich jemals etwas selbst zu kaufen. Heute ist das kaum mehr möglich.
Die Wälder und die Menschen geben nicht mehr genug, um noch überleben zu können. Doch tief in meinem Herzen schmerzt es mich immer sehr, etwas kaufen zu müssen, auch wenn es nur Mehl oder ein alter Sessel, wie dieser hier, ist.
Ich darf nur noch ganz kleines und dünnes Sammelholz sammeln.
Für alles andere muss ich mit Geld bezahlen.
Eine Schande ist es, dass eine Hexe für ihr selbst gesammeltes Feuerholz Geld zahlen soll. Eine Hexe weiss genau, was sie vom Wald nehmen darf und was nicht.
Manchmal tausche ich Eicheln und Kastanien gegen Feuerholz.
Aber der Förster mag mich nicht sonderlich.
Ich bin für ihn eine asoziale Landstreicherin, da ich nur in einer Hütte lebe, keinen Strom, kein Wasser aus der Leitung und keinen Fernseher besitze.
Der Vorgänger vom Förster, der war besser.
Den kannte ich schon, als er noch ein kleiner Junge war.
Doch der neue Förster ist so ein ganz kluger Akademiker von der Universität.
Für den bin ich nur störend.
Da wäre zu allem Übel auch noch die Stadt mit ihren Beamten.
Die Stadt will mich weg ekeln. Ich soll verschwinden aus ihrem Wald und in eine Sozialwohnung in einem Hochhaus mit Fahrstuhl ziehen.
Doch ich würde wohl eher sterben, als in so ein tristes Betonloch ein zu ziehen.
Das würden diese Leute wohl auch ohnehin lieber sehen.
In diesen Wohnlöchern ist bereits alles tot, schon bevor ich eingezogen bin.
Jede noch lebende Blume, sie muss sich dort fühlen, als wäre sie in Einzelhaft gesperrt.
Ich verstehe die Menschen aus der Stadt nicht, wie sie es dort nur aushalten können. Die trockene Kunstwärme der Heizung macht krank, das Wasser aus dem Hahn ist gechlort und kennt keinerlei Geschichten mehr, und alles Lebendige ist nach draussen, vor die Tür verbannt. Kein Wunder also, dass die Menschen aus der Stadt ganz offensichtlich vergessen haben was es heisst, in Freiheit und im Einklang mit der Natur zu leben.

Da bleibe ich lieber eine »asoziale« Hexe in ihrer alten Hütte im Wald und stöhne ein wenig, weil das Holz von Jahr zu Jahr schwerer zu werden scheint. Aber ich fürchte mich schon vor den Menschen. Gerade auch vor jenen, die mir das antun wollen. Sie wollen mich hier weg »kriegen«.
Das Wort »kriegen« bereitet mir dabei besonders Angst. Ich habe dieses widerwärtige Wort in einem der Briefe aus der Stadt einmal schon ganz deutlich gelesen. Das ist wohl ein erstes Zeichen dafür, dass sie etwas Dummes planen, wohl einen Krieg gegen mich beginnen werden, wenn ich mich nicht ihren Begierden und Wünschen unterwerfe.

Hexen führen eben keine Kriege. Ich betone das immer wieder.
Sie verlieren jeden Krieg, bevor er begonnen hat, um diesen damit zu gewinnen.
Dann entfliehen sie der beengenden Situation aus irgendeinem Schlupfloch.
So ist jedenfalls mein Plan. Ich denke, er ist nicht so wirklich schlecht. Aber noch ist es nicht so weit, wie gut, und ich sitze wieder hier vor dem alten Kamin und kann die Wärme des knisternden Feuers geniessen.

Vor einigen Jahren besuchte mich einmal ein alter Mann, der offenbar selbst auch noch nach vielen Antworten suchte. Er besuchte mich also im Prinzip sogar sprichwörtlich ganz im Sinne von »Suchen«. Er schien auch meinem doch recht eigenwilligen Hexenleben relativ offen und tolerant gegenüber ausgerichtet gewesen zu sein, was mich schon sehr erstaunte.

Er sass damals genau hier in dem alten Sessel, in dem ich jetzt sitze. Er begann, mir von seinem Einsatz im Krieg zu erzählen, der ihn sogar nach so langer Zeit noch immer innerlich sehr zu bewegen schien.
Ich hörte ihm ganz gespannt zu, obwohl ich mir schon so manche Geschichte vom Krieg angehört hatte und auch selbst schon einiges an gefühlter Erfahrung zum Krieg gesammelt hatte. Von diesen Erfahrungen ahnte der Mann natürlich nichts.
So dachte ich zuerst an eine ganz gewöhnliche Kriegsgeschichte mit all ihren grossen und kleinen Schrecklichkeiten und emotionalen Schlaglöchern.
Aber dennoch hörte höflicherweise bedächtig zu, wie er damals, als einfacher Soldat, hinter das feindliche Feuer und offenbar sogar noch zwischen zwei regelrechte Höllen geriet.
So erzählte er mir diese Geschichte so, als hätte er sie eben erst ganz frisch erlebt:

Lärm und Staub, das Atmen fällt mir schwer.

Unter mir eine Menschenhand, bedeckt mit allerlei kantigem Trümmerwerk.

In der Ferne ist lautes Donnergrollen zu hören und das Peitschen von Schüssen in der Nähe.

Schatten huschen überall zwischen den Resten der zerstörten Häuser umher.

In den kleinen Hautrissen auf meiner Stirn, dort brennt der salzige Schweiss.

Meine Hände schmerzen und sind aufgerissen. Kaum bekomme ich Luft, überall nur Rauch und Gestank, brennendes Plastik und schmorendes Fleisch.

Ein toter Hund liegt vor mir. Sein Fell ist voller Staub und angetrocknetem Blut. Armer Kerl.

Unsicher bewege ich mich über die vielen losen Trümmer, stolpere dabei immer wieder und kann mich kaum aufrecht halten. Mühsam krieche ich mehr, als das ich aufrecht gehe.
Ich bin zu schwach, und der Schmerz in meinem ganzen Körper, er lähmt jeden klaren Gedanken. Bevor die Nacht anbricht, muss ich eine Nische finden, einen Hohlraum oder einen anderen Schatten, der mir ein wenig Schutz gewährt. Finde ich diesen Ort nicht, werde ich wohl noch vor Sonnenaufgang tot sein.

Es ist schon spät. Der Abend ist da.

Die Sonne taucht das rauchende Grau der leidenden Welt in feines Rot.

Viel Zeit bleibt mir nicht.

Ich höre mich selbst stöhnen.
Meine Nase ist ausgefüllt mit brennendem Schmerz.

Schritt für Schritt kämpfe ich mich über das Trümmerfeld.

Alles scheint zerstört, nichts Unzerstörtes ist zu sehen. In mir brodelt unterschwellig, aber pausenlos, die Angst, entdeckt zu werden. Das wäre mein Ende.

Der rote Sonnenball schiebt sich hinter das kahle Geäst der laubfreien Bäume.

Das laute Krachen der Schüsse, es nähert sich.

Fast schon ist das surrende Geräusch der Projektile zu hören, die sich dann brutal am zertrümmerten Mauerwerk zerfetzen.
Ich stolpere, stürze, reisse mir meinen linken Arm an einem alten Nagel auf.
Mein Gesicht ist schmerzverzerrt.
Doch kein verräterischer Laut entweicht meinen trockenen Lippen.

Dort sehe ich ein hastiges Huschen im Augenwinkel.

Die Schatten bewegen sich rasch zwischen den Löchern der noch stehenden Mauerreste.

Kein gutes Zeichen ist das.

Leise aufstöhnend erhebe ich mich.
Ich krieche weiter voran, um ihren Blicken zu entfliehen.

Plötzlich ein lauter Knall.
Der Boden bebt bedrohlich und quälende Hitze raubt mir den Atem.
Überall fliegen kleine Steine umher, Dreck und Unrat.

Eine Granate war das, gleich in meiner Nähe.
Sie hat mir fast vollkommen das Gehör geraubt.
Alles klingt plötzlich ganz dumpf und entfernt.
Ich liege auf dem Boden.
Meine Kleidung ist zerrissen und ganz voller Staub und Schmutz.
Auf meinen Beinen liegen kleine Trümmer.
Meine Haare sind staubig.
Ich schließe kraftlos die Augen, stelle mich einfach tot.
Eine andere Wahl habe ich kaum in dieser Situation.

Nach einer Weile ist die Sonne verschwunden, und der klägliche Rest des Abendrots kündigt die nahende Nacht an.
Mein Gehör erholt sich langsam etwas, und ich drehe vorsichtig meinen Kopf.

Zwischen den Steinen an meiner Seite, dort sehe ich ein kleines Loch, wohl ein verschütteter Treppenabgang.

Sofort erkenne ich meine Chance, auch wenn es nur ein kleine sein mag.

Langsam und fast lautlos bewege ich ein paar Steine fort, gerade so viel, dass mein Körper hindurch passt und krieche dann, mit schmerzverzerrtem Gesicht, den fast vollkommen verschütteten Treppenabgang hinunter.

Mit meinen Beinen versuche ich immer wieder ein paar Steine vor das Loch zu schieben, um es vor den Blicken der entfernten Schützen verborgen zu halten.
Danach rühre ich mich eine Weile lang überhaupt nicht. Angespannt höre immer wieder nach den huschenden Schatten und den Schüssen, während es in meinem Bein unangenehm pocht.

Mit ein wenig Glück, werde ich diese Nacht vielleicht doch überleben.
Da bin ich mir nun seltsam sicher.
Vielleicht zu sicher, und meine Augen fallen vor Erschöpfung einfach zu.

Als ich erwache, ist die Sonne verschwunden.
Es ist Nacht.

Ich überlege, wie lange ich wohl geschlafen habe.
Waren es Minuten, oder sind es sogar Stunden gewesen.

Alles ist absolut finster.

Mit ein wenig Mühe kann ich einen Stern am Himmel durch die Ritzen der Trümmer sehen. Ich liege auf einer Treppe, unter mir erahne ich weitere Stufen.
Sie werden in den Keller führen. Doch alles ist schwarz und völlig dunkel.

Ein kühler Luftzug schwappt aus diesem schrecklichen Kellerloch, um dabei kalten Kellergeruch vor sich her, zu mir nach oben, zu treiben.
Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken.
Dieser Ort ist unangenehm, auch wenn er besser ist als jener, der nun über mir wartet.

Kaum rege ich mich ein wenig. Ich warte ab und vernehme, wie die gefährlichen Schüsse wieder näher kommen und wahllos über die Trümmerwüste peitschen.

Ich fühle mich inzwischen nicht mehr so sehr sicher, wie noch Minuten zuvor und denke daran, nun doch tiefer in den Keller zu kriechen. Aber etwas ganz tief in mir, es hält mich zurück. Immer wieder blicke ich in die Finsternis hinab. Ich kann mich einfach nicht entschliessen.

Dann höre ich ein Geräusch.

Es ist ganz leise und unscheinbar. Zunächst denke ich daran, mich verhört zu haben.

Doch da ist es wieder: ein leises Wimmern.
Es scheint aus dem Keller zu kommen.

Ich bin entsetzt und blicke mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit hinein.
Vielleicht ist etwas zu erkennen.
So könnte ich mit dem alten Sturmfeuerzeug in meiner Tasche etwas leuchten. Aber das wäre mein sicherer Tod, da die feindlichen Schützen das Licht sofort entdecken würden.

Dort ist es wieder...

Es ist wie das Wimmern eines kleinen Kindes, vielleicht auch eines Säuglings oder auch nur einer kleinen Katze.

Es muss eine Katze sein.
Das rede ich mir jedenfalls ein.

Wieder das nahe Krachen eines Schusses von oben.

Dann wieder ein leises Weinen aus dem Kellerloch, das mich erschreckt.

Das ist keine Katze.
Ein Kind muss es sein.
Da bin ich mir nun sehr sicher.

Ich bin innerlich sofort hin und her gerissen. Mit meiner Furcht kämpfe ich.
Doch ich muss zu dem Kind, wenn es denn wirklich ein Kind ist.
Mein Gefühl warnt mich. Ich habe Angst.
Vielleicht braucht es meine Hilfe und, ist ganz alleine in der Finsternis.
Ganz sicher braucht es sie.Es ist Krieg.

So bewege ich meinen staubigen Körper ganz langsam und möglichst ohne einen Laut zu verursachen, weiter nach unten.
Mein Arm schmerzt höllisch. Das Dröhnen in meinem Kopf, es scheint meinen Schädel fast zum Zerbersten zu bringen.
Mühsam bewege ich mich in die Finsternis hinein.
Ich befürchte, dass mich meine Kräfte verlassen, ehe ich unten angekommen bin.
Was mich erwartet, das ist ungewiss.

Wieder höre ich ein leises Wimmern.
Jetzt ist es schon ein wenig lauter.

Mir ist es unheimlich, und ich spüre Gänsehaut.
Vielleicht liegt das nur an der kalten Kellerluft.

Das Krachen der Schüsse auf dem Schlachtfeld über mir, es nimmt bedrohlich zu.
In dieser Nacht wird es vielleicht eine Offensive geben. Dabei ist wohl schon alles zerstört, was zerstört werden kann. Dieser Krieg ist mir zuwider. Krieg ist menschlich. So will ich ab sofort kein Mensch mehr sein.

Ein weiteres lautes Krachen zwingt mich, meine Angst zu überwinden.
Ich folge den staubigen Treppen immer weiter nach unten.

Als ich schliesslich keuchend unten ankomme, man kann kaum die eigene Hand vor seinen Augen sehen, muss ich zuerst einmal meine Kräfte sammeln.
Die Risswunde am Arm, sie brennt höllisch, und der angetrocknete Schweiss lässt die schmutzige Kleidung widerlich unangenehm an meiner Haut kleben.

Es ist nichts zu hören in diesem finsteren Loch, bis eben auf dieses seltsame, leise Wimmern eines Kindes, das aus einer hinteren Ecke des Kellers zu kommen scheint, an dessen Eingang ich nun zusammen gekauert ausharre.

»He, ist das wer?«, rufe ich in den Raum. Seine Wände kann man in der Finsternis nicht erkennen. Es ist feucht, und der Geruch von vermodertem Holz dringt mir in die Nase.

Keine Antwort...

Immer nur dieses Wimmern ist zu hören.

»He, ich kann deutlich hören, dass dort jemand ist«, rufe ich erneut und etwas energischer in den Raum, so dass meine Stimme ein wenig nachhallt.

Nichts...

Dann kracht es plötzlich sehr laut, und der Boden unter mir bebt bedrohlich.

Das ist Artillerie!

Immer wieder kracht es furchtbar oben.
Viele Schüsse peitschen durch die Nacht.
Vereinzelt sind die entfernten Schreie der Soldaten zu hören.
Immer wieder rieselt Schutt die Treppe hinunter.
Glücklicherweise bin ich jetzt in diesem Keller, auch wenn er unheimlich und kalt ist.
Oben wäre ich in wenigen Minuten ein toter Mann.
Doch ich muss weiter in den Keller hinein.
Dort ist es wohl sicherer. Auch will ich wissen, was dieses leise Wimmern verursacht.
So entschliesse ich mich es zu wagen, mein Feuerzeug heraus zu holen, um wenigstens ein wenig Licht zu erzeugen.

Während ich es aus meiner Tasche wühle, höre ich ein leises Rascheln.
Dann vernehme ich erneut dieses Wimmern. Sehr unheimlich ist das.

Dann wieder das Krachen der Artillerie und das Rieseln von Schutt.

Mit zitternder Hand drehe ich an dem Zündrädchen.
Funken sind zu sehen. Dann ist die Flamme entzündet.
Ich hebe meinen Blick und sehe in den weiten Keller hinein.

Meine Kehle ist augenblicklich wie zugeschnürt.
Ich will schreien, sofort fliehen, doch das Entsetzen lähmt mich völlig.

In dutzende Kinderaugen starre ich, die in schmutzigen und verstaubten Köpfen stecken. Alle diese Kinderköpfe sind eng bei einander. Sie scheinen tatsächlich alle mitten in dem vermoderten Raum in der Luft zu schweben. Man kann nicht auch nur einen Körper von ihnen entdecken.

Sie alle blicken mich stumm und mit traurigen Augen an.
Einige scheinen zu weinen.
Alles erscheint mir unwirklich.
Die vielen Köpfe, sie wirken ein wenig verschwommen und schemenhaft.
Sie sind eher nur eine Ahnung in der Dunkelheit, als die Köpfe wirklich lebender Kreaturen. Sie starren mich alle nur wortlos an.

Ihr Anblick lässt mich vor Angst innerlich beben.
Ihre unendliche Traurigkeit ist deutlich zu spüren.
Sie raubt mir fast den Atem und lässt mich immer wieder würgen.
Diese Gesichter, sie sind nicht von dieser Welt.
Sie sind der Tod...

Ich bin in die Hände des Todes geraten!
Das Feuerzeug erlischt.
Panik ist in mir entfacht.

Nur noch hinaus aus diesem Kellerloch zieht es mich.
Alles ist finster. Ich kann sie nicht sehen.

Mein Gott!
Sie sind noch da.
Ganz sicher sind sie noch da.

Mit aller Kraft versuche ich die Treppen nach oben zu kriechen.
Überall fühle ich nur Schmerz und Panik.

Immer wieder schlagen Artilleriegeschosse krachend in der Nähe ein.
Die Schreie der Soldaten scheinen immer näher zu kommen.
Würde ich jetzt von hier unten fliehen, so wäre das mein sicherer Tod.

Doch hier unten, bei diesen Kreaturen, diesem entsetzlichen Spuk, alles ohne Licht und Schutz; ich würde alsbald wahnsinnig werden.

So harre ich auf halber Höhe aus.
Was bleibt mir übrig?
Das Herz schlägt mir hinauf, bis in den Hals.
Ich weiss nun die Hölle über mir und unter.
Das Krachen des Krieges über ist furchtbar.
Doch in jedem neuen Augenblick der Kriegsruhe, da höre ich das leise Wimmern aus dem Keller. Das Entsetzen ist mir in das Gesicht geschrieben.

Meine Hände zittern kraftlos.
So sitze ich diesen Albtraum aus.
Was bleibt mir für eine Wahl, um am Leben zu bleiben?
Ich traue mich nicht mehr, das Licht meines Feuerzeugs zu entfachen, bete darum, dass diese unheimlichen Phantome nicht hinauf kommen werden, um mich zu holen.


Als der Morgen anbricht, lässt der Kriegslärm nach.

Mir brennen die Augen, kann mich kaum wach halten.
Das Wimmern hat inzwischen aufgehört. Aber ich kenne nur noch diesen einen Gedanken: so schnell es geht, verschwinden zu wollen.

Als die ersten Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch den Schutt über mir bahnen und es oben wieder relativ ruhig ist, krieche ich schliesslich mutig hinaus.

Jeder meiner Knochen schmerzt und ist ganz steif von dem stundenlangen Kauern auf den alten Treppen. Dennoch schaffe ich es auf das Trümmerfeld hinaus.

Überall sieht man kleine Rauchsäulen aufsteigen.
Einige leblose Körper liegen herum.

Da kein lebendiger Mensch zu sehen ist, setze ich meinen Weg von gestern fort, um
diesem Ort endlich entfliehen zu können.
Es bleibt weiterhin ruhig, und ich gelange nach einigen Stunden übler Schinderei, hinter unsere eigenen Linien und in die Obhut einiger Sanitäter.

Wenige Wochen später bin ich wieder in meiner kriegsfernen Heimatstadt und denke fast jeden Abend über das Erlebte nach.
Es fällt mir schwer, die vielen Ängste, die Schreie der Menschen und dieses seltsame Wimmern zu vergessen.
Bereits im Lazarett war mir klar, dass dieses unheimliche Phänomen mir das Leben gerettet hatte. Ohne dieses Wimmern im Keller und meine Neugier, dessen Herkunft zu ergründen, wäre ich wahrscheinlich in dem schweren Artilleriefeuer der Nacht ums Leben gekommen. So habe ich jedoch wohl tatsächlich wegen diesem Phantom überlebt.

Erst Jahre später erfahre ich, dass sich vor Beginn des Krieges über dem Keller ein kleines Waisenhaus befunden hatte. Die Kinder dort, sie hatten sich bei dem ersten Angriff des Feindes in den Keller geflüchtet. Das Haus wurde über ihnen zerbombt, und die Kinder überlebten den Angriff. Da sich aber keiner der Menschen in der Umgebung um die Waisen gekümmert hatte, wohl jeder selbst grosse Sorge hatte, zu überleben, suchte man erst einige Wochen später nach den Kindern.
Man fand sie schliesslich alle zusammen verdurstet in jenem Keller, in dem ich bei dem nächtlichen Angriff Schutz gesucht hatte.

Niemals werde ich wohl diese vielen angsterfüllten und flehenden Augen der Kinder vergessen können. Da bin ich mir sicher...

 

Die Hände des Mannes zitterten, als er seine Geschichte beendet hatte.
Sein Name war Wilhelm, und er war wirklich nicht mehr der Jüngste.
Doch dieses Erlebnis hatte ihn für den Rest seines Leben in den Bann gezogen.

Wilhelm wollte mehr darüber wissen.
Er wollte wissen, was es war, was er dort in diesem Keller erlebt hatte.
Sicherlich waren es die friedlosen Seelen dieser armen Kinder.
Waren sie das, oder war es doch nur eine Einbildung in den Wirren des Krieges, eine Ahnung? Oder waren es nur die Auswirkungen eines Ortes, der sich mit unendlich viel Leid und Qualen aufgeladen hatte?

Wilhelm stand selbst am Ende seines Leben. Die Frage nach einem Leben nach dem Tod, sie war für ihn plötzlich wieder sehr aktuell und brennend geworden.
Doch was sollte ich ihm nur antworten?
Es gibt so viele Dinge, Geschehnisse und Wesen auf dieser Welt, das man sich niemals ganz sicher sein kann, unter welchem Einfluss man wirklich steht. Die Welt jenseits dessen, was unsere Sinne als offensichtliche Welt erfassen, sie steckt voller Rätsel, aber dennoch ist sie nur die Welt dazwischen, zwischen dem Hier und dem Mut masslichen Jenseits, in dem wir unsere Seelen und unser Ich nach unserem Ableben oft zu gerne wissen würden.

Würden die Menschen doch nur ganz wenig von der Welt dazwischen kennen, so würden sie auch begreifen, das es unmöglich erscheint, jemals zum und in das Jenseits vor zu dringen. Das Dazwischen, es erscheint den Menschen als eine grenzenlose Endlosigkeit und steht für das Unbegreifliche.

Wenn man das als endlich gedachte Ich, mit der Unendlichkeit des wahren Seins konfrontiert, dann lösen sich die hart wahrgenommenen Grenzen zum Jenseits auf und werden plötzlich schier bedeutungslos. Es ist nicht mehr von Wichtigkeit zu wissen, was kommen wird, wenn sich die Bedeutung des Ich nicht nur relativiert, sondern es sich in seiner Gänze völlig auflöst.

Es ist wohl das Denken des Menschen an sich, seine unbedarfte und naive Art, mit der Relation der Endlichkeit zur Unendlichkeit zu leben, eine Art, die ihn regelrecht einkerkert. Dieses seltsame und wahrhaft eindrucksvolle Phänomen im Keller, es erscheint dem Betrachter nicht mehr und nicht weniger, als ein zunächst nicht erklärendes Phänomen. Es offenbart sich dem Beobachter, als ein Furcht einflössender und unheimlicher Vorfall mit nebulösen Inhalten, die nicht von dieser Welt zu kommen scheinen.

Das ist allerdings nur ein nur rein subjektiver Eindruck. Nicht von der Welt des Beobachters zu sein, das muss nicht bedeuten, dass es daher von einer anderen Welt kommen muss. Es mag vielleicht nur von einem anderen Teil der gleichen Welt stammen, einem Teil jenseits dessen, was der Beobachter kennt und versteht. Vielleicht ist er nur einem fremden Wesen oder einer natürlichen List aufgesessen, was ihm ein Schauspiel vorgegaukelt hatte. Man kann sich da niemals ganz sicher sein. Aber es könnten tatsächlich auch die Seelen dieser armen Kinder gewesen sein. Alles kann es gewesen sein.

Ohne unsere Gedanken, da gäbe es diese Welt einfach nicht für uns, und wir würden keine weiterführende und fragende Gedanken an sie verschwenden. So waren auch diese Kinder wohl nur ein weiterer Gedanke, ein prägender Eindruck, vielleicht auch nur eine verwirrende Halluzination im Getöse des Krieges.

Ich bin schon viel zu lange als Hexe in dem Körper eines Menschen eingesperrt, als dass ich nicht sehr genau weiss, was es war, was dort in der Höhle ausharrte und leise wimmerte. Es gibt so vieles für Menschen Unbekanntes im Gefüge der Zeit, was sich der Mensch nicht erklären kann. Denkt eine Hexe an Grenzenlosigkeit, dann meint sie auch Grenzenlosigkeit, natürlich unter Berücksichtigung des menschlichen Regelwerks.

Hexen setzen bei der Grenzenlosigkeit an, um solche Phänomene erklären zu können.
Gibt es keine Grenzen und erscheint alles unendlich, dann verlieren auch Zeit und Raum ihre Bedeutung für solche Erklärungen. Ohne die Bedeutung der Zeit, die sie zweifellos vom Menschen erhält, gibt es Vergangenheit und Zukunft nicht wirklich, und alles spielt sich auf einmal, eben jetzt, ab. Nur das erheblich begrenzte Bewusstsein des Menschen, es schafft den Eindruck und die Kulisse, dass es eine Vergangenheit und eine Zukunft gibt.

Das Bewusstsein des Menschen ist wie ein Fenster, ein Ausschnitt aus der Gesamtheit. Lernt der Mensch die Dimensionen dieses Fensters auszuweiten oder sich zeitweise ein wenig aus dem Fenster zu lehnen, dann werden ihm parallele Ereignisse bewusst.

Aber auch andere Einflüsse können dieses Bewusstseinsfenster so verändern, dass Geschehnisse sich überschneiden.
So wird es wahrscheinlicher sein, dass es eben nicht die Seelen der Kinder waren, die dort in dem Keller nicht ihre Ruhe fanden. Wohl eher war es der Stress, der Krieg und die Not der Kinder in der scheinbaren Vergangenheit, die mit vereinten Kräften das Bewusstsein von Wilhelm so sehr ins Wanken gebracht haben, dass er sich in beiden scheinbaren Zeiten und Geschehnissen gleichzeitig befand und es für ihn bewusst wurde.

Auch wenn das unglaublich klingen mag, so verschmolzen hier zwei scheinbare Wirklichkeiten im Kopf von Wilhelm, zu einer einzigen. Das ist ein Vorgang, den man immer wieder in vielen Berichten anderer Menschen lesen kann. Immer wieder sind Spuk und Geisterwesen dabei nicht viel anderes, als die Wahrnehmung eines anderen und ansonsten uns verborgenen Teils der eigenen Realität.

Immer wieder zerbricht man sich seine Gedanken, wer und was wohl dort spuken mag und bemerkt nicht, dass man es selbst ist, das eigene, parallele Leben, welches sich genau zu dem Augenblick abspielt, in dem ich es von einem scheinbaren Ausserhalb beobachten kann.
Manchmal kommt es sogar vor, dass man selbst dieses Erlebnis an einem späteren Zeitpunkt im Leben voll bewusst erleben kann und wird. Man wird sich dann die Frage nach einer Zukunftsvision stellen, die man erlebt hat. Die sich ereignende Zukunftsvision, sie ist kein wirres Unding, da so eine Zukunftsvision bedeutet, dass die Zukunft für uns alle bereits fest steht (und dabei nicht unbedingt in der Zukunft selbst) und es kein echtes Schicksal gibt.

Inhaltsverzeichnis

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