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Mir geht es tatsächlich ganz gut. Ich bin deutlich entspannt. Seit einigen Tagen lebe ich nun hier an dieser Stelle im Wald. Keinem Menschen bin ich seitdem persönlich begegnet. Das ist gut so. Einmal nur, da hörte ich die lachenden Kinder einer kleinen Familie, die offenbar auf einer Wanderung in diesem Teil des Waldes unterwegs war. Ansonsten erlebte ich die letzten Tage sehr friedlich. Hunger habe ich keinen. Sogar ganz gut gereinigt und relativ sauber bin ich, da ich frisches Wasser in meiner Nähe weiß. Man kann es sogar trinken. Ich habe es bis jetzt gut vertragen. Es erfrischt mich weitaus mehr, als das Wasser aus dem heimischen Wasserhahn. Die Menschen sind einfach nicht so wirklich gut zu ihrem Wasser.

Also habe ich nun endlich Abstand zu meinem alten Leben gewonnen. Ich bin in den letzten Tagen mehrfach dieser seltsamen Kreatur begegnet. Eigentlich meine ich inzwischen schon, daß sie stets präsent ist. Nur erscheint sie mir nicht immer so, daß ich sie auch direkt sehen kann. Manchmal spüre ich einfach nur ihre Anwesenheit, oder ihr Duft liegt in der Luft. Auch das Verhalten der Tiere im Wald läßt den Schluß zu, daß sie eigentlich ständig anwesend ist. Es sind vor allem die Schmetterlinge, die es mir anzeigen. Manchmal sieht man Kaninchen auf der Lichtung, die sich auffallend und seltsam verhalten. Zumeist erscheint Erja jedoch in der Nacht. Es ist dann immer wieder schwierig für mich, Traum und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Sie ist definitiv real. Doch ihre Erscheinung ist gleichermaßen ungewohnt, jedoch auch regelrecht überwältigend. Die Begegnung mit dieser sonderbaren Kreatur verändert allmählich mein Leben. Sie öffnet mir die Welt und erhellt die schattigen Flächen. Es ist inzwischen eine deutliche Erweiterung meiner alten Welt festzustellen. Ganz neue Sichtweisen erschließen sich mir. Diese Erweiterung ist mir sehr angenehm. Sie ist noch völlig frei und eher unberührt von Menschen. Dort ist nichts fraglich geregelt oder von Menschen korrumpiert. In dieser einstigen Schattenwelt hat alles seinen natürlichen Platz. Obwohl sie neu und ungewohnt für mich ist, so erscheint mir dort alles freundlich und angenehm ungezwungen.

Diese neuen Aspekte schenken mir ein Gefühl der Geborgenheit. Auf keinen Fall möchte ich diesen Teil der Welt jemals wieder missen. Auch darf er von Menschen nicht verändert werden. Ich stehe also nun zwischen zwei Welten. Die alte Welt und die neue Welt, beide zusammen verstehe ich allerdings, als eine einzige Welt. Nur ein Ausschnitt ist sie, die alte Welt und nicht mehr. Sie ist nur eine lichte Facette in einem schattenhaften, allerdings auch grenzfreiem Universum. Zu gerne würde ich mein Heim in der alten Welt abbauen, um es in der neuen Welt zu errichten. Die Luft zum Atmen, sie gibt es schließlich überall. Ich fühle mich der alten Welt einfach nicht mehr zugehörig. In ihr bin ich nicht erwünscht. Eine winzige Irritation im menschlichen Weltkonstrukt, das bin ich nur, mehr nicht. Wie ein unwillkommener und störender Gast, so fühle ich mich im Licht der alten Welt. Diese alte Welt stöhnt und leidet unter der Gewaltherrschaft der Menschen. Sie kämpft mit dem Wahnsinn einer laut brüllenden Meute aus Traumfängern und groben Drängern. Diese enge Parzelle des Seins quält mich. Sie bringt mich um. Ist man tatsächlich noch zu etwas Mitleid fähig, dann kann man in der alten Welt wohl nur noch überleben, wenn man selbst zu einem gewissenlosen Dränger wird. Die Menschen behandeln Empathie, als wäre sie eine auszumerzende Schwäche. Dabei ist sie jener wichtige Teil in uns, der uns mit der Natur verbindet.

Glück ist in meinem Leben zu einer Illusion, einer Mär verkommen. Die Erinnerung an wahres Glück, sie ist längst verblasst. Glück ist nur noch ein Luxus, den man sich auch leisten können muß. Da kann man sich selbst einreden, was man möchte. Mich wundert es daher nicht wirklich, daß ich nun einfach nicht mehr von dieser neuen und besseren Welt lassen kann. Man akzeptiert mich in ihr so, wie ich bin. Es wird nichts gefordert. Diese unbekannte Lebensbühne läßt mir Raum für Gefühle und Gedanken. Treffe ich auf Erja, dann ahne ich zumindest, was echte Freiheit tatsächlich bedeuten könnte. Ihre Präsenz schränkt mich nicht ein, wenn ich mich auf sie einlasse. Nahe der Freiheit zu leben, das läßt mich für die Welt der Menschen nutzlos erscheinen. Nun endlich kann ich mich ausklinken. Dann lebe ich nur noch in der neuen Welt. Befreit von allem Gewesenen und Bekannten, bin ich dann nur noch.

Wie sähe ein Leben in der neuen Welt aus? Zu gerne würde ich dem Dauerzustand der menschlichen Hysterie, um das leidige Thema Endlichkeit, einfach den Rücken kehren. Führt der Weg in die neue Welt womöglich über dieses allseits erwähnte Ende? Doch dann wäre es nicht das wahre Ende. Werfe ich die Teile der eigenen Endlichkeit ab, dann schränke ich mich vielleicht erneut ein und verliere den Zugriff auf die alte Welt. Die neue Welt jedoch, ich darf sie nicht nur als Séparée begreifen und erleben. Das wäre nicht nur rücksichtslos, sondern auch nicht sonderlich klug. Man weiß das Licht doch auch nur deshalb zu schätzen, weil man zuvor die Finsternis kennengelernt hat. Zudem muß es noch einen anderen und besseren Weg geben. Erja und ihre Ljósálfar haben es doch auch geschafft, beide Welten nutzenstiftend und harmonisch zu beleben.

Gestern erschien Erja nicht alleine. Eine weitere Kugel leuchtete und tanzte über den Gräsern der Lichtung. Doch mir persönlich vollständig erschienen, das ist mir bis jetzt, nur Erja. Sie ist eine wundervolle Erscheinung. Offenbar hält sich die Begeisterung der Ljósálfar wirklich in Grenzen, wenn es um uns Menschen geht. Es mag wohl auch sein, daß wir nicht sonderlich interessant für sie sind. Das jedoch gilt nicht für Erja. Sie fragt mich regelrecht aus, gibt jedoch leider nur wenig Informationen zurück. Doch ihre Informationen, sie erscheinen mir weitaus wertvoller als all jene, die ich ihr geben kann. Es ist schon seltsam. Erja scheint mir wirklich helfen zu wollen. Sie hat meine Verwirrung und meine Hilflosigkeit erkannt. Sie ist mir inzwischen ein wenig vertraut geworden. Zu gerne würde ich mehr über sie erfahren, über die Ljósálfar und den Teil der Welt, der mir selbst noch so sehr fremd ist. Erja hat mir dieses Recht ganz klar zuerkannt. Alles was ich zu erfahren in der Lage bin, soll mir nicht verborgen bleiben. Eine Lebenszeit alleine, sie wird dafür nicht ausreichen.

Da ist sie wieder, diese Endlichkeit, unter deren Bann wir Menschen stehen. Für alles Erfahrbare dieser Welt reicht die Zeit nicht aus. Die Zeit ist knapp und uns daher ungemein teuer. Man könnte darüber nachdenken, daß es vielleicht einfach nicht zum Konzept des menschlichen Lebens gehört, alles Erfahrbare auch wirklich zu erfahren. Ein kluges und kreatives Vorgehen ist vom Menschen gefordert. Unsere Methoden und Strategien zur Welterfahrung, sie sollten schleunigst auf den Prüfstand. Die Natur verschwendet nichts, so heißt es doch. Die Menschen sind wohl entweder zu faul, zu langsam oder zu furchtsam, um entscheidend mehr Welt zu erfahren. Eine interessante Sichtweise ist das, die sich mir immer wieder aufdrängt, seit ich Erja kenne. Doch mich verletzt es schon immer wieder, wenn sie mich mit den Menschen auf eine Stufe stellt. Sicher, ich bin auch ein Mensch. Im Geist jedoch, da bin ich es schon lange nicht mehr. Eigentlich bin ich eine undefinierte Entität im Grenzbereich zwischen dem Offensichtlichen und dem vorhandenen Verborgenen.

Meine neue Heimat ist damit das Okkulte. Es ist wohl mehr ein notwendiges Rückzugsgebiet für mich. Es ist das Verhalten der Menschen, das mich in diese Zone drängt. Vielleicht war es am Anfang nur einfache Bedrängnis. Heute empfinde ich es jedoch, als reale Bedrohung. Sie hassen Andersartigkeit. Ich bin anders. Menschen neigen dazu, alles zu zerstören und zu töten, was sie nicht verstehen. Sie verstehen mich nicht. Die Flucht in den okkulten Teil der Welt, sie kann gefährlich sein. Die Menschen fürchten den Schatten. Wäge ich jedoch meine Situation ab, so ist das Verborgene für mich eine Chance auf Überleben. Mein Licht im Leben, das suche ich im Schatten. Nach langer Hetzerei durch die Menschenwelt und all dem Getöse, da sehne ich mich nach innerer Ruhe. Sie ist die Prämisse für das Sehen in der Finsternis. Ich muß den Kopf frei bekommen, um mich einer neuen Welt öffnen zu können.

Erjas Wärme ist wundervoll. Ihre zaghaften und sanften Berührungen elektrisieren meinen Geist. Als wäre ich eine Art müdes Tier im Winterschlaf, so kündigen sie mir den neuen Frühling und das End der Polarnacht an. Obwohl Erja mir ganz nahe steht, so scheint sie gleichermaßen weit entfernt. Es ist nicht eine unüberwindbare Unnahbarkeit die ich meine, zu empfinden. Nein, es ist eine schwer zu beschreibende Distanz zwischen uns. Erja berührt mich einfach. Mir jedoch, mir gewährt sie keine Berührung, sowohl im Geist nicht, wie auch nicht körperlich. Vielleicht ist dies auch der mysteriöse Umstand, der mich verunsichert und an dem reale Erlebnis weiterhin zweifeln läßt. In den Augenblicken der Begegnung allerdings, da steht es außer Frage, das ich real erlebe und nicht träume. Es mag sein, daß dieses Wesen in dieser Zeit meine Gefühle und Eindrücke dominiert und sie verändert. Doch zumindest die Begegnung, dieses Dominieren und die Veränderung sind völlig real. Wo ist der Unterschied zwischen Phantasie, Vision und Realität, wenn doch alles im Leben Bestand hat? Erjas Berührungen gehen so sehr tief hinein in mein Herz, daß sie mich zu Tränen rühren. Sowohl meine Tränen, wie auch Berührungen, sie müssen daher doch einfach real sein. So schutzlos fühle ich mich. Keine Kraft habe ich mehr, mich gegen Unrecht und Ausbeute zu wehren. Jedes Anliegen lasse ich durch, direkt bis an meine Seele. So kann man mich leicht vernichten. Nur an diesem Ort hier, da fühle ich mich zumindest ein wenig frei.

»Du bist jedoch überall frei, lieber David.«

Erschrocken blicke ich auf. Doch ich sehe niemanden. Auch spüre ich keine Anwesenheit von Erja. Ich bin offenbar tatsächlich alleine.

»Fürchte dich nicht. Ich spüre deine Furcht.«

Ich schrecke auf. Erneut blicke ich mich um. Nervös bin ich. Werde ich nun völlig verrückt? Doch kaum habe ich diesen Gedanken beendet, explodieren meine Gefühle. Mein Kopf droht durch diese emotionale Flut zu zerspringen. Ich sinke auf die Knie und stöhne. Diese heftige Gefühlswoge lähmt mich völlig.

»Was wollt ihr von mir? Warum überfallt und quält ihr mich?«

»Das wollen wir nicht. Ich bin heute nicht alleine zu dir gekommen, lieber David. Einer unserer Ältesten ist bei mir. Ihn hat seine Neugier getrieben. Er will sich von deiner Art erneute überzeugen. Es ist schon sehr lange her, daß er einem Menschen so nahe kommen konnte.«

Ich sehe nichts. Diese Gefühlwogen drohen mich innerlich fast zu zerreißen. Erja berührt mich nicht. Sie ist mir nur ganz nahe. Doch es ist wirklich noch etwas anderes bei ihr. Dieses Andere, es dominiert einfach alles. Unwahrscheinlich machtvoll muß es sein. Seine einzigartige Anwesenheit, sie ist gravierend.

»Wie kann er sich nur überzeugen, quält er mich doch derart?«

Schlagartig hat sich dieser Orkan der Emotionen völlig gelegt. Nur noch Erjas Anwesenheit ist zu spüren. Oh, wie gut das ist. Ich bin sehr erleichtert.

»Was ist geschehen? Ist er wieder fort?«

»Ja, er ist fort.«

»Warum hat er sich und seine Macht nicht einfach nur etwas zurückgenommen, um sich einen Eindruck von mir zu verschaffen?«

»Beides hat er bereits getan.«

Ich bin erstaunt. Langsam komme ich wieder auf die Füße. Irgendwie fühle ich mich nicht gut. Sicherlich hat dieser ominöse Älteste nun einen ziemlich schlechten Eindruck von mir bekommen. Doch meine Gedanken, sie sind für Erja natürlich wieder zugänglich.

»David, das hat er nicht. Es ist nur so, daß er fast reine Wahrheit verkörpert. Ihr Menschen lebt vorzugsweise in einer Welt des Glaubens und der Illusionen. Alles ist danach ausgerichtet, woran ihr glaubt. Euer Denken kennt kaum andere Facetten und Teile als jene, die durch euer Glauben definiert werden. Das weiß der Älteste nur zu gut.«

»Ob das nun so gut ist, das wage ich zu bezweifeln. Ich fühle mich in diesem Augenblick jedenfalls jetzt ziemlich schlecht.«

»Das mußt du aber nicht, David. Er hat ein sehr gutes Bild von dir erhalten. Der Älteste weiß nur zu gut, in welchem Teil der Welt ihr euch selbst eingesperrt habt. Doch du solltest wissen, daß es eben gewaltige Wahrheiten außerhalb eurer Traumwelt gibt. Diese sind zahllos. Sie dominieren nahezu alles. Mit ihnen richtig umzugehen und sie begreifen zu können, das muß man erst lernen. Es bedarf viel Zeit, mit Wahrheiten entsprechend richtig umgehen zu können.«

»Ich verstehe. Wir Menschen leben in einer Art warmen Wohnung des Wohlfühlens. Sie ist unsere Welt. Öffne ich plötzlich die Tür und verlasse sie, dann befinde ich mich im tatsächlichen Universum ohne Begrenzungen. Jede Erfahrung dort, sie ist mir natürlich völlig neu und viele davon, überfordern mich und meinen Verstand. Ich muß erst lernen, sie in meinem Geist zuzulassen. Anschließend kann ich versuchen, mich vom Irrglauben zu befreien.«

»Dein Ansatz beim Denken ist wohl schon ganz richtig. Nur stellt der Glaube nicht einmal auch nur die Hälfte des Weges zur Wahrheit dar. Die Unterschiede zwischen Glaube und Wahrheit sind so gewaltig, daß die Welt der Wahrheiten den Verstand des Menschen überfordern. Auch fehlen ihm dafür ganz einfach die Bilder für eine vage visuelle Vorstellung. So fällt es schwer zu verstehen, was dort eigentlich tatsächlich erlebt und wahrgenommen wird.«

»Das muß also richtig trainiert werden. Nun, der Älteste kann das nicht einfach so abschalten oder es nur ein wenig reduzieren? Vielleicht sollte er sich ausschließlich auf reine Glaubensinhalte und möglichst einfache Illusionen konzentrieren, möchte er mich tatsächlich kennenlernen und nicht quälen.«

»Das ist nicht möglich. Der Prozess der Erfahrung von Wahrheiten, er ist nicht umkehrbar und auch nicht lenkbar. Als Träger dieser Erfahrungen wirst du ein Teil von ihr und sie wird auch ein Teil von dir. Bei Tieren ist das anders. Sie handeln nur instinktiv. Sie erkennen Wahrheit, Vision und Glaube nicht in der gleichen Dimension. Tiere reagieren und interpretieren nicht genau so, wie die Menschen zu reagieren pflegen.«

»Dann habe ich nun also auch, zumindest eine Wahrheit erfahren, da ich Kontakt mit einem der Ältesten von euch hatte. Meine Schlußfolgerung ist doch richtig, oder?«

»Teilweise schon. Er ist Wahrheit. Ich bin Wahrheit. Das Spektrum seiner Erfahrungen war dir einfach nicht zugänglich. Wäre er länger geblieben, dann wärst du vielleicht wahnsinnig geworden, eventuell sogar an dieser ungewöhnlichen Art der Blendung gestorben. Nicht nur das Licht hat die Eigenschaft, Wesenheiten blenden zu können. Es blendet nur deine Augen. Echte Wahrheiten jedoch, sie blenden deinen Verstand. Ob du schadlos geblieben wärst, das wäre alleine eine Entscheidung deines Unterbewußtseins gewesen.«

»Dieses gleißende Licht ist mir aus dem Engelsglauben der Menschen bekannt. Sie stehen damit für die Wahrheit, die wir nicht zu begreifen in der Lage sind. Eine interessante Theorie ist das. So würden viele Menschen Träger von Wahrheiten vergöttern und sie als Überwesen betrachten. Dabei wären sie nur Entitäten, die viel weiter entwickelt sind, als wir Menschen. Diese Wesen haben Zugang zu Wahrheiten, die uns noch verwehrt sind. Deine Anwesenheit jedoch, die verkrafte ich. Du trägst also keine oder nur wenig Wahrheiten in dir?«

»Er ist einer der Ältesten. Ihn gibt es seit Anbeginn der Ljósálfar. Mich jedoch, mich gibt es erst seit wenigen Jahrhunderten.«

»Also bist du noch so eine Art Kind bei den Ljósálfar, Erja...?«

Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich ein wenig schmunzle. Allerdings vergeht diese Heiterkeit rasch wieder, da ich mir bewusst darüber werde, daß Erja so unglaublich viel weiter entwickelt ist, als ich es selbst wohl bin. Heiterkeit wäre da wohl eher eine Form von Verlegenheit oder fast schon eine Anmaßung. Die Brillanz erfahrener Wahrheiten, sie hat also meinen Verstand geblendet. Trifft man in einem Umfeld des Glaubens, auf Wissen um echte Wahrheiten, dann muss diese Erfahrung wohl erschütternd sein. Sie treibt den dadurch völlig verängstigten und verunsicherten Gläubigen in das schützende Dickicht religiöser Dogmen. Diese hat er gelernt. Sie können ihn ablenken und beruhigen.

Erja ist eine wunderschöne Erscheinung. Auch wenn mir dieses faszinierende Wesen noch ziemlich unbekannt ist, so empfinde ich eine starke Zuneigung zu ihm. Es ist nicht nur die bedingungslose Offenheit, mit der mir Erja immer wieder begegnet, sondern auch ihre Erscheinung, sie ist überaus reizend. Ich bin mir durchaus bewusst, daß es auch sie selbst sein kann, die tief in mir diese Gefühl auslöst. Dennoch steht ihre Anziehungskraft auf mich, für sich.

Der ganze Tag ist wundervoll. Ich kann mich völlig meinen Gefühlen hingeben und den Frieden des Waldes genießen. Dieses Leben in der Abgeschiedenheit, es tankt mich mit Energie auf. Die Tiere haben sich inzwischen an mich gewöhnt und kommen immer wieder ganz nahe an mich heran. Ist Erja bei mir, dann spürt man deutlich, wie sich das ganze Leben des Waldes für sie öffnet, als würde es sie willkommen heißen. Ja, das ist Leben. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Es ist zwar nur noch ein Rest davon in unseren Wäldern vorhanden, doch es ist jenes Leben, nach dem sich mein Geist immer so sehr gesehnt hat. Es ist ein Umfeld, in dem man niemals etwas im Auftrag leisten muß. Man kann sich um das kümmern, was sinnhaft erscheint, ohne dafür verurteilt und verhöhnt zu werden. Die Ethik der Menschen, sie ist zu einer Art Gefängnis geworden, das uns konsequent von jeglicher Freiheit fern hält.

Inhaltsverzeichnis

  • Über die Novelle

    Menschen werden geboren. Eine Wahl haben sie nicht. Sie sind einfach da und müssen sich irgendwie mit der Welt ihrer Artgenossen arrangieren. Doch immer mehr Geborene suchen nach Nischen für ihr Leben in einer Welt, die der Mensch für sich selbst, viel zu eng gezimmert hat. Der Erhalt von Macht...

    Weiterlesen: Über die...

  • Eins. David.

    David? Das bin ich. Ich verdiene mir mein wenig Geld, als fleißiger Arbeiter im Weinberg einer großen Einkaufsabteilung. Recht gut bin ich darin, diese bunten Scheinchen zu sammeln. Diese seltsamen Wertzettel meine ich, mit denen man eine Berechtigung für das Leben in der Gesellschaft erwerben...

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  • Zwei. Heimstatt.

    Ich liege im Bett. Meine Augen sind geöffnet. Meine Fenster stehen weit offen. Ein leises Rauschen der Zugluft ist zu hören. Das Licht der Morgendämmerung kündigt den nahen Tag an. So liege ich einfach nur da und genieße den Augenblick. Ich liebe diese Ruhe. Es sind die Augenblicke, bevor die...

    Weiterlesen: Zwei....

  • Drei. Beobachtung.

    Wie feines Haar, so fächern sich die ersten Strahlen der Sonne über den Wipfeln der Bäume auf. Als würden sie den Wald sanft aus dem Schlaf streicheln wollen, wandern sie gemächlich über zahllose Blätter und Nadeln. Die Schatten und die Kälte der Nacht, beide weichen dem Licht und der wohligen...

    Weiterlesen: Drei....

  • Vier. Begegnung.

    Es ist schon Nachmittag. Ich verspüre plötzlich erneut dieses quälende Gefühl, einer nahen Präsenz. Sicherlich ist man in den Wäldern niemals wirklich ganz für sich und alleine. Doch es ist wieder dieses Gefühl in mir zu spüren, von irgendwem oder von irgendetwas beobachtet zu werden. Möglich wäre es,...

    Weiterlesen: Vier....

  • Fünf. Freiheit.

    Mir geht es tatsächlich ganz gut. Ich bin deutlich entspannt. Seit einigen Tagen lebe ich nun hier an dieser Stelle im Wald. Keinem Menschen bin ich seitdem persönlich begegnet. Das ist gut so. Einmal nur, da hörte ich die lachenden Kinder einer kleinen Familie, die offenbar auf einer Wanderung in...

    Weiterlesen: Fünf. Freiheit.

  • Sechs. Du.

    Die Zeit vergeht erstaunlich schnell, wenn man sich erst einmal frei fühlt. Es sind inzwischen einige Tage vergangen. Ich bin jedoch ziemlich schwach. Zu wenig Nahrung gibt es hier für mich. Die heutigen Wälder, sie sind tatsächlich karg und überlebensfeindlich geworden. Es ist ein Glück, daß ich...

    Weiterlesen: Sechs. Du.

  • Sieben. Entscheidung.

    Ein wenig Zeit vergeht. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Ich sitze noch immer auf dem alten Baumstumpf. Mir ist inzwischen etwas kalt. Über Frank habe ich nun eine Menge nachgedacht. Eine richtige Entscheidung ist es gewesen, daß er gegangen ist und ich geblieben bin. Nun warte ich auf Erja....

    Weiterlesen: Sieben....

  • Acht. Wahrheit.

    Die Tür öffnet sich am Morgen. Ich liege auf dem Boden vor meinem Bett. Ich bin wach. Meine Augen sind geöffnet. »Guten Morgen. Es gibt Frühstück.« Ich reagiere nicht. »Haben sie die ganze Nacht auf dem Boden gelegen?« Mir ist es egal, was die Frau von mir denkt. Weiter erntet sie nur Schweigen von...

    Weiterlesen: Acht. Wahrheit.

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