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Es ist schon Nachmittag. Ich verspüre plötzlich erneut dieses quälende Gefühl, einer nahen Präsenz. Sicherlich ist man in den Wäldern niemals wirklich ganz für sich und alleine. Doch es ist wieder dieses Gefühl in mir zu spüren, von irgendwem oder von irgendetwas beobachtet zu werden. Möglich wäre es, daß es das mysteriöse Phänomen vom frühen Morgen ist. Ich begebe mich zur nahen Lichtung. Jedoch die Schmetterlinge, sie verhalten sich in all ihrer Pracht unauffällig auffällig. Scheinbar genießen sie die Wärme der Sonne. Sie wechseln nur selten die Blüten. Wunderschön sind sie dabei anzusehen. Auch dieser auffällige Blumenduft, der offenbar von dieser mysteriösen Kreatur verströmt wird, er ist nicht wahrzunehmen.

Trotzdem scheine ich insgeheim sogar zu erwarten, daß es erneut das seltsame Mädchen ist. Mir erscheint das ein wenig seltsam. Offenbar vermisse ich sie. Natürlich hat sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Erstaunt bin ich über mich selbst. Diese Prägung durch das Erlebnis ist offenbar so immens, daß ich mir eine erneute Begegnung regelrecht herbeiwünsche. Die Erscheinung hat mich tief in meinem Herzen berührt. Mit dem Gefühl von Vertrautheit hat mich diese Kreatur beschenkt. Vertrautheit ist mir in den letzten Jahren fast völlig fremd geworden. Dieses Wesen hat mich erinnern lassen. Fast schon enttäuscht bin ich, daß ich jetzt ihren feinen Duft nicht wahrnehmen kann. Eine Art Schauspiel gelebter Harmonie, so wie ich es neulich erleben durfte, ich sehne es insgeheim herbei.

Der Nachmittag ist schön. Nur die vertrauten Geräusche des Waldes sind zu hören. Ich sehe mich um. Nichts Verdächtiges kann ich entdecken. Alles ist friedlich, wäre da doch nur nicht dieses Gefühl der Unsicherheit. Es irritiert mich. Vollkommen unschlüssig bin ich. Soll ich die Dämmerung und die folgende Nacht einfach abwarten? Auch könnte ich versuchen, diese kuriosen Gefühle zu ignorieren. Einfach wieder meines Weges gehen, das könnte ich wohl. Kurz überlege ich. Dann kommt mein Entschluß. Ich möchte noch eine weitere Nacht an diesem Ort verweilen und abwarten, was geschehen wird.

Der Abend naht bereits. Menschen sind nicht zu sehen. Auch sind keine Stimmen zu hören. Also richte ich mich auf eine friedliche Nacht ein. Ich hoffe, dieses seltsame Wesen erneut zu treffen. Das merkwürdige Gefühl in mir, es nährt diese Hoffnung.

Nun sitze ich hier an einem Baum im Wald. Ich beobachte das beeindruckende Farbenspiel der untergehenden Sonne. Diesem schönen Schauspiel könnte ich ewig beiwohnen. Das üppige Bunt des Tages, es wird allmählich mit einem dünnen Schleier aus purem Gold bedeckt. Die Schatten mehren sich. Sie ziehen durch den Wald, wie die lautlose Spähzüge der nahenden Nacht. Immer länger und länger werden sie dabei und saugen offenbar das abendliche Gold des Waldes auf. Alles was danach noch bleibt, ist das Grau und die Dunkelheit. Auch wird es allmählich spürbar kühler. Die Nacht bringt ein wenig von der Kälte des Weltalls mit. Blumenkelche schließen sich. Vögel verstummen. Die frischer werdende Luft verursacht bei mir eine Gänsehaut. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Es könnte auch nur meine bloße Unsicherheit sein, die mich zittern läßt. Was würde ich wohl in der kommenden Nacht erleben?

Mein Rücken schmerzt vom langen Sitzen. Meine Augen brennen. Mich plagt der Durst. Während dieser ausgedehnten Warterei, da werde ich mir schlagartig gewahr, inzwischen offenbar mein Leibeswohl vergessen zu haben. Jedoch möchte ich nun meine aktuelle Position nicht wegen Hunger aufgeben. Zu wichtig ist mir eine erneute Begegnung mit diesem beeindruckenden Frauenwesen. Ob sie ein Geist ist, eine ruhelose, menschliche Seele oder eine Wesenheit des Waldes ist, eine Art Naturgeist vielleicht, da kann und mag ich mich nicht festlegen. Jedoch ist diese ungewöhnliche Erscheinung real. Damit ist sie eine Wahrheit für mich.

Viele Menschen glauben an Spuk, Engel und die verschiedensten Naturgeister. Doch es ist stets nur der vage Glaube an diese Wesenheiten, der in ihren Köpfen seinen Halt gefunden hat. Der Glaube ist eine kunstvolle Kreation der Hoffnung. Mein Erlebnis in der gestrigen Nacht jedoch, es hat einen Teil meines Glaubens, zur echten Wahrheit gewandelt. So kann ich nicht erklären, was genau ich erlebt habe. Doch das ich Zeuge von etwas Ungewöhnlichem wurde, das ist die kräftige Basis für meine neue Wahrheit. Daher ist es nun mein innigster Wunsch, mehr über dieses Wesen zu erfahren. Ich kann daher jetzt nicht so einfach aufstehen und mich mit allerlei Waldbeeren vollstopfen.

Die Zeit vergeht. Es ist alles ganz friedlich. Die Lichtung ist völlig frei. Eine schwere Süße liegt in der Luft. Es ist der betörende Geruch dieses schlummernden Sommerwaldes. Plötzlich jedoch, da erscheint mir alles seltsam still. Es ist anders, als noch wenige Augenblicke zuvor. Völlig ruhig und tonlos ist es. Ich spüre auch wieder ganz deutlich dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Obwohl ich niemanden und nichts erkennen kann, bin ich mir sicher, nicht mehr alleine an diesem Ort zu sein. Dort auf der Lichtung ist etwas, muß einfach etwas sein. Ich kann es leider nicht erkennen. Doch es ist da. Ich bin mir ganz sicher.

Dann habe ich plötzlich ein seltsames Pfeifen im Ohr. Wenn ich mich aufrege, dann nehme ich dieses Geräusch ebenfalls immer wieder wahr. Doch nun ist es irgendwie prägnanter und unangenehmer. Ich höre es zudem immer deutlicher. Dadurch gewinne ich den Eindruck, daß sich diese unsichtbare Präsenz mir offenbar nähert. Zwischen dem Geräusch in meinen Ohren und diesem Phänomen scheint es einen direkten Zusammenhang zu geben. Das ist erstaunlich. Dieses Pfeifen verändert sich. Es klingt in meinen Ohren bereits, wie ein schriller Singsang. Es ist nur kratziger und verändert rasch seine Tonfolge. Ich bin wie paralysiert durch diese Situation. Deutlich meine ich, ein Etwas direkt vor mir zu haben. Das Pfeifen in meinem Kopf, es ist fast zur Unerträglichkeit angeschwollen. Immer wieder möchte ich mir inzwischen meine Ohren schützend zuhalten. Doch je mehr ich mich vor den Tönen zu schützen versuche, um so mehr begreife ich, dass ich ihnen imgrunde vollkommen machtlos ausgesetzt bin. Diese Töne, sie sind nur in meinem Kopf. Selbst wenn ich meine Ohren zuhalte, ändert sich daran nichts.

Mir wird plötzlich ganz unangenehm übel. In meine Augen spüre ich ein Stechen. Ich kneife sie zusammen. Beim Atmen erscheint mir die Luft, als wäre sie eine gallertartige Substanz. Nur mit Mühe vermag ich sie, in meine Lungen saugen. Dabei scheint zu wenig Sauerstoff in ihr vorhanden zu sein. Ich erlebe Schwindel. Mir dreht sich bereits alles. Ich bin verzweifelt, fast schon panisch. Doch dann auf einmal, ist plötzlich alles wieder vollkommen ruhig. Als hätte jemand nur einen Schalter umgelegt, so ist dieser Angriff auf mich vorüber. Die Luft ist wieder wunderbar weich und duftend. Mein Kopf ist wieder völlig frei. Der Schwindel löst sich auf. Nur das irritierende Gefühl ist noch geblieben, beobachtet zu werden. Diese Wesenheit, sie muß sich unmittelbar in meiner Nähe befinden. Da bin ich mir ganz sicher. Vorsichtig sehe ich mich um. Augenscheinlich bin ich allerdings vollkommen alleine bei dieser Lichtung im Wald. Alles ist vollkommen friedlich, so wie es bereits schon die ganze Zeit zuvor friedlich war. Ich hole erneut tief Luft und versuche mich etwas zu entspannen. Meine Güte, was war das nur?

Doch dann höre ich plötzlich erneut dieses pfeifende Geräusch. Jetzt nehme ich es allerdings nicht mehr, als so sehr quälend und laut wahr. Es quält mich nicht. Das ist wohl richtig. Jedoch belastet es mich erneut. Offenbar erfahre ich etwas, womit mein Kopf und sein Denken nur schwer fertig wird. Wenn ich mich stark konzentriere, dann meine ich in diesem schrillen Pfeifen, ein grelles Flüstergeräusch heraushören zu können. Ich schließe meine Augen, um mich völlig auf dieses Geflüster einlassen zu können. Im entferntesten Winkel meines Geistes, da spüre ich tatsächlich eine Veränderung. Dieses Geräusch scheint wirklich etwas in mir auszulösen. So erkenne ich zuerst nur schemenhafte Bilder. Sie werden jedoch schon bald deutlicher. Je mehr ich mich auf das schrille Wispern einlasse und dabei versuche, mich zu entspannen, desto besser werden die Bilder. Dann staune ich auf einmal doch sehr. In meinem Kopf, vor meinem inneren Auge, da erscheint aus einem ungemein grellen Licht, diese faszinierende Frau vom Vortag. Es ist in mir ein ganz seltsames Gefühl wahrzunehmen. Einerseits spüre ich die Anwesenheit dieser wundervollen Kreatur direkt und auch ganz real vor mir im Wald, sehe sie jedoch gleichzeitig mit meinem inneren Auge. Das ist überaus beeindruckend. Sie ist präsent, dabei doch auch nicht direkt körperlich und nicht greifbar. Das Erlebnis einfach als reine Fantasie abzutun, würde ihr keinesfalls gerecht werden. Sie ist tatsächlich da. Eine völlig andere Lebensform erfahre ich in diesem Augenblick.

Sie lächelt mich an. Seltsame Augen hat sie und ein makelloses Gesicht. Ihre Haut ist ganz blaß und sieht wunderbar samtig aus. Nein, helles Samt würde der Beschreibung dieser schönen Haut, wohl nicht gerecht werden. Fast meint man, sie wäre aus reinem Licht. Ihr Gesicht ist von langem Haar umrahmt, dessen blonde Pracht ihre Schultern umspielt und einen leicht rötlichen Schimmer hat. So sehr fasziniert mich dabei ihr Gesicht, daß ich erst Augenblicke später ihren nackten Körper begreife. Wohlgeformte Arme enden in kleinen Händen mit langen, feingliedrigen Fingern, deren sanfte Berührungen man sich sofort ersehnt. Ein schlanker Hals, er stimmt auf einen weiblichen Körper ein, dessen Reizen man sich nur sehr schwer erwehren kann. Dennoch wirkt alles an ihr ungemein sinnlich und keinesfalls obszön. Ihre langen Beine mit den kleinen Füßen, sie scheinen dabei keinerlei Gewicht zu tragen oder auch jemals getragen zu haben.

»David, du bist noch hier? Was hält dich nur gefangen, an diesem einsamen Ort?«, höre ich nun eine leise, helle Frauenstimme.

Ich schrecke zusammen. Das war deutlich unerwartet. Die Stimme ist lediglich in meinem Kopf. Daher erscheint sie mir vollkommen rein. Es ist unverkennbar die Frauenstimme aus meinem Traum. Sogleich erkenne ich sie an ihrem feinen und überaus süßen Klang. Mir ist sofort klar, in diese Stimme kann ich mich verlieben. Sie war es also die ganze Zeit. Dieses helle Pfeifen, das war sie. Das Pfeifen erscheint mir nun, wie zahllose Stimmen im Verbund.

»Ja, ich bin wohl eine Erja, eben die eine, die auch viele ist.«

Ich bin völlig mit der Situation überfordert. Es ist mir kaum möglich, diese erstaunliche Präsenz und die Situation wirklich zu begreifen. Viel Angst ist in mir. Doch diese Erscheinung ist so sehr dominant, daß die Angst in mir nicht vollkommen ausreifen kann. Allerdings reifen so auch keinerlei Antworten auf ihre Fragen. Gedanklich stammle ich nur wirres Zeug. Dabei stehe ich in Wirklichkeit nur stumm und mit halb geöffnetem Mund im nächtlichen Wald. Die junge Frau lächelt mich nun an. Mein Herz droht zu zerspringen. Ich glaube, ich beginne, dieser Kreatur vollkommen zu verfallen. Die märchenhafte Frau hebt ihren linken Arm und berührt ganz sanft, mit der Außenfläche ihrer wundervollen Hand, meine rechte Wange. Eine regelrechte Explosion der Gefühle löst sie damit in mir aus. Ich spüre ihre zaghafte Berührung sowohl innerlich, wie auch äußerlich, als würden sich zwei Welten miteinander verbinden. Meine Hände zittern. Eine Träne löst sich. Sie läuft mir langsam über die Wange. Ich spüre dabei, wie sich mein Mund zu einem zaghaften Lächeln verformt. Ganz allmählich lösen sich meine Verkrampfungen auf.

»Ich wollte dich erneut sehen. Deshalb bin ich noch hier.«, schaffe ich es dann doch, meine Gedanken auf den Weg zu bringen.

»Das ist wohl nur ein Teil des wahren Grundes, mein lieber David. Menschen kommen nur selten an die Lichtung heran und lassen diese dann für gewöhnlich, auch gleich wieder rasch hinter sich.«

»Menschen? Ja, wegen denen bin ich wohl auch hier.« Deutlich spüre ich, wie meine Traurigkeit unangenehm in mir aufsteigt. Ja, dieses verhasste Gefühl, es ist mir nur zu gut bekannt.

Erja bemerkt es. Man kann das an ihrer feinen Mimik regelrecht ablesen. Zwar sagt sie nichts und ich höre sie nicht, aber ich bin mir sicher, dass diese Kreatur meine Gedanken dennoch genau kennt. Vielleicht ist es auch dieser angstfreie Raum, den sie tief in mir geschaffen hat, der dieser Schwermut plötzlich wieder mehr Gewicht und Bedeutung ermöglicht.

»Du bist Erja, so meinst du... Was bist du, Erja? Bist du ein Geist, ein Gespenst des Waldes?«

Während ich sie frage, sehe ich dieses unwirkliche Mädchen ganz deutlich vor meinem inneren Auge. Dennoch spüre ich ihre Präsenz ebenso auch direkt vor mir. Eine mir völlig ungewohnte und mehrdimensionale Wahrnehmung ist das. In dieser Situation sinnvoll zu kommunizieren, das verlangt von mir einiges an Konzentration ab.

»Es gab schon so viele Namen für Erja. Als wir den Menschen noch nahe waren, da nannte einige uns Ljósálfar. Die Menschen kamen uns immer näher und näher, verstanden unsere Art zu leben und zu denken jedoch nicht. Sie fürchteten uns und alles, was sie nicht verstanden. So wurden wir zunächst als Überwesen betrachtet und schließlich vergöttert. Dann folgte eine Zeit, in der sie uns akribisch jagten. Dabei störten sie den Wald empfindlich und auch all das Leben in ihm. Mit der Zeit breiteten die Menschen sich immer weiter aus und verlernten allmählich die vielen Sprachen des Lebens, der Vögel und der Elemente.«

Während Erja erzählt, erscheint plötzlich unmittelbar vor mir und wie aus dem Nichts regelrecht herbeigezaubert, eine kleine und sehr hell leuchtende Kugel. Sie umwirbelt mich kurz und tanzt dann völlig lautlos auf der nahen Lichtung umher. Das Bild der jungen Frau, es bleibt jedoch stabil vor meinem inneren Auge erhalten. Während ich also ihre Stimme im Geist wahrnehme, bleiben ihre Lippen fest geschlossen. Es scheint mir fast, als spreche sie zu mir mit ihren Augen. Diese sind dabei ganz anders beschaffen, als die Augen eines Menschen. Die Pupillen sind dabei nicht vollkommen rund und in einem ganz dunklen Blau. Fast mandelförmig sind sie eher, und ihre Augenform erscheint mir, als hätte sie einen leichten, asiatischen Einschlag. Diese Frau wirkt auf mich friedlich und etwas scheu, sie ist aber von einer Aura der Wildheit umgeben, wie man sie aus der Tierwelt kennt. Das ist tatsächlich eine wahrhaft erstaunliche Kombination, die auf mich zugleich auch sehr anziehend wirkt.

»Du bist also eine Lichtelfe, also ein Art Engel vielleicht? Was bist Du genau? Hilf mir bitte weiter, um das verstehen zu können.«

»So viele Namen, David, so sehr viele Namen gibt es für uns. Dabei sind wir stets nur das, was wir eben sind.«

»Ihr lebt hier im Wald? Wie schafft ihr es, euch vor den Menschen so erfolgreich zu verbergen? Die Menschen, sie sind doch so zahlreich und schnüffeln überall neugierig herum. Sie sind stets auf der Suche danach etwas zu finden, was sie zerstören oder vielleicht sogar auch töten können.«

»Es ist doch nicht wichtig, wo man lebt, sondern von Relevanz, wie man lebt. So sind wir überall und doch auch an keinem spezifischen Ort. Dadurch sind wir wann, wie und wo wir wollen und eben auch fast nie dort, wo Menschen sind. Darin sind wir inzwischen offenbar sehr erfolgreich.«

»Aber du bist jetzt hier bei mir. Ich sehe dich. Das ist nicht erfolgreich.«

»Ja, David, jetzt bin ich hier bei dir...«

»Doch warum ich?«

»Weil wir es uns so wünschen. Du bist anders, David. Anders kann durchaus gut, aber auch ebenso schlecht für alles Lebendige sein. Anders löst immer auch eine gewisse Andersartigkeit der Welt aus. Veränderungen ziehen weitere Veränderungen nach sich, die wieder Veränderungen nach sich ziehen. Das läßt uns natürlich aufmerksam werden. Jede Veränderung betrifft auch uns.«

»Ach, ich habe die Menschen einfach nur satt. Daher bin ich hier im Wald. So etwas gab es schon immer. Die Eigenbrötler, Idioten und Wirrköpfe, sie waren und sind oft der Menschen überdrüssig.«

»Du bist also hier im Wald, um zu sterben?«

Ich bin über die direkte Frage von Erja erstaunt. Sie hat damit nicht ganz unrecht. Tatsächlich bin ich wohl ein wenig hier, um zu sterben. Zumindest jedoch, stirbt jedoch ein Teil von mir ab. Es ist wohl jener Teil, der meine Inklusion zur Menschheit ausmacht. Eigentlich ist es kein Fehler, ein Mensch zu sein. Das weiß ich gut. Doch die gemeinsamen Absichten der Menschen sind es, die sie im Kollektiv zu dem macht, was sie heute nun einmal sind. Ich möchte das nicht sein. So zu sein, das schmerzt und quält mich. Das Leben mit und unter ihnen, es zwingt mich jedoch dazu. Beugen muß ich mich. Ich kann nirgendwo hin, um so zu leben, wie ich es mir wünsche. Man hat mich als Säugling einfach zu ihnen gesetzt, als wäre ich ein Meerschweinchen. Also bin ich nach Jahren nun hier in diesem Wald gelandet. Mein altes Leben mit den Menschen, es soll damit enden. So habe ich es beschlossen.

»Im Prinzip ist das so.«, entgegne ich kurz auf Erjas Frage und bin dabei schon ein wenig betrübt. Eigentlich kann man meinen Plan und meine Antwort, als eine Art persönliche Kapitulation als Mensch interpretieren. Dabei bin ich ein Mensch. Wenn das nicht frustrierend ist, was ist es dann?

Erja scheint von meinem knappen Geständnis nur wenig beeindruckt zu sein. Sie lächelt mich weiter an und wirkt dabei noch immer ungemein bezaubernd auf mich. Auf der Lichtung tanzt der kleine Lichtball weiterhin durch die Luft. Ich begreife mich inzwischen in einer seltsamen Situation, der ich mich nicht entziehen kann und es eigentlich auch überhaupt nicht möchte.

»Wenn etwas stirbt, so schafft es Platz für Neues. David, du kennst mich nicht. ICH bedeute nun neue Erfahrungen für dich. Deine Wahl nicht so zu sein und auch nicht zu handeln, wie die Menschen nun einmal im Allgemeinen zu handeln pflegen, ist ebenfalls recht neuartig. Nur eines haftet dir beständig weiterhin an: Du bist ein Mensch.«

»Du magst Menschen nicht wirklich, richtig?«

»Es ist nicht eine Frage von Sympathie. Vielmehr ist es eine Frage von Raum und Entwicklung. Das Leben kommt. Das Leben geht. Blumen wachsen, sie blühen und verwelken schließlich. Das wiederholt sich jedes Jahr und verändert sich dennoch mit jeder Blüte ein wenig.«

»Das ist wohl auch richtig. Doch ich verstehe den Zusammenhang nicht.«

Inzwischen beleuchtet der Mond die gesamte Lichtung und taucht sie in ein magisches Licht. Der Wald ist ganz friedlich. Er ist wirklich ein schöner und zu schützender Ort.

»Jedes Lebewesen lebt so, wie es zu leben versteht und wie es das Leben es gelehrt hat, zu leben. Dabei einen Fehler zu begehen, das ist unmöglich. Das ist nicht von wirklicher Bedeutung. Doch jede Entscheidung und jedes Handeln hat Auswirkungen auf das Leben aller Menschen und auch auf das Leben nahestehender Wesen. Diese Auswirkungen, sie sind immer leidenschaftlich. Diese Leidenschaft ist es, die es euch erst ermöglicht, aus dem Leben zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Sie ist damit die Prämisse für Evolution. Ein Privileg des körperlichen Daseins ist die Fähigkeit zu lernen. Der Mensch nutzt es immer wieder gerne, ohne es jedoch entsprechend zu würdigen und wertzuschätzen.«

»Deine Worte haben aber einen ziemlich verächtlichen Nachgeschmack. Kann es sein, daß du die Menschen sogar verachtest?«

Erja nähert sich mir. Ich erkenne das an der strahlenden Kugel, die sich ebenfalls langsam nähert. Ebenso spüre ich ihre Präsenz nun viel deutlicher, als Augenblicke zuvor. Diese Frau ist tatsächlich sehr beeindruckend. Ich habe einen großen Respekt vor dieser Erscheinung. Sie beherrscht die Situation und den weiten Raum um sich herum sicher. Unter ihrem Einfluß fühle ich mich völlig hilflos, jedoch auch seltsam gut aufgehoben. Meine Gedanken wirken allerdings ungewöhnlich träge. Ich kann einfach nicht mithalten. Alles ist sehr ungewohnt für mich. Mein Körper fühlt sich stumpf und schwerfällig an. Erja kann offenbar meine Gefühle kontrollieren und diese beeinflussen. Sie ist zudem auch in meinem Kopf präsent. Dennoch spüre ich keinerlei Furcht vor ihr, sondern vertraue diesem Wesen völlig. Andererseits, so muß ich ehrlich gestehen, bleibt mir auch nichts anderes übrig.

»Nein, es ist keine Verachtung. Es ist ein Art tiefe Traurigkeit in mir. So sehr wunderbar sind die Menschen. Sie haben so viele Möglichkeiten und hatten bereits so viele Chancen. Doch sie schaffen es einfach nicht, ihre Welt auch nur annähernd zu verstehen. Sie beschäftigen sich nur mit sich selbst und ihrer Endlichkeit. Sie ist für sie die magische Kraft, die sie paralysiert und die ihnen ihre Unbeschwertheit raubt. Fast schon manisch geben sie sich einem Treiben hin, das dekadenter nicht sein kann. Als wäre jeder Tag ihr letzter, so verhalten sie sich. Sie wollen aus ihrem Weg zum Ende, das Optimum herausholen und übersehen dabei völlig, dass sie eigentlich alles Lebenswerte verlieren. Sie übersehen einfach ihr Leben. Von einer rastlose Gier nach Glück scheint die Menschheit befallen zu sein. Dabei kann kaum ein Mensch ernsthaft beschreiben, was er eigentlich wirklich unter Glück versteht.«

»Das mag wohl so sein. Mein Glück finde ich jedenfalls nicht bei den Menschen. Das ist mir sehr schnell klar geworden. Ich suche es hier. Meine Welt erfühlen möchte ich. Sie zu erriechen und zu ertasten ist mein Wunsch. Freiheit möchte ich schmecken und mich an der Vielfalt des Lebens um mich herum erfreuen. So bin ich nicht sehr viel anders, als die Elfen des Lichts. Strebt ihr denn nicht auch ein wenig nach dem Glück?«

»Es ist schon möglich, daß die Ljósálfar und du sich näher stehen, als es vielleicht zunächst erscheint. Du bist immerhin hier, die Menschen nicht. Du schweigst, kannst aufmerksam deine Umwelt erfahren, den Stimmen des Waldes und auch denen des Geistes lauschen, sie jedoch nicht. Dennoch weißt du einfach nichts von uns. Wir haben uns zurückgezogen. Kein Mensch hat jemals unser Reich besucht, seit wir uns zurückgezogen haben. Du bist nur ein einsamer Wanderer, der in eine unserer Marken eingedrungen ist. Ich sehe dich und damit nach dir, David.«

»Ihr fühlt euch durch mich bedroht?«, frage ich erstaunt.

»Es kann keine Bedrohung geben. Mehr ist es wohl so, als wärst du die Ahnung, daß es wieder einmal soweit ist. Die Menschen haben erneut eine Menge ihrer scheinbar ungemein kostbaren Zeit verschwendet, um letztlich doch nur wieder bei uns anzukommen. Sie werden erkennen, daß sie nichts gewonnen und nichts verloren haben. Es wird erneut die gleiche Art von Menschen sein, die wir sehen werden. Etwas andere Erfahrungen haben sie wohl wieder mitgebracht und andere Gepflogenheiten. Doch es werden im Grunde die gleichen Menschen sein. Sie werden immer noch von ihrer Endlichkeit getrieben. Du bist die frühe Ahnung, der vage Schatten am Horizont, daß es so sein wird.«

»Ich fühle mich nicht von meiner Endlichkeit getrieben. Sicherlich kenne ich einige Menschen, die sich so verhalten, wie du es beschreibst. Aber nicht alle Menschen geben sich derart grotesk. Mehr ist es so, daß viele Menschen es niemals gelernt, vielleicht es auch nur wieder verlernt haben, auf eine andere und womöglich viel bessere Art zu leben.«

»Du mußt nichts vor mir verteidigen, wo zu verteidigen nichts ist. Die Menschen kehren immer wieder zu uns zurück, bis sie es irgendwann einmal verstanden haben, wie sie ihr Leben sinnvoll leben wollen. Sie haben dabei nichts zu verlieren. Selbst wenn sie aussterben sollten, haben sie nichts zu verlieren. Sie folgen nur ihrer natürlichen Bestimmung als endliche Organismen dieser Welt. Daher gibt es auch nichts zu verteidigen. Wir sind vielmehr wie aufrichtige Freunde der Menschen. Freunde warten gerne, David. Auch helfen sie bereitwillig, wo Hilfe sinnvoll erscheint. Nur geben die Menschen uns sehr wenig Anlaß, ihnen zu helfen. Du könntest eine der ganz seltenen Ausnahmen sein. Wir werden sehen.«

»Also habt ihr bereits einigen Menschen geholfen?«

»Aber natürlich, David. Wir stehen stets an der Seite aller großen und mutigen Visionäre der Menschen. Schaffen sie es in eine unserer Marken, so sind wir für sie da. Doch den Pfad der Erkenntnis, den können wir ihnen nicht abnehmen. Den müssen die Menschen stets selbst beschreiten. Er ist zwingend. Einmal wird es eine Zeit geben, in der sie ihn beschreiten können. So ist das Gesetz der Dinge in der Welt. Menschen und Ljósálfar werden dann vielleicht wieder vereint sein.«

»Das klingt so märchenhaft und unwirklich. Alles an unserer Begegnung erscheint mir völlig unwirklich. Wie soll ich mir nur eure Hilfe vorstellen?«

»Wir sind dabei vielleicht nur ein faszinierender Gedanke, ein Gefühl in dir, ein feiner Duft, eventuell der ungewöhnliche Schimmer der Sonne am Morgen, oder wir sind der kleine Schmetterling, der sich auf deine Hand setzt, wenn du deinen Mut verloren hast. Menschen führen wir zusammen und Koinzidenzen herbei. Wir sind der Beleg für die Zufälle, die es nicht geben soll. Oft sind wir auch der sanfte Wind, der deine Tränen trocknet. Niemand vermutet uns hinter allen diesen Dingen, die euch seltsam ungewöhnlich erscheinen, es jedoch nicht ist.«

»Fast wie Schutzengel seid ihr also. Nun gibt es sie doch, diese Engel.«, denke ich plötzlich laut.

»Sicher nicht. Wir kennen keinerlei göttliche Wesen. Auch taugen wir nicht zur Botenschaft. Nur etwas älter sind wir und eben anders, als ihr Menschen. So wie du, so sind auch wir auf der ständigen Suche nach natürlicher Stille und etwas Frieden im Leben und Sein. Auch sind wir bemüht, um den Erhalt unserer Errungenschaften, um aus ihnen lernen zu können. Wir leben nur in einer völlig anderen Form und Ausgestaltung, als es die Menschen für sich gewählt haben.«

Erja verändert bei ihren Äußerungen kaum ihre Mimik. Sie wirkt auf mich ungebrochen positiv. Ihr Erscheinungsteil in Form dieser geheimnisvollen Lichtkugel, es irritiert mich. Ungewohnt und ziemlich anstrengend ist es für mich, auf diese kuriose Weise zu kommunizieren. Man befindet sich in einer Art Schwebezustand zwischen der eigenen sinnlichen Wahrnehmung, seinen Gedanken und den markanten Einflüssen dieser Kreatur. Diese ist zudem auch noch wunderschön, weiblich und irritierend nackt. Dennoch versuche ich, meine Gedanken zu ordnen und mein Begehren zu drosseln. Vielleicht hat sie ihr Aussehen ohnehin nur für mich gewählt. Eventuell kann sie ihre Gestalt und ihre Form nach Belieben wählen. Ihre wahre Erscheinung, sie ist vielleicht völlig unspektakulär. Meine Aufmerksamkeit liegt nun wieder mehr auf diesem schwebenden Lichtball. Eine seltsame Energie ist sie.

»Ihr seid doch eher nicht körperlich. So würde ich das jedenfalls beschreiben. Also seid ihr wahrscheinlich auch weniger begrenzt, als die Menschen. Wie ist es möglich, daß ihr euch dennoch mit den Menschen vergleicht? Mir ist nicht einmal klar, ob ihr überhaupt sterblich seid und welches euer wirkliches Erscheinungsbild ist.«

»Wir sind alle Kinder dieser Welt. Nur haben wir unsere Zeit der notwendigen Körperlichkeit bereits lange vor der Zeit der Menschen durchlebt. Da war es für uns noch nicht klar ersichtlich, daß die Menschen ihr Ich überhaupt einmal finden würden. Irgendwann überwanden wir die Notwendigkeit des Körperlichen. Körperlichkeit verlor an Bedeutung für uns. Wir hatten für uns einen ganz neuen Platz im Sein gefunden. Unsere alten Stätten, sie zerfielen mit der Zeit. Unsere Spuren wurden durch zahllose Stürme verweht. Es vergingen Jahrtausende. Körperlichkeit ist heute nur noch eine optional wählbare Ausdrucksform für uns. Es gibt andere Formen, die wir zumeist vorziehen. Die Beschäftigung mit der Endlichkeit und das Konstrukt der Sterblichkeit, sie sind eine sehr eigentümliche Idee der Menschen. Sie beruhen auf der Beobachtung der ihnen zugänglichen Umgebung und der Begrenztheit der eigenen Sichtweise. Andere Lebewesen begnügen sich mit der Freude am Leben und hinterfragen es nicht.«

»Also sind wir Menschen zu dumm, um es zu verstehen?«

»In eurer Welt der Begrenzungen und der Endlichkeiten ist es nur zu verständlich, daß die Menschen dazu neigen, im grenzenlosen Raum ihre Grenzen ziehen zu wollen. Diese virtuellen Abgrenzungen bieten den Schein von Sicherheit. Allerdings schränken diese geschaffenen Räume auch ein. Das gilt bei Menschen auch grundsätzlich für Erklärungen und ihre Definitionen zur Welt. Diese sind nur die Methoden dieser Abgrenzungen. Ist etwas erst einmal etwas definiert, wurde damit ein begrenzter Raum geschaffen, dessen Grenzen viel zu selten wieder geöffnet und in Frage gestellt werden. Damit bremsen die Menschen sich leider selbst aus. Dieses angelernte Verhalten, es schränkt euch ein.«

»Ihr definiert also nie etwas?«

»Wir definieren nur temporär, um zu steuern. So ist es uns möglich, unsere gesamte Aufmerksamkeit auf etwas zu legen. Wir schöpfen aus einem uferlosen Ozean eine Kelle Wasser in dem ein Fisch schwimmt, um uns mit diesem Fisch konzentriert befassen zu können. Dann erst können wir ihn studieren. Auf diese Weise entwickeln wir uns weiter. Dabei ist es unerheblich, wo und wann das Studium beginnt und wo und wann es endet, da uns schon die Absicht, ein Ende festlegen zu wollen, sinnlos erscheint. Alles ist ständig in Bewegung und im Fluß. Dabei sind wir selbst immer alles und haben zudem keinerlei Ansprüche auf irgendetwas, da wir es ohnehin schon selbst sind. In einer Welt der Bewegung etwas dauerhaft statisch zu definieren, das ist fürwahr sinnlos.«

»Anstrengend ist es, alles das richtig zu verstehen. Es ist verwirrend.«, meine ich und versuche immer wieder einige Blicke mit der jungen Frau zu tauschen.

Daraufhin löst sich die reizende Erscheinung in meinem Kopf langsam auf. Zudem verändert sich damit auch meine Aufmerksamkeit. Aus dieser leuchtenden Kugel vor mir, bildet sich allmählich ein Frauenkörper. Sofort nehme ich auch diesen seltsamen Duft wahr. Im Dunkel des Waldes, da erscheint Erja als eine wahre Lichtgestalt und beleuchtet die nahe Umgebung mit ihrem blassem Licht. Ihr Licht mischt sich mit dem Schein des Mondes, was die Konturen Erjas teilweise ein wenig auflöst. Von allen Seiten fliegen nun Motten herbei und flattern aufgeregt um die luzide Erscheinung herum. Die unbekleidete Frau, sie scheint dabei selbst, fast über dem Waldboden zu schweben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich körperlich ist und tatsächlich auch über Gewicht verfügt. Völlig lautlos nähert sie sich. Dann vernehme ich plötzlich wieder dieses seltsame Wispern. Es ist jedoch nur sehr leise zu hören. Aber dieses feine Geräusch ist ganz eindeutig. Ich konzentriere mich darauf und erkenne die feine Stimme dieser jungen Frau darin.

»Wir definieren nur, um zu steuern, David. Wir sind hier und dort, einmal nur ein Schatten, dann wieder nur ein kleiner Teil vom Schein des Mondes.«, haucht sie mir ihre Worte entgegen. Dabei streckt sie erneut ihren rechten Arm aus. Dann berührt sie mich wieder an der rechten Wange. Sie streicht mehrfach ganz sanft über sie. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Als würden ihre Finger und die Hand nur aus zusammengepresster Luft bestehen, so erfahre ich einen feinen Kitzel der Kühle auf meiner erhitzten Haut. In Kombination mit diesem betörenden Duft und dem unheimlichen Licht ist ihre Berührung ein kaum zu begreifendes Erlebnis.

»Ich werde hier bleiben, Erja. Es gibt für mich kein Zurück in diese viel zu laute und scharfkantige Welt der Menschen. Ich habe diese Welt so ungemein satt. Sie ist so voller Lügen und Unehrlichkeit. Unerträglich ist sie mir geworden.«

»Doch wovon willst du leben? Du mußt dich ernähren. Der Wald ist nicht mehr das, was er einmal war. Er ist nicht mehr in einer solchen Fülle vorhanden, wie er es ehemals einmal war. Der Wald ist nur noch ein kläglicher Rest, der von Menschen kontrolliert und ständig besucht wird. Sie werden in Kürze nach dir suchen und dir helfen wollen, wieder zu ihnen zu gehören.«

»Ihre Hilfe ist eine Zumutung für mich. Wollen sie helfen, dann verstehen sie darunter fast immer nichts anderes, als dass ich so werde und so denke, wie sie selbst. Sie verlangen nicht nur Anpassung. Sie verlangen Unterwerfung. Dem kollektiven Irrsinn soll ich mich ergeben, um wieder zu funktionieren und nicht mehr zu widersprechen. Doch gerade ihre bizarre Eigenkreation von Realität ist es doch, die mich bedrückt und die ich nicht mit ihnen teilen möchte. Ich kann es nicht. Sie ist gegen meine Natur. Sie macht mich krank und zerstört mich.«

»Also wenn du deine Realität nicht leben kannst und nicht die Realität der Menschen leben möchtest, dann bist du nun offenbar in der Mark der Ljósálfar gefangen. Sie ist für dich vielleicht wie eine Art Wartesaal im Niemandsland, in dem nur eine alte Holzbank steht. Wie beide sitzen auf dieser Bank und erzählen uns solange Geschichten, bis das Schicksal uns eines Tages wieder voneinander trennt.«

Das hat sie wirklich treffend formuliert. So ist es tatsächlich. Ich weiß selbst nur zu gut, dass ich mein ersehntes Leben niemals wirklich leben kann. Aber zurück in das andere Dasein der Menschen, dorthin möchte ich auch nicht. Für alle Ewigkeiten, da muss ich nun einmal ehrlich mit mir selbst sein, werde ich nicht in diesem Wald bleiben können. Die Menschen haben ihn so bestellt, dass er einfach zu lebensfeindlich geworden ist. Also bin ich mit dieser Wesenheit an diesen Ort gebunden, bis das Schicksal mich tatsächlich wieder abholt. Der Gedanke gefällt mir nicht, da ich mir mit ihm, meiner Aussichtslosigkeit bewusst werde. Traurigkeit ist in mir und viel Verzweiflung. Ist es vielleicht der Weg in den Wahnsinn, womöglich in den Tod, auf dem ich mich hier befinde? Ich weiß es nicht. Was möchte ich denn schon? Schaden zufügen, das möchte ich sicherlich niemandem. Lehne ich das Leben der Menschen ab, was bleibt mir dann noch? Kompromisse jeglicher Art in dieser Sache, sie erfüllen mich mit Ekel. Sie treiben mich nur immer weiter in die Verzweiflung.

Erja kommt mir auf einmal ganz nahe. Sie breitet langsam ihre Arme aus und schließt sie sanft um mich. Es gibt nichts, was ich dagegen unternehmen kann. Die Welt um mich herum, sie wird plötzlich wunderbar hell und duftend. Diese frauenartige Kreatur schafft es tatsächlich, meinen Körper augenblicklich mit purem Glück regelrecht zu überfluten. Ich fühle mich leicht und unbeschwert. Wie in eine duftende Hülle aus Licht und wohliger Wärme gelegt, so empfinde ich meine Situation. Müde bin ich, so sehr müde. Dann wird plötzlich alles dunkel.

Als ich meine Augen öffne, ist es bereits Morgen. Vögel zwitschern in den Baumkronen über mir. Die Sonne scheint bereits. In den Spinnweben glänzt der Morgentau. Ich blicke auf die nahe Lichtung. Sie ist ein echter Sonnenplatz mitten im Wald. Dort sehe ich wieder einige der bunten Schmetterlinge über den Blüten tanzen. Ich liege auf dem Waldboden und atme tief ein. Das ist so gut für mich. Die frische Luft und der Geruch des Waldes, beides erfrischt mich und meine Seele. Erja scheint inzwischen verschwunden zu sein. Ich fühle auch ihre Präsenz nicht mehr. Ihr Duft ist ebenso nicht mehr wahrzunehmen. Wieder einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich dieses Erlebnis vielleicht doch nur geträumt habe. So sehr unwirklich erscheint es mir. Vielleicht bin ich schon völlig verrückt geworden?

Allerdings erinnere ich mich an jede Einzelheit und jede Emotion. Eine Täuschung erscheint mir unwahrscheinlich. Ich bin entspannt und gebe mich einer gewissen Nachdenklichkeit hin. Etwas Wunderbares habe ich hier erlebt. Mir hat sich eine Zivilisation offenbart, über die ich bisher nur aus Märchen und Legenden hörte. Doch sie gibt es tatsächlich. Diese Lichtelfen haben es geschafft, sich vor uns Menschen erfolgreich zu verbergen. Aber was ist Lichtelfe eigentlich für ein Wort? Es klingt fantastisch, aber auch ein wenig kindisch. Sehr wohl liegt das alles nur an uns Menschen, wie wir mit diesem Phänomen umgehen. Wir haben uns diese Bezeichnung für sie Phänomene doch selbst ausgedacht. Jetzt über diese zu schmunzeln, dies ist hier sicher nicht geboten. Man hätte ihnen auch einen anderen Namen geben können. Doch dieser wäre heute ebenso belächelt worden. Man kann und sollte Menschen einfach nicht ernst nehmen, die an solche Sachen glauben. So sagen sie es doch immer, oder...? Damit verschließen sich die Menschen dauerhaft jedes Tor und jeden Zugang zu der Möglichkeit, dass es derartige Phänomene und Wesenheiten tatsächlich geben könnte. In dem Fall der Ljósálfar ist nun genau so ein Fall eingetreten. Sie gibt es offensichtlich. Ein Sachverhalt, der das Potential besitzt, nicht nur ganz vereinzelt Sichtweisen zu ändern, sondern eher ganze Weltbilder.

Zufällig auf eine so weit entwickelten Zivilisation zu treffen, relativiert für uns Menschen mit Sicherheit ziemlich alles. Zuerst relativiert es die Sichtweise auf uns selbst. Unsere selbst definierten Grenzen werden in Frage gestellt und damit auch die von uns begehrte Sicherheit für unser eigenes Ich. Wir sind nicht mehr so sehr wichtig, wie wir uns sehen und es gerne wären. Vom Superstar des Universums, da sind wir plötzlich zu einer neandertalisch wirkenden Primitivkultur herabgestuft worden. Nein, wenn wir einmal ganz ehrlich mit uns selbst sind, dann waren wir das bereits vor dem Kontakt auch schon. Wir haben uns eben nur zu gerne eingebildet, so hell wie die Sterne am Firmament zu sein. Dabei sind wir lediglich nur winzige Mikroben, die auf einer blauen Kugel, durch das Weltall fliegen. Wir leuchten nicht, sondern sind mehr nur, der Schatten unserer Welt. Ständig sind wir damit beschäftigt, unsere Lebensraum zu zerstörten. Nein, am besten gleich, zusammen mit uns selbst, in die Luft zu jagen. Wer ist denn bitte der Ansicht, dass wir Menschen wirklich clever sind, sägen wir doch mit Akribie an dem Ast, auf dem wir selbst sitzen?

Selbst auf diese Frage hin, da wird es wieder viele überzeugte Menschen geben, die tatsächlich dennoch der Ansicht sind, auf diese Weise klug zu handeln. Es ist die Gier nach einer möglichst umfassenden Ablenkung von der Furcht. Die furchtbarste Furcht ist es dabei, die uns zu derart dekadentem Verhalten verleitet. Es ist die Angst vor der eigenen Endlichkeit, die unsere Welt gnadenlos auslaugt und sie zu zerstören droht. Das ist wohl deutlich verrückter als meine Behauptung, dass es eine uns überlegene Zivilisation geschafft hat, sich erfolgreich vor uns zu verbergen. Kann man zudem mit Sicherheit ausschließen, dass wir uns aus der Zukunft nicht sogar bereits selbst besuchen? Es wird vielleicht einmal eine Zeit geben, in der wir ähnliche Fähigkeiten besitzen werden, wie sie die Ljósálfar bereits heute für sich nutzen. Wir Menschen der heutige Zeit, wir wissen tatsächlich kaum etwas, sondern stützen unsere subjektiven Weltbilder immer wieder auf Annahmen, Trendextrapolationen und immer wieder weitergegebenen Erklärungsversuchen. Die Gesetze der Wissenschaften sind nur so lange exakt und sinnvoll, bis sie oder ihre Methoden widerlegt werden. Das wollen viele Wissenschaftler nicht einsehen, da derartige Entwicklungen angeblich mit Prestigeverlust einhergehen. Zudem belasten und bremsen sie womöglich die eingefahrenen Wege der Macht. Da sind sie doch alle, die Albernheiten einer verrückten Menschheit. Das bei solchen Verwirrungen es durchaus denkbar ist, dass sich die Lichtelfen erfolgreich vor uns verbergen können, das verwundert mich persönlich nur wenig. Ich bin einer Lichtelfe begegnet. Was sagt man dazu?



Inhaltsverzeichnis

  • Über die Novelle

    Menschen werden geboren. Eine Wahl haben sie nicht. Sie sind einfach da und müssen sich irgendwie mit der Welt ihrer Artgenossen arrangieren. Doch immer mehr Geborene suchen nach Nischen für ihr Leben in einer Welt, die der Mensch für sich selbst, viel zu eng gezimmert hat. Der Erhalt von Macht...

    Weiterlesen: Über die...

  • Eins. David.

    David? Das bin ich. Ich verdiene mir mein wenig Geld, als fleißiger Arbeiter im Weinberg einer großen Einkaufsabteilung. Recht gut bin ich darin, diese bunten Scheinchen zu sammeln. Diese seltsamen Wertzettel meine ich, mit denen man eine Berechtigung für das Leben in der Gesellschaft erwerben...

    Weiterlesen: Eins. David.

  • Zwei. Heimstatt.

    Ich liege im Bett. Meine Augen sind geöffnet. Meine Fenster stehen weit offen. Ein leises Rauschen der Zugluft ist zu hören. Das Licht der Morgendämmerung kündigt den nahen Tag an. So liege ich einfach nur da und genieße den Augenblick. Ich liebe diese Ruhe. Es sind die Augenblicke, bevor die...

    Weiterlesen: Zwei....

  • Drei. Beobachtung.

    Wie feines Haar, so fächern sich die ersten Strahlen der Sonne über den Wipfeln der Bäume auf. Als würden sie den Wald sanft aus dem Schlaf streicheln wollen, wandern sie gemächlich über zahllose Blätter und Nadeln. Die Schatten und die Kälte der Nacht, beide weichen dem Licht und der wohligen...

    Weiterlesen: Drei....

  • Vier. Begegnung.

    Es ist schon Nachmittag. Ich verspüre plötzlich erneut dieses quälende Gefühl, einer nahen Präsenz. Sicherlich ist man in den Wäldern niemals wirklich ganz für sich und alleine. Doch es ist wieder dieses Gefühl in mir zu spüren, von irgendwem oder von irgendetwas beobachtet zu werden. Möglich wäre es,...

    Weiterlesen: Vier....

  • Fünf. Freiheit.

    Mir geht es tatsächlich ganz gut. Ich bin deutlich entspannt. Seit einigen Tagen lebe ich nun hier an dieser Stelle im Wald. Keinem Menschen bin ich seitdem persönlich begegnet. Das ist gut so. Einmal nur, da hörte ich die lachenden Kinder einer kleinen Familie, die offenbar auf einer Wanderung in...

    Weiterlesen: Fünf. Freiheit.

  • Sechs. Du.

    Die Zeit vergeht erstaunlich schnell, wenn man sich erst einmal frei fühlt. Es sind inzwischen einige Tage vergangen. Ich bin jedoch ziemlich schwach. Zu wenig Nahrung gibt es hier für mich. Die heutigen Wälder, sie sind tatsächlich karg und überlebensfeindlich geworden. Es ist ein Glück, daß ich...

    Weiterlesen: Sechs. Du.

  • Sieben. Entscheidung.

    Ein wenig Zeit vergeht. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Ich sitze noch immer auf dem alten Baumstumpf. Mir ist inzwischen etwas kalt. Über Frank habe ich nun eine Menge nachgedacht. Eine richtige Entscheidung ist es gewesen, daß er gegangen ist und ich geblieben bin. Nun warte ich auf Erja....

    Weiterlesen: Sieben....

  • Acht. Wahrheit.

    Die Tür öffnet sich am Morgen. Ich liege auf dem Boden vor meinem Bett. Ich bin wach. Meine Augen sind geöffnet. »Guten Morgen. Es gibt Frühstück.« Ich reagiere nicht. »Haben sie die ganze Nacht auf dem Boden gelegen?« Mir ist es egal, was die Frau von mir denkt. Weiter erntet sie nur Schweigen von...

    Weiterlesen: Acht. Wahrheit.

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